Auf der Straße

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Spiegel Online titelt „Für Frieden und Erdogan“, die Frankfurter Allgemeine Zeitung sah Erdogans treue Truppen in Köln und die taz sprach von Pro Erdogan ohne Erdogan. Zehntausende Anhänger des türkischen Präsidenten haben in Köln demonstriert – die Pressestimmen:
Kölner Stadt Anzeiger

Ohne Erdogans spezielle Brille ist die Kundgebung so europäisch wie der große böse Wolf eine Großmutter ist, bloß weil er deren Nachthaube trägt. Wer durch die Brille Erdogans blickt, der weiß auch, warum es eine Zeit lang so aussah, als würden blamabel wenig Menschen zur Kölner Großkundgebung kommen. Weil böse deutsche Bus-Unternehmer ihre Fahrzeuge nicht zur Verfügung gestellt haben. Man benötigt die Erdogan-Brille, um zu verstehen, warum Deutschland ohne rechtsstaatliches Begehren vermeintliche Anhänger des Predigers Gülen ausliefern soll, der bis 2013 noch engster Verbündeter Erdogans war. Wir verstünden dank der Erdogan-Brille, warum die Kölner Polizei und deren Chef, die diesen Sonntag mit fünf Demonstrationen sicher gemeistert haben, aus türkischer Sicht zu kritisieren sind. Seine Brille würde uns verstehen lehren. Oder uns erstarren lassen.

Berliner Zeitung

Erdogan ist mit seinem Versuch, seine Anhänger in Deutschland aufzupeitschen, nicht an deutschen Politikern und nicht an deutschen Parlamenten gescheitert, sondern am deutschen Rechtsstaat.  Nur zwei Sätze benötigt das Gericht, um die Unbegründetheit der Beschwerde zu erläutern: Sie habe „offensichtlich keine Aussicht auf Erfolg“, weil nicht klar sei, welche Grundrechte Erdogans verletzt sein sollen. Tatsächlich kennt das Grundgesetz kein Recht der Diktatoren, ihre Hassreden per Video von ihrer Heimat aus in Deutschland zu verbreiten.

Südwest Presse

Es fällt schwer, angesichts der türkischen Reaktionen auf die Geschehnisse in Köln einen kühlen Kopf zu behalten. Während Erdogan mit immer neuen Verboten und Verhaftungen sein Land aus der Demokratie in die Diktatur führt, fordert er auf deutschem Boden vehement eben jene Rechte ein, die er zu Hause mit Füßen tritt. Doch so lange sich in Deutschland Erdogan-Anhänger und -Gegner friedlich versammeln, müssen wir es aushalten, dass der türkische Konflikt auf unseren Straßen ausgetragen wird. Es ist ein Zeichen von Stärke und nicht von Schwäche, wenn die rivalisierenden politischen Lager in Deutschland für ihre Sache öffentlich auftreten und demonstrieren dürfen.

Westfalen Blatt

Sicher kann die Lösung nicht darin liegen, den Erdogan-Fans das Demonstrieren fortan zu verbieten. In der Demokratie ist die Meinungsfreiheit ein zentrales Gut. Gerade dadurch unterscheidet sich Deutschland ja auch wohltuend von Erdogans despotischem Gehabe. Trotzdem ist es schwer erträglich, wenn ein türkischer Spitzenpolitiker wie Erdogans Sportminister Kilic in Köln auftreten kann, derweil deutsche Abgeordnete nicht einmal die in der Türkei stationierten Bundeswehrsoldaten besuchen dürfen, da Erdogan es verboten hat. Und ob es der Integration hier lebender Türken dient, wenn ihren Moscheegemeinden Imame vorstehen, die in der Türkei und nicht in Deutschland ausgebildet sind, darf ebenfalls bezweifelt werden.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Union Europäisch-Türkischer Demokraten, die der in der Türkei regierenden AKP nahesteht, hat in Köln zu einer Kundgebung aus Anlass des gescheiterten Putschversuchs aufgerufen. Tausende sind dem Aufruf gefolgt: Es war eine Demonstration für den Präsidenten Erdogan, der den Putschversuch zu einer beispiellosen Säuberung des Staatsapparats und zum Ausbau seiner Macht nutzt. Aber die Konflikte in der Türkei, ob es sich um den Kurdenkonflikt handelt oder um die Verfolgung mutmaßlicher Gesinnungsgenossen mutmaßlicher Putschisten, darf man nicht in Deutschland austragen, schon gar nicht mit Gewalt. Europäische Länder dürfen nicht zu Arenen werden, in denen es um die Macht in Ankara und innertürkische Richtungskämpfe geht.

Allgemeine Zeitung

Es ist schwer zu ertragen, dass mitten in Deutschland Tausende für einen Mann auf die Straße gehen, der eine solche Demonstration in seinem eigenen Land, wäre sie gegen ihn gerichtet, niederknüppeln ließe. Noch schwerer zu ertragen ist, dass viele Teilnehmer seit Jahren hier leben, aber offensichtlich nie angekommen sind. Sonst hätten sie nicht für, sondern gegen Erdogan demonstriert. Selten waren sich Deutsche und Türken so fremd wie in diesen Tagen. Wer die Meinungsfreiheit in Deutschland dazu nutzt, deren Abschaffung in der Türkei zu verteidigen, der sollte am besten zurück in die Türkei gehen und dort sehen, was er davon hat.

Die Welt

Anregungen, wer sich in der türkischen Innenpolitik engagieren wolle, könne gerne in die Türkei zurückgehen, klingen zwar logisch. Aber die Zeitungsverbote in der Türkei mit Versammlungsverboten in Deutschland zu beantworten und den massenhaften Rauswurf von Richtern, Journalisten und Lehrern dort mit dem Rauswurf von Türken und Deutschen türkischer Abstammung hier - das wäre eine unzureichende Antwort. Wir sind nicht so wie Erdogan.
   

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