Bettina Zacher trifft Daniel Barenboim
In Berlin traf Bettina Zacher Stardirigenten Daniel Barenboim. Mit ihm gemeinsam hat Klassik Radio die Aktion Beethoven für alle ins Leben gerufen, bei der der größte virtuelle Beethoven-Chor entstanden ist - natürlich hat sie mit ihm auch über den Komponisten gesprochen!
Hören Sie Ausschnitte des Interviews in der Klassik Radio Mediathek!
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Bettina Zacher (BZ): "Herr Barenboim, im November feiern Sie Ihren 70. Geburtstag …"
Daniel Barenboim (DB): "Ja, ich bin jetzt 19 und 50." (lacht)
BZ: "Planen Sie denn schon Ihren 20 und 50., also Ihren 70. Ehrentag?"
DB: "Ich habe an all meinen großen Geburtstagen immer konzertiert. Die letzten 20 Jahre war das natürlich in Berlin, weil ich hier wohne. Das war zu meinem 50., 60., 65. und 70.. Mit der Staatskapelle gebe ich immer ein Konzert und mein großer Kollege und sehr guter Freund Zubin Metha dirigiert. Wir werden auch dieses Jahr am 15. November in der Philharmonie spielen."
Daniel Barenboim (DB): "Ja, ich bin jetzt 19 und 50." (lacht)
BZ: "Planen Sie denn schon Ihren 20 und 50., also Ihren 70. Ehrentag?"
DB: "Ich habe an all meinen großen Geburtstagen immer konzertiert. Die letzten 20 Jahre war das natürlich in Berlin, weil ich hier wohne. Das war zu meinem 50., 60., 65. und 70.. Mit der Staatskapelle gebe ich immer ein Konzert und mein großer Kollege und sehr guter Freund Zubin Metha dirigiert. Wir werden auch dieses Jahr am 15. November in der Philharmonie spielen."
BZ: "Und die Erlöse Ihrer Geburtstagkonzerte spenden Sie eigentlich immer für einen guten Zweck, oder?"
DB: "Ja, dieses Jahr spende ich den Erlös gezielt unserem Kindergarten, weil musikalische Kindergärten eine gute Sache sind. Man bringt die Musik zu sehr jungen Kindern, die in diesem Alter sehr aufnahmefähig sind. Unsere Gesellschaft macht einen sehr großen Fehler , weil sie Musik nicht als Teil einer normalen Erziehung sieht, so wie zum Beispiel Biologie oder Geografie. Musik gehört für sie nicht dazu. Dabei kann Musik so viel vermitteln! Wenn sich Kinder früh daran gewöhnen zu musizieren, dann ist Musik kein Elfenbeinturm im Leben dieser Menschen, sondern ein organischer Teil. Diese gesellschaftliche Fehleinstellung ist dadurch zustande gekommen, weil vor 100 Jahren musikalische Früherziehung nur einer kleinen Minderheit zuteil kam. Das haben wir fortgesetzt und haben die musikalische Ausbildung immer mehr vernachlässigt. Die Finanzierung musikalischer Institutionen ist das nächste Problem, weil Musik einen viel zu kleinen Teil der Bevölkerung anspricht. Nicht, weil sie nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung bestimmt ist, auch nicht, weil sie zu teuer ist oder zu elitär - Musik ist alles andere als elitär! Nein, weil wir unsere Verantwortung gegenüber der Musik als ein Teil einer normalen Erziehung vernachlässigt haben. Deshalb ist es mein Traum, den Musik-Kindergarten zu unterstützen. Dort machen sich die zwei bis fünf Jahre alten Kinder die Musik so zu eigen, dass sie rechtzeitig ab Schulbeginn Musikunterricht fordern. Das ist mein Traum. Ob ich das schaffe oder nicht, das weiß ich nicht. Da es für einen solchen Musik-Kindergarten nicht dieselbe finanzielle Unterstützung wie für normale Kindergärten gibt, übernehm ich das. Deshalb organisiere ich Benefizkonzerte!"
