Waldseemüllerkarte: "Taufschein" Amerikas

von Peter M. aus Düsseldorf

waldseemüllerkarte-taufschein-amerikas © BillionPhotos.com
Das weltweite Clübchen der Sammler alter Weltkarten hat eine Sensation – und das gleich in doppelter Hinsicht.

Die erste Sensation: das Londoner Auktionshaus Christie‘s wollte eine „Light-Version“ der sogenannten Waldseemüllerkarte aus dem Jahr 1507 mit einem Mindestpreis von einer Million Euro versteigern. Die zweite Sensation: nachdem eine Diskussion um die Echtheit des Stückes ausgebrochen war, nahmen die Londoner Auktionsexperten die Karte wieder aus dem Angebot. Obwohl Nachfrage vermutlich vorhanden gewesen wäre, denn von den verschiedenen Varianten der gut ein halbes Jahrtausend alten Waldseemüllerkarte gibt es auf der ganzen Welt bekannt bislang nur noch sechs Stück.

Vor allem aber hat sie gegenüber allen anderen Karten einen einzigartigen Vorteil: sie zeigte das erste Mal Amerika überhaupt als einen – von Asien losgelösten - eigenen Kontinent und vergab das erste Mal auf einer Karte den Namen „America“. Kein Wunder, dass das vollständige Prachtexemplar 2003 für die „Library of the Congress“ in Washington für stolze 10 Millionen Dollar von einem deutschen Adelsgeschlecht erworben hatte. Hier eine Abbildung dieses Prunkstücks.

Die jetzt beinahe angebotene und die übrigen Exemplare sind sogenannte Segmentkarten. 12 keilförmige Teile könnten theoretisch über einer Holzkugel zu einem Globus gefaltet werden. Zwei davon werden in München und eine im „Museum im Ritterhaus“ in Offenburg gehütet. Ein weiteres befindet sich in den USA und ein anderes hat ein Privatsammler aus London 2005 ersteigert. Hier eine dieser Varianten aus der Bayerischen Staatsbibliothek.

„Diese Dokumente haben das Weltbild der damaligen Zeit revolutioniert, erläutert Sven Kuttner von der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maxi­mi­lian Universität, wo neben der Bayerischen Staatsbibliothek eine der beiden Münchner Karten liegt. Das im November 2017 überraschend aufgetauchte Exemplar, das jetzt vorerst doch nicht zur Versteigerung ansteht, hat durch einige Besonderheiten auch Zweifel bei den anderen geweckt. So prüft nun das Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung (IBR) der Bayerischen Staatsbibliothek materialwissenschaftlich das dortige Exemplar. Die Offenbarer sind sich sicher, dass ihr Exponat echt ist.

Aber jetzt noch mal mit weitem Rückblick, von wem diese Karten eigentlich stammen. Der wichtigste Irrtum, an dem der gemeinhin als Amerika-Entdecker gefeierte Kolumbus zeitlebens festhält: die von ihm ge­sichtete Weltgegend sei Asien. Der kühl analysierende Kaufmann Amerigo Vespucci hingegen sieht da klarer als er sich persönlich auf den Weg in die „Neue Welt“ macht. Er selbst schreibt von vier Reisen, belegt sind zwei, bei denen er sich einen Eindruck in Südamerika und speziell Brasilien verschafft hat.

Schon 1502, Vespucci ist gerade von dort nach Lissabon zurückgekehrt, teilt er Lorenzo di Pierfranceso de´Medici mit: „… und so lange segelten wir vor dem Wind Richtung Südsüdwest, bis wir am 64. Tag auf ein unbekanntes Land stießen, das wir aus vielen Gründen, die im folgenden sichtbar werden, für Festland hielten…“.

