Schlimmer Finger

Klassik Radio Meinungssache

schlimmer-finger © Fotolia_Orlando Bellini
Sigmar Gabriel ist kein Kind von Traurigkeit – er kann hart austeilen. Ob gegen Journalisten, Partei-Kollegen oder Minister: viele haben schon einmal eine verbale Breitseite des Vize-Kanzlers und SPD-Chefs abbekommen. Als zweiter prominenter SPD-Politiker, nach dem Skandal von Peer Steinbrück Stinkefinger im Magazin der Süddeutschen, nahm Gabriel den Mittelfinger zur Hilfe. Es traf keine Unschuldslämmer, sondern rechte Pöbler, die Gabriel mit seinem Vater, einen bekennenden Nationalsozialisten, konfrontierten. Aber darf ein SPD-Chef, Wirtschaftminister und Vize-Kanzler den Mittelfinger zur Hilfe nehmen? Die Pressestimmen.
Nürnberger Nachrichten

Darf er das? Er darf nicht, er sollte jedenfalls besser nicht. Die politische Debatte verroht ohnehin. Dafür sind vor allem die Tiraden verantwortlich, die im Internet kursieren, aber eben auch öffentlich skandiert werden, weil der im Netz ausgeschüttete Hass ausstrahlt wie eine Seuche. Als Mittel zur Entgiftung hilft da, bei aller notwendigen Klarheit von Sprache und Haltung, nur Mäßigung im Ton und bei Umgangsregeln. Und dazu zählt der Stinkefinger definitiv nicht.

Tagesspiegel

Kalte Schulter zeigen, also solche Provokationen an sich abperlen lassen - Gabriel fällt es sichtbar schwer, diese Verhaltensregel Nummer eins für Spitzenpolitiker zu beherzigen. Zuweilen erweckt der Sozialdemokrat sogar den Eindruck bewusster Schnoddrigkeit. Weil er nichts 'Besseres' sein will, vielleicht, oder es als Selbstverständlichkeit ansieht, dass sich der SPD-Chef dort hinbegibt 'wo es stinkt': also in Brennpunkte, wo man ein deftiges Wort und den Finger versteht und als Authentizität schätzt. Gewählt wird Gabriels SPD dafür aber nicht, auch nicht dort, wo es stinkt. Andernfalls sähen die Umfragen anders aus.

Schwäbische Zeitung

Eines darf man Sigmar Gabriel sicher unterstellen: Dieser Stinkefinger war keine kalkulierte Pose, er kam von Herzen. Man kann Gabriel vorwerfen, dass er sich hat provozieren lassen. Dass er sich auf das Niveau eben jener Menschen hinabgelassen hat, die er schon früher als "Pack" bezeichnete. Staatsmännischer wäre es wohl gewesen, er hätte einfach geschwiegen. Man könnte es aber auch als ein Zeichen einer klaren Haltung werten, wenn rechtsradikalen Pöblern unmissverständlich deutlich gemacht wird, dass ihre Hassbotschaften nicht unwidersprochen hingenommen werden.

Die Welt

Darf das ein Vizekanzler? - Ja. Statt der versöhnenden Raute ein deutlicher Mittelfinger - ist so jemand auch reif, hat er das Format für den Chefsessel des Kanzleramtes? Ja, denn niemand will einen emotionslosen Roboter. Hätte Gabriel nicht reagiert, wäre das viel armseliger gewesen. Das Einzige, was man ihm vorwerfen kann: Warum hat er nicht gleich beide Hände benutzt?

Rhein-Neckar Zeitung

Wer es nun als schlimmer erachtet, wenn ein Politiker sich danebenbenimmt, als wenn zehn vermummte Pöbler denselben beleidigen und triezen, der setzt hier das natürliche Verhältnis von Ursache und Wirkung außer Kraft. Insofern: Man wünscht sich natürlich, dass Politiker weder die Sprache noch die Gesten der Gosse übernehmen - aber für einen Skandal reicht das nun wirklich nicht.
   

Unser Service

Für die besten Hörer in Deutschland

Beste Adressen

Deutschlands Besten Adressen

Newsletter

Wir halten Sie auf dem laufenden mit unserem Premium Newsletter

Social Media

folgen Sie uns

Die PLaylist

Was lief wann?

Länder dieser Erde

Von gutem Geschmack für guten Geschmack

Die Webcam

Der schönste Blick auf Augsburg