BZ: "Sie sind gebürtiger Argentinier und haben mit dem Musizieren schon ziemlich früh angefangen …"
DB: "Mit fünf. Aber wissen Sie, ich hatte großes Glück. Wir lebten in einer kleinen Wohnung in Buenos Aires, meiner Geburtsstadt. Meine Eltern gaben Klavierstunden. Wenn jemand bei uns an der Tür läutete, waren es Klavierschüler und es wurde Klavier unterrichtet. Da ich es nicht anders kannte, dachte ich, alle Welt spiele Klavier. Schließlich kannte ich auch niemanden, der nicht Klavier spielte. Deshalb fühlt sich Musik für mich auch so natürlich an. Und weil es mir für mein Leben so viel über alle Jahre gegeben hat, möchte ich das an andere weitergeben, damit sie gleiche Erfahrungen sammeln."
BZ: "Und Jahre später haben Sie eine weitere Leidenschaft entdeckt, oder?"
DB: "Leidenschaft würde ich das nicht bezeichnen. Mit sieben Jahren habe ich mein erstes Konzert vor Igor Markevitch gegeben, worauf er mich einlud in Salzburg zu spielen. Er hat damals zu meinem Vater gesagt: „Ihr Sohn wird nicht Pianist, er wird Dirigent, weil er einen so starken Sinn für Rhythmus hat. Er ist der geborene Dirigent.“ Als ich dann in Salzburg war, war ich neugierig und bin in seinen Dirigierkurs gegangen. Das hat mich fasziniert. Dann wollte ich Mozarts Klavierkonzerte vom Flügel aus dirigieren, weil ich das bei Edwin Fischer gesehen hatte. Edwin Fischer aber sagte mir: „Wenn du Mozarts Klavierkonzerte vom Flügel aus dirigieren willst, musst du dirigieren lernen. Es bringt nichts, wenn du nur sehr gut spielst, aber das Orchester allein lässt. Ohne Dirigent ist das nicht gut.“ Damit hatte er absolut recht. Schließlich haben wir in den letzten 50 Jahren so viele große Instrumentalisten gesehen, die das machen wollten und gescheitert sind. Tja, und so habe ich angefangen zu dirigieren."
BZ: "Sie sind in Argentinien geboren und in Israel aufgewachsen, haben beide Staatsbürgerschaften, insgesamt also …"
DB: "Vier. Ich habe eine argentinische Staatsbürgerschaft, eine Israelische, Spanische und Palästinensische."
BZ: "Die deutsche Staatsbürgerschaft haben Sie aber noch nicht angeboten bekommen, oder?"
DB: (lacht) "Nein, ich glaube, vier Staatsbürgerschaften sind schon mehr als genug. In Berlin fühle ich mich wirklich absolut zuhause, schon seit 20 Jahren. Diese Papiere sind mir nicht so wichtig. Dass ich hier leben darf und kann ist schon eine sehr schöne Sache für mich."
BZ: "Wenn Sie sich entscheiden müssten, welchen Pass würden Sie dann behalten? "
DB: "Ich glaube, dass der Pass eine praktische Sache ist. Man sollte dazu keine intellektuelle oder emotionale Beziehung haben. Es gibt Menschen die das haben. Für meinen Freund Zubin Mehta, in Indien geboren, ist die indische Staatsbürgerschaft eine Ehrensache. Er hätte ja so viele andere Staatsbürgerschaften haben können. Er hat in Österreich studiert, war Jahrzehnte in Amerika Dirigent und es hätte ihm das Reisen enorm erleichtert, weil man mit dem indischen Pass überall ein Visum braucht. Aber für ihn ist das eine Ehrensache und er ist tatsächlich stolz, dass er einen indischen Pass hat - bis heute. Ich habe diese Beziehung zum Pass nicht. Ich bin sehr glücklich und stolz, dass ich der einzige Mensch mit einer israelischen und palästinensischen Staatsbürgerschaft bin. Das habe ich deshalb, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass der Konflikt zwischen Israel und Palästina kein politischer ist, daher auch nicht auf dieser Ebene lösbar, sondern ein menschlicher Konflikt von zwei Völkern ist, die beide zutiefst überzeugt sind, das Recht auf das leider gleiche Stückchen Land zu haben. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich zu beiden gehören kann."
