Inflation: Gesellschaftliche Verschiebung

von Peter M. aus Düsseldorf

inflation-gesellschaftliche-verschiebung © Blackboard 1965
„Besser verhaftet zu werden, als zu verhungern“, zitiert der SPIEGEL in seiner jüngsten Print-Ausgabe in einem Bericht über die Unruhen im Iran einen Fotografen namens Jawad. „Verhungern“? In einem der ölreichsten Länder des Planeten. Das klingt ja wie in Venezuela. Und tatsächlich haben beide Länder etwas miteinander zu tun: im südamerikanischen Ölstaat regieren die wirtschaftlich wirren Sozialisten (dort nach dem verstorbenen Präsidenten Hugo Chavez „Chavinisten“ genannt), im mittelöstlichen Staat die Mullahs in ihrem Gottesstaat. Für beide ist Ökonomie eine Umschreibung für eigene Bereicherung auf Kosten der restlichen Bevölkerung. Oder kurz: Wirtschaft=Misswirtschaft.

So hat der 34-jährige Jawad auf Kosten seiner Familie an einer Privatuni mit hoher Studiengebühr studieren müssen, weil an den staatlichen Universitäten die Söhne und Töchter von „Märtyrerfamilien“ bevorzugt werden. Jetzt schlägt er sich mit Hilfsjobs durch. Die Jugendarbeitslosigkeit soll im Iran bei 40 Prozent liegen.

Aber wie in Venezuela kommt die wahre Armut unsichtbar und schleichend langsam daher: in Form von Inflation. Auf gut 2.500 Prozent taxiert der Internationale Währungsfonds (IWF) in Washington die Inflationsrate in Venezuela. Offizielle Zahlen gibt es längst nicht mehr. Im Iran sollen es 2018 etwas über 10 Prozent sein. Schon letztes Jahr soll die Inflationsrate dort bei 10,5 Prozent gelegen haben. Ob diese Schätzung vom Oktober 2017 aus Washington noch Bestand hat, wissen die Götter.   

Denn für den aktuellsten Monat „Mehr“ (persisch: مهر) ‎des dort üblichen Hijri-Jahres 1396, das ist nach unserer Zeitrechnung vom 23. September bis zum 22. Oktober 2017, berichtet die Teheraner Statistikbehörde von wilden Preissteigerungen für Fleisch in den Städten. Allein im Monat „Mehr“ stieg demnach der Preis eines Kilos Rind- und Kalbfleisch um 1,7 Prozent. In einem Monat wohlgemerkt die deutsche Inflationsrate des ganzen Jahres 2017. Schafsfleisch stieg im Preis in dem „Mehr“ vorangegangenen halben Jahr um fast 13 Prozent. Da tröstet es auch nur begrenzt, dass vorher einige Gemüsepreise – vielleicht saisonal bedingt – gesunken sind.

Aber ich will hier gar nicht so sehr auf die aktuellen iranischen Details hinaus, sondern auf einen generellen Aspekt. Inflation ist ein großer Umverteiler. Ein Cleverle kann sich mit etwas Glück durchaus bei hohen Inflationsraten behaupten oder sogar im Vergleich zu anderen besser stellen. Man muss „nur“ sein Einkommen parallel zu den Preissteigerungen ausweiten und am besten auch sein Vermögen wertsichern. Aber das „nur“ ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Wort, denn das will erst einmal bewerkstelligt sein.

Wenn man das wie der zitierte Jawad bei seinen Aushilfsjobs nicht recht schafft, hat man schon mal Pech gehabt. Und die eigenen Ersparnisse vor der Inflation zu schützen, ist nicht so leicht möglich. Zumal wenn – wie jetzt im Iran – auch noch ein paar Geldinstitute in den inflationären Verschiebungen Pleite machen.

Ich habe Ihnen mal ein Gedankenexperiment zusammengebastelt, um die iranische Inflationsdynamik deutlich zu machen. Nehmen wir an, Sie hätten 1979 als persisches Kind von einer lieben Tante 100 Rial in Ihr Sparschwein gesteckt bekommen und darin seither vergessen. Nun finden Sie das Schwein wieder und es gelingt Ihnen, den Schein aus dem Erinnerungsstück herauszufingern. Was wäre die Kaufkraft der Banknote heute?

