Singender Lyriker

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singender-lyriker © Fotolia_Orlando Bellini
Auch in diesem Jahr waren die Listen der Buchmacher wieder unglaublich lang, wenn es um den Sieger des Literaturnobelpreises ging. Auf ihnen standen Namen wie Adonis, der streitbare Lyriker aus Syrien, Haruki Murakami aus Japan, Philip Roth aus den USA und Ko Un aus Südkorea. Bekommen hat den Literaturnobelpreis ein 75-jähriger amerikanischer Folk- und Rockmusiker: Bob Dylan. Die Pressestimmen zum neuen Literaturnobelreisträger.
Kölner Stadt-Anzeiger

Bob Dylans Name tauchte regelmäßig in den Spekulations-Runden vor der Bekanntgabe auf. Völlig zu Recht. Denn was Dylan zu  Gehör bringt, seit weit über 50 Jahren, ist pure Poesie und faszinierende Erzählung. Das Stockholmer Votum ist ein mutiges Zeichen. Denn es öffnet das Feld. Freilich muss sich niemand sorgen, dass nun die Romanciers und Dramatiker und Lyriker dieser Welt an den Rand gedrängt würden. Bob Dylans poetische Kraft ist im Wortsinne  außerordentlich - da ist im Moment wohl niemand in der Musikbranche zu finden, der für einen weiteren Literatur-Nobelpreis infrage käme.

Berliner Zeitung

Das mag besorgten Kulturwächtern nicht behagen oder wie ein Witz erscheinen. Egal. Vielmehr sollte uns bekümmern, warum wir so lange darauf warten mussten, dass ein Popkünstler den Preis bekommt. Denn es stimmt ja, Dylan gehört mit seinen 75 Lebensjahren zu den altgedienten Vertretern seiner Zunft. Der Nobelpreis für ihn, so sehr wir uns darüber freuen können, nimmt sich da schon wie ein Nostalgie-Preis aus.

Märkische Oderzeitung

Gab es denn keine 'richtigen' Schriftsteller? Schon die Frage ist falsch. Denn was genau sollte Bob Dylan von einem 'richtigen' Schriftsteller unterscheiden? Er singt seine Texte, so wie es Homer tat. Er spricht eine einfache (keine schlichte) Sprache - ganz wie Hemingway. Auch dass er bekannt und beliebt ist, ist kein Makel. Vielmehr zeugt solche Kritik von einem bornierten Literaturverständnis. Auch Shakespeare schrieb, um das Volk zu belustigen. Literatur wird nicht schlechter, wenn sie anspricht und bewegt. Dylan hat hervorragende Lyrik verfasst und gesungen - und er hat damit die Menschen erreicht. Das zu würdigen, ist nicht nur ein Gewinn für Dylan, sondern auch für den Nobelpreis selbst.

Spiegel Online

Bob Dylan weigerte sich standhaft, in der Rolle des Protestsängers aufzugehen. Und gerade in den letzten Jahren suchte er konsequent Anknüpfungspunkte in der Musik vergangener Generationen. Zurecht weist die Schwedische Akademie in ihrer Begründung darauf hin, dass Dylan "innerhalb der großen amerikanischen Song-Tradition" neue Ausdrucksformen gefunden habe. Er ist ein Beispiel dafür, dass die Beschäftigung mit eigenen Traditionen nicht zu Isolation und Unwissenheit führen muss.

Kieler Nachrichten

Darf denn ein schnöder Singer-Songwriter überhaupt rein in den Weihetempel der Hochliteratur? Allein wegen jener Leute, die heute noch so etwas zu fragen wagen, hätte sich das Bläuen derer Schienbeine gelohnt. Auch jene, die jetzt mäkeln, Dylan hätte diese Auszeichnung aus künstlerischen Relevanzgründen, wenn überhaupt, dann vor etlichen Jahren bekommen müssen, verkennen, dass er auch im fortgeschrittenen Alter hervorragende Alben wie „Time Out Of Mind“ (1997) oder „Modern Times“ (2006) veröffentlicht hat. Der Hase liegt woanders im Pfeffer. Dass Bob Dylan einer der einflussreichsten Musiker ist, steht völlig außer Frage. Dass viele seiner Texte zu den besten zählen, die je für Songs geschrieben wurden, ebenfalls. Niemand würde auf die Idee kommen, Bob Dylan einen Musikpreis welcher Art auch immer zuzusprechen, diese Verleihung dann aber allein auf die Komposition zu beziehen und die Texte einfach außer Acht zu lassen.

Hessische Niedersächsische Allgemeine

Endlich, endlich, möchte man rufen. Denn auf dem Feld der Literatur überraschte die Stockholmer Nobelpreis-Jury bislang nicht immer mit preiswürdigen Entscheidungen, leider auch oft nur mit schrecklich gut gemeinten Hinweisen auf – oh,schau mal einer an – auch noch lesenswerte Autoren. Schön für sie. Diesmal aber ist alles anders. Denn Bob Dylan hat weder politisch-korrekte Hilfestellung nötig, noch braucht er das Geld. Und anders als viele andere Preisträger wird Dylan noch gesungen werden, gehört und gelesen, wenn keiner mehr weiß, was eigentlich so ein Nobelpreis mal war.

Westfälische Nachrichten

Auch Dario Fo, den jetzt mit 90 Jahren gestorbenen Theatermann, hatte 1997 niemand auf der Rechnung. Nicht nur dies vereint die beiden Preisträger, sondern auch ihr Ansinnen, Menschen mit Sprache zu erreichen, anzurühren, zu treffen, die Tiefen des Lebens auszuloten, sich für die Sache der Schwachen einzusetzen. Der Preis unterstreicht, wie wichtig das gedichtete und nachhallende Wort in unserer friedlosen Zeit ist.

Rheinische Post

Die Wahl des neuen Literaturnobelpreisträgers ist ein Missverständnis. Weil sie erstens nicht so revolutionär ist, wie sich die Königliche Akademie zu Stockholm das vielleicht gedacht oder erhofft haben mag. Die Entscheidung ist nicht einmal spektakulär jung angesichts des 75-jährigen Singer-Songwriters Bob Dylan, dessen größte Erfolge jetzt auch schon etliche Jahre zurückliegen. Das größte Missverständnis aber trifft uns und unsere Anspruchshaltung. Als sei der Literaturnobelpreis eine Weltmeisterschaft wie jede andere mit einem unstrittigen Sieger am Ende. Die Wahl - so verblüffend, empörend und grandios sie jetzt auch genannt wird - ist vielleicht wegweisend. Am Ende ist es ja nicht die Akademie, die Dylan preiswürdig macht. Es sind auch nicht die Kritiker. Zum Schluss sind immer wir es: die Leser - pardon: die Hörer.
   

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