DB: "Ja, dieses Jahr spende ich den Erlös gezielt unserem Kindergarten, weil musikalische Kindergärten eine gute Sache sind. Man bringt die Musik zu sehr jungen Kindern, die in diesem Alter sehr aufnahmefähig sind. Unsere Gesellschaft macht einen sehr großen Fehler , weil sie Musik nicht als Teil einer normalen Erziehung sieht, so wie zum Beispiel Biologie oder Geografie. Musik gehört für sie nicht dazu. Dabei kann Musik so viel vermitteln! Wenn sich Kinder früh daran gewöhnen zu musizieren, dann ist Musik kein Elfenbeinturm im Leben dieser Menschen, sondern ein organischer Teil. Diese gesellschaftliche Fehleinstellung ist dadurch zustande gekommen, weil vor 100 Jahren musikalische Früherziehung nur einer kleinen Minderheit zuteil kam. Das haben wir fortgesetzt und haben die musikalische Ausbildung immer mehr vernachlässigt. Die Finanzierung musikalischer Institutionen ist das nächste Problem, weil Musik einen viel zu kleinen Teil der Bevölkerung anspricht. Nicht, weil sie nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung bestimmt ist, auch nicht, weil sie zu teuer ist oder zu elitär - Musik ist alles andere als elitär! Nein, weil wir unsere Verantwortung gegenüber der Musik als ein Teil einer normalen Erziehung vernachlässigt haben. Deshalb ist es mein Traum, den Musik-Kindergarten zu unterstützen. Dort machen sich die zwei bis fünf Jahre alten Kinder die Musik so zu eigen, dass sie rechtzeitig ab Schulbeginn Musikunterricht fordern. Das ist mein Traum. Ob ich das schaffe oder nicht, das weiß ich nicht. Da es für einen solchen Musik-Kindergarten nicht dieselbe finanzielle Unterstützung wie für normale Kindergärten gibt, übernehm ich das. Deshalb organisiere ich Benefizkonzerte!"
BZ: "Sie sind gebürtiger Argentinier und haben mit dem Musizieren schon ziemlich früh angefangen …"
DB: "Mit fünf. Aber wissen Sie, ich hatte großes Glück. Wir lebten in einer kleinen Wohnung in Buenos Aires, meiner Geburtsstadt. Meine Eltern gaben Klavierstunden. Wenn jemand bei uns an der Tür läutete, waren es Klavierschüler und es wurde Klavier unterrichtet. Da ich es nicht anders kannte, dachte ich, alle Welt spiele Klavier. Schließlich kannte ich auch niemanden, der nicht Klavier spielte. Deshalb fühlt sich Musik für mich auch so natürlich an. Und weil es mir für mein Leben so viel über alle Jahre gegeben hat, möchte ich das an andere weitergeben, damit sie gleiche Erfahrungen sammeln."
BZ: "Und Jahre später haben Sie eine weitere Leidenschaft entdeckt, oder?"