Die Antwort gibt die folgende Grafik anhand der vom IWF für den Iran ausgewiesenen Inflationsrate: 0,13 Rial oder ein 770-stel des ursprünglichen Wertes. Ein Rial ist heute nur noch 0,00002 Euro wert. Ohne logarithmische Skala kann man den Werteverfall gar nicht mehr richtig darstellen.          

(Quelle: IWF, http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2017/02/weodata/weorept.aspx?pr.x=44&pr.y=13&sy=2015&ey=2022&scsm=1&ssd=1&sort=country&ds=.&br=1&c=429%2C299&s=PCPIPCH%2CPCPIEPCH&grp=0&a=   
Und: A Report on Average price of selected food items in the month of Mehr (23 September- 22 October 2017) in urban areas of the year 1396, AMAR, https://www.amar.org.ir/Portals/1/releases/average-price-selected-food-items_Mehr_urban_1396.pdf
Und: Luisa Hommerich/Susanne Koelbl/Juliane von Mittelstaedt/Samiha Shafy, IRAN. Die Wutbürger, DER SPIEGEL 02/2018, https://magazin.spiegel.de/SP/2018/2/155098114/index.html?utm_source=spon&utm_campaign=centerpage ) 
Halbwegs normal scheint langfristig eine Inflationsrate von vielleicht drei Prozent zu sein. Sie erlaubt einerseits leichte Verschiebungen. Zum Beispiel zwischen den trägen Gläubigern und den emsigen Schuldnern oder etwa den Löhnen nicht so produktiver Arbeitsplätze und den in aufstrebenden Branchen. Andererseits greift sie nicht allzu drastisch und vor allem schnell ins soziale Gefüge ein. Denn Menschen akzeptieren schleichende Veränderungen besser als abrupte.   

Als Beispiel für eine langfristige Inflationsrate habe ich die Niederlande gewählt. Denn unser Nachbarland hat als im Ersten Weltkrieg neutral, im Zweiten Weltkrieg nur passiv betroffen weil besetzt, zwei kriegsbedingten Zusammenbrüchen und einer fehlenden Hyperinflation 1922/23 manches Ungemach des letzten Jahrhundert ausgelassen, das unsere Vorfahren weit drastischer erleben mussten.

Die folgende Grafik kann daher für die Niederlande von 1915 bis heute lückenlos die Inflationsrate ausweisen. Und Sie sehen darin drei große Phasen. Nach dem wilden Preisanstieg durch den Ersten Weltkrieg stiegen die Preise bis Mitte der 1930-er Jahre kaum oder gingen zeitweise sogar zurück. Dann folgte von den 1940-er bis zu den 1970-er Jahren eine Periode, in der höhere Inflationsraten die Regel zu sein schienen. Und seit den 1980-er Jahren ist die Inflation im Tulpen- und Käseländchen eigentlich kein wichtiges Thema mehr.
  

Mit diesen Erkenntnissen im Hinterkopf zurück zum Ausgangsthema Iran: Ich habe Ihnen da mal für die letzten vier Jahrzehnte den Wertverfall der Währung in den Niederlanden und im Mullah-Reich Iran gegenübergestellt. Wenn Sie vergleichen, was aus 1979 genau 100 Werteinheiten Währung seither wurden, 45,4 Einheiten im Nachbarland und 0,13 im Perserreich, ist ein Kommentar eigentlich überflüssig.

Und nun noch einmal zusammengefasst die Gedankenkette: ein ökonomisch merkwürdiges Regierungssystem führt oft oder sogar fast immer zu Inflation. Und Inflation kann die sozialen Hierarchien verändern, in normalen Ländern ganz langsam, in Staaten wie Venezuela oder dem Iran rasch. Und in der schnelleren Variante ist dann irgendwann Unruhe im Land oft nicht mehr weit.

Von Peter M. aus Düsseldorf
   

Unser Service

Für die besten Hörer in Deutschland

Musik der Extraklasse

Finden Sie im Klassik Radio Shop

Newsletter

Wir halten Sie auf dem laufenden mit unserem Premium Newsletter

Social Media

folgen Sie uns

Die PLaylist

Was lief wann?

Wir verwenden Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und Ihnen das bestmögliche Erlebnis zu bieten. Indem Sie auf den „OK“ Button klicken, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Weitere Informationen zum Thema Cookies finden Sie unter Datenschutz und Sicherheit.

  Akzeptiere Cookies
CookiePolicy