Das Interview - mit Menahem Pressler

Eine Pianistenlegende über Mozart, Politik und den ECHO

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Zum Saisonauftakt des Philharmonischen Staatsorchesters am 13.09.2015 in Hamburg gaben gleich zwei Klassikstars ihren musikalischen Einstand: GMD Kent Nagano und Pianistenlegende Menahem Pressler, den unsere Musikchefin Bettina Zacher nach dem Konzert Backstage traf.
Bettina Zacher: Tausend Dank! Es ist mir eine große Ehre, heute mit Ihnen zu sprechen. Ich freue mich wahnsinnig, dass das klappt.
Menahem Pressler: Die Freude ist ganz meinerseits!

BZ: Ich weiß es deshalb sehr zu schätzen, weil es für jeden Künstler eine große Leistung ist, NACH dem Konzert noch Interviews zu geben.
MP: Das mache ich gerne. Wissen Sie, es ist doch immer so: Man liebt es sehr, von sich selbst zu sprechen. Man ist überzeugt, etwas mitteilen zu müssen - etwas Bedeutendes. Und bedeutend – in meiner Hinsicht – ist…ein langes Leben, obwohl ich wirklich sagen muss, dass ich von Gottes Händen begleitet bin. Ich, der ein Flüchtling war, der in Deutschland, in Magdeburg geboren wurde, aus Magdeburg nach Italien floh und dann mit dem Schiff nach Palästina, Israel fuhr. Als das Schiff in Israel ankam, war auch Italien im Krieg, also bin ich sozusagen zwei Mal den “Öfen" entflohen – sozusagen unter Gottes Hand. Dann habe ich - vor 55, fast 60 Jahren - das Beaux Arts Trio gegründet und eine Karriere aufgebaut. Das Trio wurde wirklich sehr berühmt und jedes Mal, wenn ich zufällig eine Platte höre, würde ich sagen: Mit Recht!
Jetzt bringt das Label „Philips“ 61 unsere Platten raus, ein Rekord!
Jedes Mal, wenn ich unser Spiel mit sehr guten anderen Aufnahmen vergleiche, wird mir bewußt, was wir getan haben…da ist etwas, das Seelen berührt, inspiriert…. Etwas, was ich sonst nicht oder nur selten höre. Ich bin nicht taub und natürlich weiß ich die Leistungen meiner Kollegen zu schätzen. Das Schönste an der Musik ist die Inspiration. Das ist eine Seltenheit. Wenn man sie in eine Flasche stecken könnte, wäre ich der Erste, der das kaufen würde (lacht). Man sucht die Inspiration, die nur manchmal da ist, und das Schöne beim Trio war, dass wenn einer nicht inspiriert war, es der Andere aber war. So haben wir uns immer gegenseitig positiv beeinflusst. Ja und dann geschah eines Tages eine große Überraschung, als unser letzter Geiger, Daniel Hope - ein Liebling, ich liebe in ihn zutiefst! - mir sagte, er könne nicht mehr mit uns spielen, weil er eine Solo-Karriere beginne.
Natürlich habe ich das verstanden. Und obwohl mein Management mir riet, ich könnte irgendeinen neuen Geiger nehmen, wollte ich das nicht. Ich wollte lieber, dass man sagt: „Warum hat das Trio aufgehört?“ Und nicht: „Warum hat das Trio nicht schon längst aufgehört?“ Also habe ich eher zufällig ein Recital in Paris gegeben, das auch auf DVD aufgenommen wurde. In den Kritiken dazu stand: „Warum hat er nicht schon längst das Trio aufgegeben, wenn er alleine SO spielen kann?“ So begann eine ganz neue Karriere in meinem Leben, eine Solokarriere!

BZ: Inspirierende Momente… viele davon hatten Sie heute Abend auch.
MP: Ja, das hat sich sehr gut angefühlt.

BZ: Das hat das ganze Publikum gespürt, es war ja wirklich mucksmäuschenstill. Was muss ein Interpret mitbringen, um diesen Zauber zu schaffen?
MP: Das ist eben dieses Wort in der Flasche: Inspiration! Natürlich braucht man einen „Motor“ und das ist eindeutig immer der Komponist: heute Abend Wolfgang Amadeus Mozart! Wenn man bedenkt, dass das Klavierkonzert B-Dur KV 595 das letzte Klavierkonzert war, das er komponiert hat … ein Konzert, das er geben wollte, um Geld zu verdienen. Er hatte keinen Pfennig, es war also eine ziemlich ernste Angelegenheit. Das Publikum kaufte keine Karten. Also hat er einen bekannten Klarinettisten aus Wien engagiert, damit der Saal voll wurde. Dann spielte Mozart dieses Klavierkonzert … und starb. Es wurde sofort nach seinem Tod berühmt, so wie seine Oper Don Giovanni. Diese Oper kam übrigens nur durch den Komponisten Joseph Haydn zustande. Eigentlich sollte dieser die Oper komponieren und lehnte mit den Worten: „Sehr gerne, aber wenn Ihr wirklich eine großartige Oper haben wollt, dann geht zu Mozart.“ Ab. Haydn wusste schon damals, wer Mozart war.