DB: "Leidenschaft würde ich das nicht bezeichnen. Mit sieben Jahren habe ich mein erstes Konzert vor Igor Markevitch gegeben, worauf er mich einlud in Salzburg zu spielen. Er hat damals zu meinem Vater gesagt: „Ihr Sohn wird nicht Pianist, er wird Dirigent, weil er einen so starken Sinn für Rhythmus hat. Er ist der geborene Dirigent.“ Als ich dann in Salzburg war, war ich neugierig und bin in seinen Dirigierkurs gegangen. Das hat mich fasziniert. Dann wollte ich Mozarts Klavierkonzerte vom Flügel aus dirigieren, weil ich das bei Edwin Fischer gesehen hatte. Edwin Fischer aber sagte mir: „Wenn du Mozarts Klavierkonzerte vom Flügel aus dirigieren willst, musst du dirigieren lernen. Es bringt nichts, wenn du nur sehr gut spielst, aber das Orchester allein lässt. Ohne Dirigent ist das nicht gut.“ Damit hatte er absolut recht. Schließlich haben wir in den letzten 50 Jahren so viele große Instrumentalisten gesehen, die das machen wollten und gescheitert sind. Tja, und so habe ich angefangen zu dirigieren."
BZ: "Sie sind in Argentinien geboren und in Israel aufgewachsen, haben beide Staatsbürgerschaften, insgesamt also …"
DB: "Vier. Ich habe eine argentinische Staatsbürgerschaft, eine Israelische, Spanische und Palästinensische."
BZ: "Die deutsche Staatsbürgerschaft haben Sie aber noch nicht angeboten bekommen, oder?"
DB: (lacht) "Nein, ich glaube, vier Staatsbürgerschaften sind schon mehr als genug. In Berlin fühle ich mich wirklich absolut zuhause, schon seit 20 Jahren. Diese Papiere sind mir nicht so wichtig. Dass ich hier leben darf und kann ist schon eine sehr schöne Sache für mich."
BZ: "Wenn Sie sich entscheiden müssten, welchen Pass würden Sie dann behalten? "
DB: "Ich glaube, dass der Pass eine praktische Sache ist. Man sollte dazu keine intellektuelle oder emotionale Beziehung haben. Es gibt Menschen die das haben. Für meinen Freund Zubin Mehta, in Indien geboren, ist die indische Staatsbürgerschaft eine Ehrensache. Er hätte ja so viele andere Staatsbürgerschaften haben können. Er hat in Österreich studiert, war Jahrzehnte in Amerika Dirigent und es hätte ihm das Reisen enorm erleichtert, weil man mit dem indischen Pass überall ein Visum braucht. Aber für ihn ist das eine Ehrensache und er ist tatsächlich stolz, dass er einen indischen Pass hat - bis heute. Ich habe diese Beziehung zum Pass nicht. Ich bin sehr glücklich und stolz, dass ich der einzige Mensch mit einer israelischen und palästinensischen Staatsbürgerschaft bin. Das habe ich deshalb, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass der Konflikt zwischen Israel und Palästina kein politischer ist, daher auch nicht auf dieser Ebene lösbar, sondern ein menschlicher Konflikt von zwei Völkern ist, die beide zutiefst überzeugt sind, das Recht auf das leider gleiche Stückchen Land zu haben. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich zu beiden gehören kann."
BZ: "Wie ist es denn dazu gekommen, dass Sie die palästinensische Staatsbürgerschaft bekommen haben?"
DB: "Wir waren mit dem West-Eastern Divan Orchestra in New York und spielten bei den Feierlichkeiten für Kofi Annan, der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen. Danach kamen der palästinensische und auch der israelische Botschafter zu mir und meinten, dass ich mit dem, was ich tue, auch die palästinensische Staatsbürgerschaft haben müsse. Ich arbeite seit zehn Jahren viel in Palästina für die Musikerziehung, besonders in Ramallah, aber auch in vielen anderen Städten."
DB: "Wir waren mit dem West-Eastern Divan Orchestra in New York und spielten bei den Feierlichkeiten für Kofi Annan, der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen. Danach kamen der palästinensische und auch der israelische Botschafter zu mir und meinten, dass ich mit dem, was ich tue, auch die palästinensische Staatsbürgerschaft haben müsse. Ich arbeite seit zehn Jahren viel in Palästina für die Musikerziehung, besonders in Ramallah, aber auch in vielen anderen Städten."
