Geehrte und Geschätzte

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Der geehrte Präsident Erdogan zu Besuch bei seinem geschätzten Freund Wladimir. Der Münchener Merkur nennt die neue vorgezeigte Freundschaft von des türkischen Präsidenten mit seinem russischen Pendant eine Allianz der Autokraten, für die Schwäbische Zeitung ist die Annäherung allenfalls ein Zweckbündnis und die Hessische Niedersächsische Allgemeine nennt Erdogan Putins Trophäe – die Pressestimmen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Dass der türkische Präsident nun Zuwendung bei Putin sucht, weil er die in Europa nicht zu finden glaubt, ist eher ein Beleg dafür, dass in St. Petersburg keine antiwestliche Allianz von strategischer Tiefe geschmiedet wird, sondern allenfalls ein mit Versöhnungsrhetorik verziertes Zweckbündnis entsteht. Denn Russland und die Türkei stehen wirtschaftlich nicht gut da; es gibt Projekte, die wiederaufgenommen oder vorangetrieben werden sollen. Außenpolitisch hat Erdogan schon gegenüber Israel gezeigt, dass er wieder zu vernünftigen Beziehungen bereit ist; diese Flexibilität ist auch notwendig angesichts der langen Liste außenpolitischer Misserfolge. Ja, das türkisch-europäische Verhältnis ist gespannt, nicht anders als das türkisch-amerikanische.

Die Welt

Aus dem Macho-Streit ging Putin für das heimische Publikum als ein klarer Sieger hervor. Jetzt darf man mit dem Feind wieder befreundet sein. Noch im November hatte der nationalistische Populist Wladimir Schirinowski vorgeschlagen, eine Atombombe über dem Bosporus abzuwerfen, damit Istanbul überschwemmt wird. Jetzt gelten türkische Tomaten und Urlaub am türkischen Strand nicht mehr als unpatriotisch.

Die Presse

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die türkische Luftwaffe am 24. 11. 2015 im syrischen Grenzgebiet schaukelten sich die Emotionen gefährlich auf. Ein direkter Militärkonflikt zwischen Russland und einem Nato-Mitglied schien auf einmal möglich. Realen Schaden fügte der Disput den Wirtschaftsbeziehungen zu, zumal dem türkischen Tourismus. Es dauerte lang genug, bis sich Erdoğan zu einer Entschuldigung für den Tod des russischen Piloten durchrang. Man muss hoffen, dass Putin und er nach St. Petersburg trotz ihrer entgegengesetzten Standpunkte im Syrien-Krieg im Gespräch bleiben. Das kann dem Frieden in der Region nur förderlich sein.

Die Zeit

Beide sind aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegen. Beide haben die Härte der Hinterhöfe kennengelernt, wo du gerissen oder kräftig, am besten aber kräftig und gerissen sein musst. Beide sind Aufsteiger, die sich durchgesetzt haben in dem Bewusstsein, niemals Schwäche zeigen zu dürfen. Beide bewiesen sich im Sport. Putin war erfolgreich in Judo und Sambo, Erdoğan schlug sich eifrig im Fußball. Beide bauten fast zeitgleich ein Machtsystem auf, dessen Zentrum sie selbst sind. Zu ihrer Wesensverwandtschaft gehört auch: Sie lassen andere gern spüren, wenn sie oben sind. Dort ist nun Putin. Erdoğan hat für derlei Erniedrigungen ein feines Sensorium, und deshalb könnten aus den Möchtegernfreunden auch schnell wieder Feinde werden.

Mittelbayrische Zeitung

Ob die neue Freundschaft zwischen Putin und Erdogan darüber hinaus tragfähig ist, ist eher zweifelhaft. Im syrischen Stellvertreterkrieg sind sie Gegner, wenn nicht Feinde. Die weitere Entwicklung hängt deshalb entscheidend vom außenpolitischen Geschick der EU und der USA ab. Offensichtlich ist, dass dem Westen eine einigermaßen kohärente Strategie für den Umgang mit den beiden autoritären Herrschern und ihren zerbrechlichen Großreichen fehlt. Man kann nur hoffen, dass die Karten nach der Präsidentenwahl in den USA neu gemischt werden - und zwar nicht von Donald Trump.

Spiegel Online

Erdogans Schwenk Richtung Moskau ist demnach zu allererst ein Signal an den Westen. Man will ihn weiterhin als Partner und Verbündeten? Dann muss man mehr bieten als Putin. Die Freundschaft der Erdogan-Türkei ist für den Meistbietenden zu haben. Das ist nicht schön, aber mit dieser Klarheit kann man arbeiten. Kann die Türkei unter diesen Umständen EU-Mitglied werden? Selbstverständlich nicht. Kann man sie als strategischen Nato-Partner halten? Selbstverständlich ja. Es ist nur eine Frage des Preises.
   

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