Eine blutige Nacht

Klassik Radio Meinungssache

ein-blutige-nacht © Fotolia_Orlando Bellini
Nach dem Anschlag in Orlando gibt es keinen Hinweis dafür, dass der Attentäter aus dem Ausland gesteuert wurde. Das hat US-Präsident Obama gesagt. Die Ermittlungen stünden zwar noch an einem frühen Zeitpunkt - bislang deute aber alles daraufhin, dass sich der Täter selbst radikalisiert habe. Die Pressestimmen.
Frankfurter Rundschau

Wie nach jeder dieser Bluttaten stellen sich die gleichen Fragen. Die Antworten bleiben stets unbefriedigend. Politisch oder gesellschaftlich geht letztlich alles so weiter wie bisher. Nach der Trauer kommt das Verdrängen und Vergessen. Das Waffenrecht wird nicht verschärft, die Ursachen der Taten werden nicht untersucht oder reflektiert. Das wird sich auch diesmal nicht ändern, auch wenn Präsident Obama erneut Reformen verlangt. In diesem Jahr sind die Chancen für ein neues Waffengesetz sogar noch geringer als zuvor, weil der Wahlkampf tobt und vor allem der designierte Kandidat der Republikaner Trump den Anschlag von Orlando nun im Rahmen seiner anti-islamischen und anti-migrantischen Kampagne nutzt.

Nürnberger Nachrichten

Das weit verbreitete Misstrauen vieler Amerikaner gegen ihre muslimischen Mitbürger wird durch das Blutbad von Orlando weiter angefacht. Viele werden nicht bereit sein, weiter zu differenzieren. Viele werden nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass der Attentäter schon früher instabil war und Medikamente nahm. Sie werden die amerikanischen Muslime generell für diese Tat - und einige andere davor - in Sippenhaft nehmen.

Berliner Zeitung

Trumps brutaler und machistischer Populismus kann paradoxerweise mehr dazu beitragen, die Bluttat von Orlando zu verstehen, als es ihm lieb sein dürfte. Denn ein evidenter, gern verdrängter Aspekt ist, dass dieser Anschlag wie fast alle Massaker zuvor von einem Mann verübt wurde. Es ist Männergewalt. Und die hat Gründe. Seit Jahrzehnten gibt es eine Gruppe von Männern, die sich benachteiligt fühlt. Sie fürchtet um ihre Arbeit, ihre soziale Stellung - von Aufstieg ist da ohnehin keine Rede mehr - und ihre "gute alte" kleine Welt, die sie von Globalisierung, Migration und gesellschaftlichen Reformen wie der Homo-Ehe oder der Förderung von Frauen und Minderheiten bedroht sieht.

Spiegel Online

Sollte Trump tatsächlich Präsident werden, dürfte sich das Verhältnis zwischen dem Westen und der muslimischen Welt dramatisch verschlechtern. Trumps Hass-Politik wäre ein Garant dafür, dass der irrsinnige Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt im Nahen Osten und darüber hinaus neuen Schwung erhielte. Im IS-Hauptquartier in Syrien sehen sie einer möglichen Wahl Trumps sicherlich schon voller Vorfreude entgegen. Ein besseres Rekrutierungsprogramm könnte sich selbst der finsterste Dschihadist nicht ausdenken. Natürlich gibt es Hoffnung, dass eine Mehrheit der Amerikaner sein zynisches Spiel durchschaut. Aber was, wenn nicht?

Der Standard aus Wien

Die große politische Frage ist, wie sich diese Hilfslosigkeit gegenüber einer neuartigen Terrorgefahr im US-Wahlkampf niederschlagen wird. Ein großer Anschlag kurz vor den Wahlen, so wird schon lange spekuliert, könnte Trump doch noch ins Weiße Haus katapultieren. Trump hat über Twitter auch gleich versucht, das Massaker zu instrumentalisieren. Aber sein 'Dank für Gratulationen, dass ich beim radikalislamischen Terrorismus richtigliege' war ein typisches Beispiel für seinen egozentrischen Zynismus, der ihm eher schadet als nützt. Seine Gegenspielerin Clinton und ihren Mentor Obama erwartet bis November eine Gratwanderung: Sie müssen Entschlossenheit zeigen und dennoch den Amerikanern klarmachen, dass absoluter Schutz nicht möglich ist. Kluge Überzeugungsarbeit ist notwendig, um ihr Land vor einer noch größeren Gefahr zu bewahren als dem Terror der IS - vor Trump.

Badische Neueste Nachrichten

Fest steht jedoch bereits: Das blutige Attentat trifft nicht nur Amerika erneut mitten ins Herz - sondern die ganze westliche Welt. Denn: Die grausame Tat stellt erneut unweigerlich auch einen Angriff auf unseren freien Lebensstil dar. Akzeptanz, Respekt und ein friedliches Miteinander gehören ebenso dazu, wie ein ausgelassener Abend am Wochenende. Dass alles ist den Islamisten ein Dorn im Auge. Indem der IS nun eine bei Homosexuellen beliebte Disco ins Visier genommen hat, erreicht der Terror eine ganz neue, traurige Stufe.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Auf gruselige Weise haben sich in der Blutnacht von Florida mehrere Stränge des erbitterten politischen Streits verwoben. Über den richtigen Umgang mit Islam und Islamismus, über die Rechte sexueller Minderheiten und über das Waffenrecht ist die Nation tief entzweit. Der Täter Omar Mateen hat das in Orlando ausgenutzt. Mit durchgedrücktem Abzug hat er der Welt vorgeführt, wie leicht ein Einzelner Angst verbreiten und gesellschaftliche Gräben vertiefen kann. Das wird Nachahmer inspirieren.

Bild

Der Killer von Orlando, ISIS-Attentäter, Hooligans – sie alle sind von Hass getrieben. Sie haben nie gelernt, sich selbst und andere wertzuschätzen. Sie sind Gescheiterte. Aus Selbsthass suchen sie den Tod und reißen andere mit. Die zivilisierte Welt muss sich darum immer wieder fragen: Haben wir genug getan, um diesen Horror zu verhindern? Durch Schulen, die Respekt vermitteln. Durch eine Staatsgewalt, die klare Regeln durchsetzt. Durch eine Polizei, die Verdächtige nicht aus den Augen lässt. Wir werden uns nicht vor jedem Psychopathen schützen können. Aber wir müssen mehr als bislang tun, damit Brutalität und Massenmord nicht Teil unseres Alltags werden. Sonst sind wir schutzlos.

 

   

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