BZ: "Mit dem West-Eastern Divan Orchestra haben Sie ein Orchester geschaffen, das Nationen verbindet – zum Beispiel Israelis und Palästinenser - politisch quasi nicht möglich …"
DB: "Wir sind gezwungen, entweder Seite an Seite oder zusammen leben zu müssen, aber auf keinen Fall Rücken an Rücken! Und das verstehen viele Religiöse leider nicht. Die Leute dort denken immer: Ich muss den anderen wegbekommen. Das geht nicht."
BZ: "1999 haben Sie das West-Eastern Divan Orchestra gegründet. Wie haben Sie damals aus den verschiedenen arabischen Staaten Musiker für das Orchester begeistern können?"
DB: "Das habe ich damals zusammen mit dem Schriftsteller und Intellektuellen Edward Said. Es war von Anfang an eine gemeinsame Idee, die dank des Goethe Instituts in Weimar verwirklicht wurde. Das Goethe Institut organisierte überall in den verschiedenen Ländern Probespiele. So haben wir die Musiker zusammenbekommen."
BZ: "Sie proben, musizieren, konzertieren miteinander - diskutieren Sie auch über Politik?"
DB: "Natürlich sprechen wir oft darüber. Da allerdings schon viele Musiker im Orchester schon so lange dabei sind, ist das Thema jetzt erledigt; wir sind jetzt weiter. Wir überlegen nun, wie und wo wir unsere Ideen als Botschaft weitergeben können. Eine Idee zum Beispiel ist die Legitimität, den Anderen zu verstehen oder wenigstens zu respektieren, besonders wenn man damit nicht einverstanden ist. Das ist etwas, was die Politik nicht schaffen kann."
BZ: "Letztes Jahr haben Sie sogar Ihr erstes Konzert in Gaza mit diesem Orchester dirigiert."
DB: "Diese Reise werde ich nicht vergessen, aus vielen Gründen. Vor allem aber, weil ich dort das schönste Kompliment meines Lebens bekommen habe. Nach dem Konzert kam ein Palästinenser zu mir und bedankte sich und fügte hinzu: „Es war für uns sehr wichtig, dass Sie hier waren.“ Ich fragte, warum das für ihn sehr wichtig gewesen sei. „Weil wir das Gefühl haben, dass die ganze Welt uns vergessen hat. Eine kleine Minderheit denkt ab und zu an uns, schickt uns Medikamente oder Geld, aber Medikamente oder Lebensmittel würden sie auch Tieren schicken. Sie aber haben uns das Gefühl wiedergegeben, dass wir Menschen sind. Dass Sie an uns auch als Menschen denken.“ Ein schöneres Kompliment kann sich ein Musiker eigentlich nicht vorstellen, oder? Deswegen war die Reise für mich sehr wichtig."
BZ: "Dort haben Sie ein Mozart-Programm angeboten, dieses Jahr gehen Sie mit Beethoven auf Tour - auch unser Klassik Radio-Thema."
DB: "Beethoven war sozusagen das Hauptthema für dieses Orchester. Fast jedes Jahr haben wir eine neue Beethovensinfonie gelernt und gespielt. Man kann nicht ein ausgebildeter Musiker sein, ohne sich mit Beethoven auseinandergesetzt zu haben. Beethoven ist wirklich so primär, so absolut essentiell für das Musizieren und natürlich ist das auch ein Symbol als Mensch. Er war jemand, der durch seine Schriften und Musik ganz deutlich gemacht hat, wie er zu der französischen Revolution und Napoleon stand. Er hat damals seine Eroica Napoleon gewidmet, sie aber wieder rückgängig gemacht, als er sich zum Kaiser ernennen ließ. Die Idee der französischen Revolution aber blieb bei ihm. Als Mensch war er sehr mutig und jemand, der für die Gerechtigkeit gekämpft hat. Und als solcher hat er wirklich schon viele Generationen angesprochen. Beethoven ist also ein sehr wichtiges Element im Leben eines Musikers, weil er die Musik immer als Teil seines Lebens gesehen hat. Und dies nicht als Ausdruck einer ätherischen und elitären Idee, die nur mit Schönheit oder Virtuosität zu tun hat, sondern als eine menschliche Idee, die der Mensch denken und spüren muss. Mut, Gerechtigkeit - das sind und waren die Hauptthemen seines Lebens, seines Denkens. Er war ein sehr gebildeter Mann, er hat sich zum Beispiel sehr mit der Philosophie von Immanuel Kant beschäftigt. Man weiß genau, was er gelesen hat und wie er dem gegenüberstand, weil er in seiner Bibliothek alles in seinen Büchern kommentiert hat. Und das ist das, was für mich so wichtig ist bei Beethoven."