BZ: Hätten Sie Mozart gern kennengelernt?
MP: Sehr gerne, ich hätte ihm seine Hände, seinen Kopf, seine Füße aus Dankbarkeit geküsst! Er hat mir so viele großartige emotionale Momente geschenkt: als Interpret und auch als Zuhörer!

BZ: Die Zugabe, die Sie heute gespielt haben, war auch etwas ganz Besonderes. Verraten Sie unseren Hörern, was sie gespielt haben?
MP: Das war das Nocturne in cis-moll von Chopin. Es ist nicht in den Nocturne-Büchern von Chopin zu finden. Er hat es in das Tagebuch seiner Schwester geschrieben. In diesem Nocturne kommt ein Motiv des 2. Klavierkonzert in f-moll vor. Ich hörte dieses Nocturne noch als Schüler von einem polnischen Pianisten in Israel. Schon damals war ich tief beeindruckt, denn das 2. Klavierkonzert in f-moll liebte ich nicht nur, ich spielte es auch oft. Auf diese Weise war das Nocturne etwas ganz Besonderes für mich. Auch dafür bin ich sehr dankbar. Wir alle sind natürlich in Gottes Hand und ich habe das Glück, das schon 91 Jahre lang zu spüren.

BZ: Es war wirklich wunderschön zu hören, ganz toll! Jeder einzelne Ton hatte eine Bedeutung.
MP: Ich danke Ihnen vielmals!

BZ: Sie haben es schon angesprochen… Ihre Flucht aus Deutschland. In Deutschland, Europa dominiert die Flüchtlingsbewegung. Was für Gefühle löst das in Ihnen aus?
MP: Wissen Sie, politisch möchte ich mich nicht dazu äußern. Ich finde , dass gerade Deutschland sich fantastisch verhält. Frau Merkel ist etwas ganz Besonderes . Aber auch die Welt muss verstehen, dass sie einen grossen Anteil daran hat und helfen muss. Helfen bedeutet nicht nur, dass man in einem Lager sitzt. Helfen bedeutet, dass man arbeiten darf, dass man arbeiten kann, dass man eine Familie haben kann und Kinder aufziehen kann, die Selbstrespekt und Respekt vor ihrer Umgebung lernen. Und darin ist Deutschland wirklich ein Vorbild.

BZ: Ich habe gelesen, dass Sie viel von Ihren Gagen für karitative Zwecke spenden. Ist das so?
MP: Als der Krieg zu Ende war wurde mein Trio nach Deutschland eingeladen. Meine Frau, die in Palästina, Israel geboren wurde, hat mir damals nur erlaubt hier zu spielen, wenn das Geld für Wohltätigkeitszwecke nach Israel fließen würde. Sie hat gesagt: „Du hast Israel dein Leben, deine Erziehung zu verdanken. Jetzt gib etwas zurück!“

BZ: Sie werden dieses Jahr mit dem ECHO Klassik für Ihr Lebenswerk geehrt. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung?
MP: Ich darf ja eigentlich noch gar nicht darüber sprechen, aber da Sie es schon wissen..(lacht): Es ist eine große Freude, eine wirklich tiefe Freude. Alles Schöne ist mir in der Zwischenzeit begegnet: Ich bin Ehrenbürger der Stadt geworden, in der ich geboren wurde, aus der ich fliehen musste: Magdeburg. Ich habe das Verdienstkreuz Erster Klasse vom deutschen Präsidenten bekommen … auch in Magdeburg. Und ich habe 5 Ehrendoktorate. Also wenn Sie mich fragen, wie sich das Neueste anfühlt, ist meine Antwort: „Es kann ja nie genug sein.“ In diesem Zusammenhang liegt mir am Herzen, meine geliebte Tochter zu erwähnen. Ohne sie wäre ich heute nicht hier. Sie hat mir das Leben gerettet, unterstützt mich immer. Sie brachte mich zum Arzt, der Anfang des Jahres diese schwere Operation machte. Nur weil ich das überlebt habe, kann ich heute so viele Ehrungen annehmen und diese mit meiner Tochter teilen.

BZ: Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass noch ganz, ganz viele dazu kommen und Sie noch sehr viele Konzerte spielen werden.
MP: Danke, Bettina, ich danke dir.

   

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