Nichts von wegen Inseln auf dem Weg nach oder gar direkt vor dem asiatischen Kontinent, wie Kolumbus auch danach noch schwadroniert. Und der begeisterte Hobby-Ent­decker Vespucci lässt auch öffentlich Klartext folgen: 1504 erscheint der „Mundus Novus“, übersetzt „Neue Welt“. Nach den Maßstäben der Zeit schlägt das Buch nicht nur in Fachkreisen ein wie eine Bombe. Flugblätter verbreiten die Erkenntnisse auch auf volkstümliche Weise. So regt insbesondere Vespuccis Hinweis auf Kannibalismus die Phantasie vieler Holzschnitte an. Der Name Amerigo Vespucci ist danach in der humanistischen Welt wohlbekannt. Und er findet ausgerechnet in einem vom Weltgeschehen ziemlich abgeschiedenen Städtchen besonderes Gehör, das heute kaum noch jemand kennt: das französische St. Dié, mit seinen derzeit 22.000 Einwohnern.

Dort haben sich unter dem Patronat des Duodezfürsten René II. in Lothringen einige Humanisten und Künstler in einer Art Miniakademie zusammengetan. Und sie treibt, vermutlich mit herzoglichem Geld, ein prestigeträchtiges Vorhaben an: sie wollen die „Cosmographia“ des antiken Kartographen Claudius Ptolemäus (um 100-nach 160), das ist damals ein seit Jahrhunderten hochgeschätztes Werk, um die neuen Erkenntnisse der aktuellen Entdeckerfahrten ergänzen.

Um das Projekt zusätzlich aufzuhübschen, geben sich der Druckereibesitzer Gauthier Lud, der auch Sekretär des Herzogs und Kaplan ist, der Kartenzeichner Martin Waldseemüller (1472/1475-1520), der junge Dichter Matthias Ringmann (1481-1511) und der Übersetzer Jean Basin nicht damit zufrieden, einfach die in Florenz erschienene Version der Vespucci-Briefe zu übersetzen. Sie stellen die Sache so dar, als habe der Entdecker außer dem Kaiser nur an ihren Auftraggeber Herzog René geschrieben und sie würden jetzt diesen Schriftwechsel veröffentlichen.

Anscheinend kommt Ringmann die Idee, der 1505 in Straßburg eine Fassung des „Mundus Novus“ publiziert hat: man wird die als „Lettera“ in Italienisch gedruckten vier Briefe Vespuccis in der „Cosmographiae introductio“ lateinisch übernehmen. Am 25. April 1507 wird das so ausgeweitet Werk von 52 Blättern auf der Buchmesse erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Das Opus hat es in sich. Denn, vermutlich um das Licht des Briefschreibers noch heller erscheinen zu lassen und damit ihren Herzog hervorzuheben, unterschlagen die Autoren einfach den Entdecker Kolumbus. Im fünften Kapitel wird nun die Entdeckung ausdrücklich Amerigo Vespucci zugeschrieben. Und zwei Kapitel weiter geht Kartograph Waldseemüller noch einen Schritt weiter. Er schlägt in flüssigem Latein vor, die neuen Weltgegenden nach ihrem Entdecker zu benennen.

Übersetzt heißt es dort zu den gefundenen Kontinent: „… den man von heute an, da Americus ihn gefunden hat, die Erde des Americus oder America nennen könnte.“ Das Wort „America“ lässt er denn auch gleich an den Rand des neunten Kapitels und vor allem in die beigelegte Weltkarte drucken. Damit ist der eigentlich naheliegende Name „Columbia“ durch eine kleine, eitle Schummelei für alle Zeit vom Tisch. Denn der Vorschlag aus St. Dié findet in Europa allenthalben Anklang.[iv] 

Sie sehen jetzt vielleicht, auch Kartographie kann spannend sein.

von Peter M. aus Düsseldorf

   

Unser Service

Für die besten Hörer in Deutschland

Musik der Extraklasse

Finden Sie im Klassik Radio Shop

Newsletter

Wir halten Sie auf dem laufenden mit unserem Premium Newsletter

Social Media

folgen Sie uns

Die PLaylist

Was lief wann?

Länder dieser Erde

Von gutem Geschmack für guten Geschmack

Die Webcam

Der schönste Blick auf Augsburg