BZ: "Und das ist etwas, was Sie ja auch mit Beethoven gemeinsam haben."
DB: "Genau. Naja gemeinsam, auf jeden Fall wohin wir streben, sagen wir es so."
BZ: "Wenn Sie Beethoven treffen könnten, was würden Sie mit ihm anstellen?"
DB: "Ich würde ihn befragen natürlich. Ich würde fragen, woher er die Kraft genommen hat, woher er Mut genommen hat … ja."
BZ: "Erinnern Sie sich eigentlich daran, wann Sie ihn das erste Mal gehört oder selbst gespielt haben?"
DB: "Oh, ich habe ihn schon als kleines Kind viel gehört und viel gespielt. Seine Klaviersonaten habe ich zum ersten Mal mit 17 Jahren zyklisch gespielt. Er war sozusagen auch Hauptthema meiner musikalischen Erziehung. Von Anfang an."
BZ: "Es fasziniert mich immer wieder, dass Beethovens Musik Menschen auch heute nach so langer Zeit so sehr fesselt, wie man ja auch an unserer Aktion Beethoven für alle gesehen hat."
DB: "Ja, das ist schon wirklich Jahrhunderte lang so. Ich glaube, dass Ihre Aktion eine wunderbare Aktion ist, genau aus dem Grund, weil es heute nicht mehr so viel Musikerziehung gibt. Man kann denken, dass es nur für einige Menschen ist, aber es ist nicht so. Die Musik ist nicht elitär, die Musik ist für alle. Deswegen „Beethoven für alle"! Wir müssen alle Menschen zu dieser Musik bringen beziehungsweise die Musik zu allen bringen. Deswegen finde ich diese Aktion so wichtig und ich finde auch, dass auch in der neunten Sinfonie jeder Mensch mitsingen darf. Aktiv zu sein in der Musik wird für jeden Menschen etwas ganz besonderes sein. Ich werde das nie vergessen- Silvester 1999 in der Staatsoper Unter den Linden haben wir Wagners Meistersinger mit einem großen Chor gespielt und es haben viele Menschen, auch der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, mitgesungen. Und sie hatten so eine Freude! Dieses Gefühl von Mitmachen, genau das möchte ich, dass das viele Menschen erleben können. Sie sollen wirklich alle die Möglichkeit haben mitzusingen!"
BZ: "Wenn Sie heute zurückblicken, würden Sie eigentlich alles genauso wieder machen?"
DB: "Ich hoffe sogar ein bisschen besser! (lacht) Naja, jetzt habe ich ja ein bisschen mehr Erfahrung als vor 60 Jahren. Aber das ist eine Sache, die man akzeptieren muss, dass man die Erfahrung mit dem Denken und durch das Umsetzen bekommt. Es gibt keinen kürzeren Weg. Das ist auch besonders wichtig für begabte Leute. Dass sie nicht denken, sie könnten aufgrund ihrer Begabung immer schnell über alles hinweggehen, dass sie bestimmte Sachen nicht machen müssen. Der Prozess des Lernens und vor allem der Prozess, das Denken zu lernen, bleibt immer der Gleiche. Der Unterschied am Ende ist nur, dass begabte Menschen das besser als die weniger begabten Menschen machen. Aber der Lernprozess bleibt der Gleiche und da gibt es keine Kürzungen."
