Ende einer Schande

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Das Flüchtlingscamp in Idomeni wird geräumt. Die ersten Flüchtlinge wurden in reguläre Flüchtlingslager in Griechenland gebracht. DIe Räumung könnte aber noch Wochen dauern. Die Pressestimmen.
Nürnberger Nachrichten

Zynischer geht's kaum: In Istanbul sitzen 6000 Experten und Politiker zusammen, um zwei Tage lang über eine bessere Versorgung notleidender Menschen zu diskutieren. Und nur einige hundert Kilometer weiter westlich, im griechischen Flüchtlingslager Idomeni, schafft es das reiche Europa nicht mal, die grundlegendsten humanitären Standards einzuhalten. Da wirken die Appelle beim Gipfel zur humanitären Hilfe in der Türkei doch ziemlich wohlfeil. Möglicherweise, weil der Kern des Problems ein anderer ist: Meistens sind es die ungerechten Strukturen des Welthandels, die Krisen auslösen und verschärfen. Wer daran nichts ändert, wird noch viele Gipfel abhalten und Flüchtlingslager räumen müssen.

Sächsische Zeitung

Idomeni zeigt - vor unserer Haustür, jedenfalls innerhalb eines Landes der einst so stolzen Europäischen Union - die immer noch dunkle Seite der Flüchtlingspolitik. Für uns mag sich die Flüchtlingskrise beruhigt haben, doch viele Tausend Menschen sind immer noch auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Not. Auch das stimmt: Deutschland kann und wird nicht alle aufnehmen, die irgendwo auf der Welt in Not sind. Aber das heißt nicht, dass uns ihr Schicksal wurscht sein sollte. Es gab doch mal den humanitären Imperativ.

Bild

Idomeni war nur ein falsches Versprechen. Hier entledigte sich Griechenland der Flüchtlinge, unter den Augen der EU. Menschen wurden weitergereicht nach Norden, an den Nicht-EU-Staat Mazedonien. Hauptsache: raus aus Griechenland. Athen war da nicht besser als die Türkei. Im Gegenteil. Die hat sich wenigstens noch um drei Millionen Flüchtlinge gekümmert. Griechenland nicht. Idomeni galt als Schande für Europa. Die Menschen dort wurden im Stich gelassen von der griechischen Regierung, aber auch vom Rest Europas. Dem war von Anfang an klar, dass dieses Land es nicht schaffen kann und dass es diese Regierung wohl auch nicht will. Griechenland hätte von der EU gezwungen werden müssen, haltbare, menschenwürdige und rechtstaatliche Verhältnisse für Flüchtlinge herzustellen. Zur Not auch gegen den Unwillen von Regierung und Behörden. In der Flüchtlingskrise zeigt sich, was auch zur Finanzkrise führte: Griechenland als Staat existiert im Kern nicht.

Weser Kurier

Wenn jetzt bessere Camps vorgeschoben werden, ist das ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die seit fast drei Monaten im Dreck leben. Man überließ sie ehrenamtlichen Helfern und sich selbst. Die EU und Griechenland hätten das wilde Lager Idomeni offiziell machen können. Damit hätte man die Situation verbessert, Verantwortung übernommen. Doch das Statement, dass die Menschen dort nicht hingehören, war wichtiger als Humanität.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Je weniger die EU in der Flüchtlingsfrage von der Türkei abhängig ist, desto besser wäre auch ihre Position in den Verhandlungen mit Erdogan. Auch deren Ziel muss es sein, ohne Verrat an den eigenen Werten und Prinzipien zu einem Migrationsregime zu kommen, das die Deutschen und die anderen Europäer akzeptieren – und das die Entstehung von neuen Idomenis verhindert.

taz

Die Linksregierung in Griechenland bleibt in ihrer Oppositionsmanier: Sie reagiert statt zu agieren. Viel bleibt dem selbst krisengeschüttelten Land auch nicht übrig. Es muss seine Gläubiger bei Laune halten und dabei Angela Merkels vordergründige Willkommenskultur und die Abschottungspolitik der EU-Länder ausbaden. Manche in der EU wird es freuen, dass sie anhand der griechischen Linken vorführen können, dass links nicht funktioniert. Tatsächlich aber zeigt das Verhalten Athens vor allem eins: Europa ist alles andere als sozial.

Badische Zeitung

Idomeni ist zum Symbol für nationalen Egoismus in der Flüchtlingspolitik geworden. Das Elend dort ist der Preis für die Schließung der Balkanroute, die Griechenland überfordert zurückließ. Mehr denn je zeigt sich: Zu einer gesamteuropäischen Anstrengung gibt es keine Alternative.

Lausitzer Rundschau

Der Stand der Humanität lässt sich am Umgang mit den Flüchtlingen ermessen. Sie haben nicht mal mehr eine Heimat, sie sind vogelfrei und allen niederen Instinkten ausgeliefert, derer der Mensch fähig ist. Das Ergebnis schon einer oberflächlichen Betrachtung ist: Der Stand der Humanität in der Welt ist schlecht.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Dieses Europa kann sicherlich nicht alle Probleme der Welt lösen. Dass sich die EU-Länder mit ihren 500 Millionen EU-Bürgern aber nicht um das Schicksal von einigen Hunderttausend akut bedrohter Menschen kümmern, gereicht diesem so reichen Kontinent zur Schande.
   

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