Pragmatismus gegen Gefühle

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Angela Merkel ist keine Freundin der großen Rede oder von großen Gesten. Das hat die Bundeskanzlerin auch bei der gestrigen Bundespressekonferenz ein weiteres Mal bewiesen. Die Pressestimmen.
Süddeutsche Zeitung

Würde die Kanzlerin gut und auch gerne Reden halten, wäre sie nicht am Donnerstag vor die Bundespressekonferenz getreten. Sie hätte vielmehr getan, was der erprobte Bundes-Cicero Joachim Gauck stets und manchmal brillant tut: Sie hätte eine den Verstand fordernde und das Herz ansprechende Rede gehalten. Anlass dafür gibt es nach den jüngsten Gewalttaten genug. Zwar ist nicht "die" Gesellschaft gespalten, wie das die Spalter von rechts und links behaupten. Aber es gibt Zweifel und Angst, Ratlosigkeit, Ohnmacht und Wut. Man hätte genau dazu gerne ausführlich etwas von der Frau gehört, die nun seit elf Jahren Deutschland regiert. Merkel würde vermutlich auch den Untergang der Titanic oder eine Rückkehr John Lennons von den Toten als "Bewährungsprobe" oder "einen interessanten Vorgang" bezeichnen. Als sie danach gefragt wurde, ob sie nicht manchmal erschöpft sei, sagte sie, sie sei nicht "unterausgelastet". Wow. Merkel kann, wenn sie sich gerade mal nicht als ANGELA MERKEL fühlt, ganz normal reden. Sie sollte das häufiger und gerade jetzt tun, weil in der Zeit der Äxte und der Rucksackbomben das Vertrauen in ihr Wir-haben-das-schon-immer-so-gemacht-Management stark schwindet.

Spiegel Online

Für den Moment also hat Merkel alles richtig gemacht. In den kommenden Wochen und Monaten aber ist entscheidend, was hinten rauskommt: Mehr Aufmerksamkeit, Professionalität und Geld für präventive Maßnahmen wären wünschenswert; und Veränderungen an der Sicherheitsarchitektur dort, wo das nötig ist. Man sollte dabei auch nicht jeden einzelnen Vorschlag des von den Anschlägen gezeichneten bayerischen Ministerpräsidenten in den Wind schlagen, nur weil Seehofer draufsteht. Ein derart besonnenes Vorgehen übrigens ist auch ein ganz vorzüglicher Kontrast zu den rechtspopulistischen Aufwieglern, deren Antwort auf Terroranschläge in Deutschland wahlweise das Hashtag #AfDwählen ist - oder der Verfassungsbruch.

Frankfurter Rundschau

Nein, Angela Merkel ist nicht an allem schuld. Die Kanzlerin hat das so nicht ausgedrückt bei ihrer außerplanmäßigen Pressekonferenz am Donnerstag. Sie ist ohnehin nach allgemeiner Einschätzung in der Defensive, und da wäre es nicht hilfreich gewesen, diesen Eindruck noch durch eine defensive Rhetorik zu verstärken. Aber in Merkels Aufzählung all der Bedrohungen und Herausforderungen, vor denen Deutschland stehe, steckte doch die Botschaft: Ich war’s nicht, aber ich will euch helfen. Das ist einerseits gut gesprochen. Und andererseits belegt es ein weiteres Mal, warum diese Kanzlerin faktisch gescheitert ist. Ihre Kanzlerschaft hat ein Jahrzehnt lang davon gelebt, Deutschland durch eine gefährliche Lüge in Sicherheit zu wiegen: dass Deutschland von den Konflikten, der Gewalt, den sozialen Brüchen „da draußen“ schon verschont bleiben werde, wenn wir nur alle brav früh aufstehen und all das produzieren, was wir auf Kosten derer „da draußen“ dann exportieren – vom Panzer über das Auto bis zum übriggebliebenen Hähnchenschenkel.

Taz

Es ist die Botschaft: Keine Panik. Denn das Ziel der Terroristen ist es, mit Angst die Demokratie zu zerstören. Deshalb warnt Merkel zu Recht davor, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. In einer aufgeklärten Demokratie ist es nicht der Job der Kanzlerin, den Gefühlshaushalt der Nation zu regulieren.

Handelblatt

Im Prinzip ist Merkels Vorgehensweise richtig. Ob sie allerdings auch vom Wahlvolk akzeptiert wird, muss sich erst noch erweisen. Große Gesten, große Worte und große Ankündigungen sind in diesen Tagen gefragt. Sie machen sich besonders gut in den elektronischen Medien. Merkel dagegen beschränkt sich darauf, dass Machbare zu skizzieren und nach pragmatischen Lösungen zu suchen. Das ist nicht spektakulär, aber es ist vernünftig und richtig.
   

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