BZ: "Seit 1992, also seit 20 Jahren, sind Sie Generalmusikdirektor und Chefdirigent auf Lebenszeit der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Auch Chef des Orchesters der Mailänder Scala und des West-Eastern Divan Orchestra - was macht eigentlich einen guten Dirigenten aus?"
DB: "Wissen Sie, der Unterschied zwischen einem Dirigenten und Instrumentalisten oder Sänger ist, dass er nicht üben kann. Das heißt, dass er sich das alles vorstellen muss. Als Pianist können sie am Klavier sitzen und auf eine bestimmte Art versuchen zu spielen. Aber wenn Sie eine Partitur lernen, dann müssen Sie sich das alles vorstellen. Ein Dirigent muss lernen, wie man das Instrument spielt, was die physischen Gesetze sind, welche mit dem Klang zu tun haben. Das ist der erste große Unterschied. Mit den Musikern einen Dialog führen zu können, ist der andere. Ob er das durch Worte oder Gesten macht, ist egal - am besten sind so wenig Worte wie möglich. Ein Dirigent muss in der Lage sein, mit dem Orchester zu einem Punkt zu kommen, wo alle das Gleiche über die Musik denken. Das gilt für musikalische Höhepunkte oder auch Akzente, das ist wirklich Strenge im besten Sinne des Wortes. Und wenn man im Konzert ist und spürt, dass alle das Gleiche über die Musik denken, dann gibt es wirklich die Chance, dass Musizieren entsteht. Sonst ist es nur das Spielen von Tönen."
BZ: "Sie haben das West-Eastern Divan Orchestra gegründet, setzen sich für Konfliktflösung in der arabischen Welt ein, mit uns haben Sie den größten Internet- und Beethovenchor gegründet - was möchten Sie jetzt noch unbedingt machen?"
DB: "Naja, wissen Sie, dass Musizieren ist ja auch so erstaunlich, weil man von jeder Aufführung, von jeder Probe irgendetwas, irgendeinen Zusammenhang, den man bis dahin nicht genauso wahrgenommen hatte, erkennt. Man kriegt jedes Mal einen kleinen Tropfen mehr Wissen. Aber man fängt am nächsten Tag wieder von Null an, weil der Klang von gestern nicht mehr existiert. Und das ist das Wunderbare an der Musik. Und deswegen möchte ich solange es noch geht, jeden Tag einen kleinen Tropfen Wissen erleben dürfen. Und auch noch lange gesund sein, damit ich noch besser werden kann."
BZ: "Das wünschen wir Ihnen alle von Herzen! Vielen Dank für Ihre Zeit und alles Gute!"
DB: "Wir sind gezwungen, entweder Seite an Seite oder zusammen leben zu müssen, aber auf keinen Fall Rücken an Rücken! Und das verstehen viele Religiöse leider nicht. Die Leute dort denken immer: Ich muss den anderen wegbekommen. Das geht nicht."
BZ: "1999 haben Sie das West-Eastern Divan Orchestra gegründet. Wie haben Sie damals aus den verschiedenen arabischen Staaten Musiker für das Orchester begeistern können?"
DB: "Das habe ich damals zusammen mit dem Schriftsteller und Intellektuellen Edward Said. Es war von Anfang an eine gemeinsame Idee, die dank des Goethe Instituts in Weimar verwirklicht wurde. Das Goethe Institut organisierte überall in den verschiedenen Ländern Probespiele. So haben wir die Musiker zusammenbekommen."
BZ: "Sie proben, musizieren, konzertieren miteinander - diskutieren Sie auch über Politik?"
