Grausam und sinnlos

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Nach dem Terror-Anschlag in Istanbul beginnt die Suche nach Ursachen, Schuldigen und Lösungen. Die Pressestimmen.
Westfälische Nachrichten

Brutal und verheerend: Der Terror am Atatürk-Airport in Istanbul beweist, dass der Hydra immer wieder neue Köpfe wachsen. Die Hoffnung, es gebe irgendwo noch Sicherheit, ist trügerisch. Manche hierzulande beruhigen sich damit, dass die Türkei weit entfernt ist. Doch das Ungeheuer Terror kann morgen auch London oder Frankfurt treffen. Das beweisen die Ereignisse am Brüsseler Flughafen vor wenigen Monaten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der Terror des IS trifft den Nerv der Türkei. Sollten die Menschen aus aller Welt fernbleiben, die Touristen ebenso wie die Kunstschaffenden, würde der Terror das kreative Zentrum der Türkei lähmen. Istanbul und die ganze Türkei drohten immer mehr zu werden wie die Städte und Länder im Nahen Osten, in denen der Terror zum Alltag gehört. Dann träte Instabilität an die Stelle von Vitalität. Plumpe Verschwörungstheorien werden die Türkei nicht aus dieser Lage führen. Vielmehr dürfte nicht zuletzt eine enge Zusammenarbeit mit Europa, so wie sich die bereits in der Eindämmung des Flüchtlingsstroms weitgehend bewährt hat, auch den Strom des Terrors stoppen.

Badische Zeitung

Das Attentat zeigt, wie notwendig es ist, dass die Türkei gegenüber ihren Nachbarn und Partnern zu einer Politik des Dialogs und des Pragmatismus zurückkehrt. Auf sich allein gestellt wird sie der Bedrohung durch den Terror nicht begegnen können. Erdogan muss sich auch fragen, ob er Mitverantwortung dafür trägt, dass die Terroristen der Terrormiliz IS jetzt in seinem Land wüten. Lange verharmloste Ankara die Gefahr. Im Syrienkonflikt setzte Erdogan auf den Sturz des Assad-Regimes. Nach dem Motto 'Der Feind meines Feindes ist mein Freund' ließ er den IS im türkisch-syrischen Grenzgebiet gewähren.

Rhein-Neckar-Zeitung

Erdogans Politik hat den mutmaßlichen IS-Anschlag erst ermöglicht? Das will doch niemand ernsthaft behaupten. Im Gegenzug könnte man auch sagen, Amerika ist selbst schuld am 11. September; hätten sie mal die arabische Halbinsel beizeiten verlassen und Bin Ladens Ultimatum erfüllt. Nein. Terror bleibt ein hinterhältiges Handwerk, das im aktuellen Fall die Strukturen des westlichen Lebensstils zerstören will. Wer hier die Schuld bei den Angegriffenen sucht, spielt den Tätern in die Hand.

taz

In unseren Köpfen existieren immer noch zwei Kategorien von Terroropfern. Die einen, die in Paris oder Brüssel starben und deren Tod uns bis ins Mark trifft. Und die anderen, die schon so oft in der Türkei, dem Irak oder Israel getötet wurden und die der Westen mit distanzierter Anteilnahme bedenkt. Größere Nähe löst größere Betroffenheit aus - das ist eine Erklärung. Implizit schwingt aber auch immer mit, dass der islamistische Terror in manchen Regionen Teil eines lokalen Konflikts ist. Die Opfer sind unseres Mitgefühls würdig, aber wir identifizieren uns nicht mit ihnen. Doch diese Sicht ist gleichzeitig Irrtum und Irrsinn. Die Attentäter von Istanbul, die mit sehr großer Wahrscheinlichkeit der Terrormiliz 'Islamischer Staat' angehörten, wollten die Weltöffentlichkeit an Brüssel und Paris erinnern. Sie machen keinen Unterschied - und wir sollten es auch nicht tun.

Schwäbische Zeitung

Es stellt sich die Frage, ob Erdogan Prioritäten richtig gesetzt hat. Denn die brutale Effizienz, mit der seine Sicherheitsdienste gegen Kurden, Christen und Aleviten vorgehen, die Unnachgiebigkeit, mit der Andersdenkende verfolgt werden, lassen sie beim Schutz etwa von Flugreisenden oder einfachen Bürgern beim Einkaufsbummel vermissen. Über Monate hat der Staatschef die Kurden als Hauptfeind bezeichnet. Dass der IS, der eventuell hinter dem Anschlag steckt, ein gefährlicher Gegner ist, wurde heruntergespielt. Der Westen muss ein Interesse an einer stabilen Türkei haben, mit einer Regierung, die zum Wohl des Landes arbeitet, nicht um die Machtfülle eines abgehobenen Herrschers zu vergrößern.

Kölner Stadt-Anzeiger

Auf den ersten Blick könnte der Terror Erdogan in die Hände spielen. Der Präsident präsentiert sich seinen Landsleuten als der einzige, der das Land vor dem Chaos bewahren kann. Tatsächlich aber schwächt der innenpolitische Machtkampf die Türkei und macht sie noch verwundbarer. Kein 'starker Mann' allein kann den Massenmördern des IS oder kurdischen Terroristen Einhalt gebieten. Die Antwort auf den Terror muss in einer Stärkung der demokratischen Institutionen bestehen.

Bild

Schon wieder ein Anschlag in der Türkei. Tote, Verletzte. Kann die EU da die Lockerung der türkischen Anti-Terror-Gesetze fordern – ohne dass es keine Visa-Freiheit für die Türken gibt und keinen Flüchtlings-Deal für die EU? Ja, sie kann. Im Kampf gegen ISIS haben die Türken jede Unterstützung Europas verdient. Aber nicht alles, was Staatschef Erdogan Anti-Terror-Kampf nennt, verdient diesen Namen und das Verständnis der Europäer. Freie Medien unter Strafandrohung, politische Parteien pauschal in die Ecke von Staatsfeinden zu stellen – das ist nicht Anti-Terror-Kampf. Das ist Knebelung einer freien Gesellschaft. Am Ende sind es aber die freien Gesellschaften, die dem Terror am besten widerstehen.
   

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