Il Divino, der Göttliche

Mich(k)elangelo, nicht Michel...

il-divino,-der-göttliche © Michel-Ange
Für seine Zeitgenossen galt er als: Il Divino, der Göttliche. Michelangelo Buonarotti, am 6. März 1475 in Caprese geboren, versinnbildlicht wie kein an-derer das Bild des schöpferischen Künstlergenies, des unbeugsamen Rebellen, der Fürsten, Kritikern, Konkurrenten und sogar Päpsten die Stirn bot und dessen unbeugsamer Wille, wie von allein den Marmor unter seinen Händen formte.
Von Giorgio Vasari wird er zum uomo universale, dem Alleskönner typisiert, jenem Künstler, der in allen Bereichen der darstellenden Kunst brillierte und gerade dadurch zum neuen Maßstab des menschlichen Könnens wurde:

„Herr, gewähre mir, dass ich immer mehr wünsche, als ich vollbringen kann " - „Signore, fa che io possa sempre desiderare più di quanto riesca a realizzare."

Sei es nun in der Bildhauerei, der Architektur, der Malerei oder der Dichtkunst. In all diesen Disziplinen schuf Michelangelo Außerordentliches und garantierte auf diese Weise künstlerische Paradigmenwechsel, welche die westliche Kultur nachhaltig prägen sollten: Er befreite die erste, monumentale und freistehende Marmorskulptur seit der Antike, ex uno lapide, aus weißem Carrara Marmor; er entwarf die Kuppel von San Pietro in Vaticano (Petersdom) und damit die größte freischwebende ihrer Art; und er bemalte die größte Fläche, die je von einem einzelnen Menschen ausgemalt wurde: die Decke der Sixtinischen Kapelle.



Gegen den Willen seines Vaters Ludovico beginnt Michelangelo seine malerische Ausbildung bei Domenico Ghirlandaio, in welcher er, so wollen es die Anekdoten, den Meister schon früh überbot. Begünstigt durch das Mäzenatentum Lorenzo´il Magnifico`de Medici, beginnt der junge Michelangelo die Ausbildung in dessen Bildhauergarten. Es ist diese Disziplin, welcher er sein Leben verschreibt und in welcher er eine bis dato nicht gekannte künstlerische Perfektion und anmutige Schönheit erreicht.  Sinnbild dieser Schönheit: Die römische Pietà.


Stanislav Traykov

Das Gesicht der Jungfrau Maria, verschont von jeglicher Spur des Alterns, beweint den toten Christus. Körperliche Schändung der Passion ist von ihm gewichen. Es geht weniger um die korrekte Darstellung der Bilderzählung, als vielmehr um die Darstellung des Darstellbaren und die Zurschaustellung des künstlerischen Könnens:

„Lieblichste Gesichtszüge und der harmonische Übergang von Ansätzen und Gelenken an den Armen, am Körper und dan den Beinen wie auch die ausgearbeiteten Venen und Handgelenke sind von einer Art, daß [sic] man tatsächlich  voller Verwunderung darüber staunt, wie die Hand eines Künstlers in so kurzer Zeit ein derart herrliches Werk so göttlich und getreu auszuführen vermochte.“ - „Quivi è aria di testa, et una concordanza nelle appiccature e congiunture delle braccia e in quelle del corpo d delle gambe, i polsi e le vene lavorate, che in vero si maraviglia lo stupore che mano d´artefice abbia potuto sì divinamente e propriamente fare in pochissimo tempo cosa sì mirabile.“ (Vasari 1568)

 Und natürlich geht es um die Selbstdarstellung und die Selbstreflexion von Schöpfer und Werk:

MICHEL.A[N]GELVS BONAROTVS FLORENT[INVS] FACIEBA[T]. - Michelangelo aus Florenz schuf dies Werk und es ist dieses Werk, dass das bildhauerische Können beweist ihn in Italien und über die Grenzen hinaus berühmt macht und den Weg für den David ebnet.


Jörg Bittner Unna

Die künstlerische Herausforderung: Der Block ist beschädigt, und weist Dimensionen auf, welche die damalige Bildhauerei an ihre Grenzen bringt. Grenzen, die Michelangelo durchbricht, den Kollos aus einem Stück haut und den menschlichen Körper in seiner nackten Schönheit feiert und glorifiziert. Vor dem Palazzo della Signoria positioniert, verkörpert er nicht nur das Körperideal der Antike, sondern auch die Macht des Volkes gegen politische Tyrannei:

 „Wer diese Statue gesehen hat, hat sicher kein Bedarf mehr , sich irgendein anderes Werk der Bildhauerkunst unserer oder früherer Tage von welchem Künstler auch immer anzuschauen.“ - “e certo chi vede questa non dee curarsi di vedere altra opera di scultura fatta nei nostri tempi o negli altri da qual si voglia artefice.“(Vasari 1568)

Sein Ruhm ist dadurch fundiert, das nächste Projekt gesichert: das Juliusgrabmal.


Jörg Bittner Unna

Wenn auch nur durch Studien und im Moses in seinem gigantischen Ausmaß zu erahnen, ist es doch ein wesentlicher Grund für die Errichtung des Neubaus von St. Peter, zur Reformation und zur Ausmalung der päpstlichen Privatkapelle: die Sixtinische Kapelle. 4 Jahre und über Kopf malend, schuf Michelangelo auf 520qm die Darstellung der biblischen Zeit vor dem Gesetz und ergänzte dadurch die Bildthemen, die bereits Jahre zuvor auf den Seitenwänden dargestellt wurden. Angefangen bei der Scheidung von Licht und Schatten, über die berühmte Erschaffung Adams, bis zur Trunkenheit Noahs repräsentiert die Sixtinische Decke wesentliche Szenen der Genesis. Johan Wolfgang von Goethe schrieb am 23. August 1787:

".... ohne die Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag."

Und dennoch verachtete er, der Bildhauer, die Malerei; die Decke sah er als Tortur, wie aus einem Sonett hervorgeht, in welchem er seine körperlichen Leiden schildert:

„Bei dieser Mühsal wuchs ein Kropf mir, dick, (…) Mein Pinsel tropft, die Kleckserei macht mir aus dem Gesicht ein Mosaik, (…) Die Nieren treten in den Bauch, das Becken drück ich heraus.“ - „I`o già facto un gozo in questo stento (…) e´l pennel sopra´l uiso tuctavia (…) E´lombi entrati mi son  nella peccia.“

Jahre nach der Fertigstellung, genauer 1532, wird Michelangelo wieder in die Kapelle berufen. Hinter ihm liegen zahlreiche non-finiti des Julius Grabmal, die Ausstattung der Medici Grabmäler und die Planung für die Fassade von San Lorenzo in Florenz.  Die Ausmalung der Sixtina soll durch das Altargemälde abgeschlossen werden. Das Thema: das Jüngste Gericht. Das Werk in dem die kraftvollste Sprache seiner Figuren (terrebilità) an den Tag tritt.


ANGELUS

Das Werk provoziert, entspricht nicht den Anforderungen des Tridentinums. Der Grund: In der Mitte richtet ein muskulöser, nackter Christus die Seligen von den Verdammten, allesamt nackt. Das Werk soll abgeschlagen werden, doch einigt man sich schnell, nur die Schambereiche zu übermalen. Ein Glück für die Kunst.  1547 übernimmt Michelangelo die Bauleitung von St. Peter, ein architektonisches Projekt das erst zu Beginn des nachfolgenden Jahrhunderts Vollendung findet. Auch hier hinterlässt Michelangelo seinen künstlerischen Fingerabdruck. In schlichter Stringenz der Renaissance Architektur, erhebt sich seine Kuppel von gigantischem Ausmaß und krönt die Petersbasilika. Bis in das 20. Jahrhundert, war sie die größte Freischwebende Kuppel und löste damit jene Kuppel ab, die Brunelleschi dem Dom von Florenz aufsetzte.


Wolfgang Stuck

So gewaltig und unberechenbar wie seine Kunst, so war auch sein Wesen. Launisch, cholerisch, arrogant auf der einen, introvertiert, apathisch, fast schon autistisch auf der anderen Seite: La mia allegrezza è la malinconia, schreibt er über sich selbst. Ein schmaler Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Michelangelo hinterlässt ein enormes künstlerisches Erbe, durch welches er Unsterblich wurde. Bis zu 25.000 Besucher verzeichnet die Sixtinische Kapelle täglich; und ein Besuch in der Galleria dell´Accademia in Florenz ist für die meisten Touristen der vermeintlich einzige Grund um ihren pseudo kulturellen Trip in die Stadt am Arno zu legitimieren.

Il divino stirbt am 18. Februar 1564. Heute wäre sein 541. Geburtstag.

   

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