DB: "Natürlich sprechen wir oft darüber. Da allerdings schon viele Musiker im Orchester schon so lange dabei sind, ist das Thema jetzt erledigt; wir sind jetzt weiter. Wir überlegen nun, wie und wo wir unsere Ideen als Botschaft weitergeben können. Eine Idee zum Beispiel ist die Legitimität, den Anderen zu verstehen oder wenigstens zu respektieren, besonders wenn man damit nicht einverstanden ist. Das ist etwas, was die Politik nicht schaffen kann."
BZ: "Letztes Jahr haben Sie sogar Ihr erstes Konzert in Gaza mit diesem Orchester dirigiert."
DB: "Diese Reise werde ich nicht vergessen, aus vielen Gründen. Vor allem aber, weil ich dort das schönste Kompliment meines Lebens bekommen habe. Nach dem Konzert kam ein Palästinenser zu mir und bedankte sich und fügte hinzu: „Es war für uns sehr wichtig, dass Sie hier waren.“ Ich fragte, warum das für ihn sehr wichtig gewesen sei. „Weil wir das Gefühl haben, dass die ganze Welt uns vergessen hat. Eine kleine Minderheit denkt ab und zu an uns, schickt uns Medikamente oder Geld, aber Medikamente oder Lebensmittel würden sie auch Tieren schicken. Sie aber haben uns das Gefühl wiedergegeben, dass wir Menschen sind. Dass Sie an uns auch als Menschen denken.“ Ein schöneres Kompliment kann sich ein Musiker eigentlich nicht vorstellen, oder? Deswegen war die Reise für mich sehr wichtig."
BZ: "Dort haben Sie ein Mozart-Programm angeboten, dieses Jahr gehen Sie mit Beethoven auf Tour - auch unser Klassik Radio-Thema."
DB: "Beethoven war sozusagen das Hauptthema für dieses Orchester. Fast jedes Jahr haben wir eine neue Beethovensinfonie gelernt und gespielt. Man kann nicht ein ausgebildeter Musiker sein, ohne sich mit Beethoven auseinandergesetzt zu haben. Beethoven ist wirklich so primär, so absolut essentiell für das Musizieren und natürlich ist das auch ein Symbol als Mensch. Er war jemand, der durch seine Schriften und Musik ganz deutlich gemacht hat, wie er zu der französischen Revolution und Napoleon stand. Er hat damals seine Eroica Napoleon gewidmet, sie aber wieder rückgängig gemacht, als er sich zum Kaiser ernennen ließ. Die Idee der französischen Revolution aber blieb bei ihm. Als Mensch war er sehr mutig und jemand, der für die Gerechtigkeit gekämpft hat. Und als solcher hat er wirklich schon viele Generationen angesprochen. Beethoven ist also ein sehr wichtiges Element im Leben eines Musikers, weil er die Musik immer als Teil seines Lebens gesehen hat. Und dies nicht als Ausdruck einer ätherischen und elitären Idee, die nur mit Schönheit oder Virtuosität zu tun hat, sondern als eine menschliche Idee, die der Mensch denken und spüren muss. Mut, Gerechtigkeit - das sind und waren die Hauptthemen seines Lebens, seines Denkens. Er war ein sehr gebildeter Mann, er hat sich zum Beispiel sehr mit der Philosophie von Immanuel Kant beschäftigt. Man weiß genau, was er gelesen hat und wie er dem gegenüberstand, weil er in seiner Bibliothek alles in seinen Büchern kommentiert hat. Und das ist das, was für mich so wichtig ist bei Beethoven."
BZ: "Und das ist etwas, was Sie ja auch mit Beethoven gemeinsam haben."
DB: "Genau. Naja gemeinsam, auf jeden Fall wohin wir streben, sagen wir es so."
BZ: "Wenn Sie Beethoven treffen könnten, was würden Sie mit ihm anstellen?"
DB: "Ich würde ihn befragen natürlich. Ich würde fragen, woher er die Kraft genommen hat, woher er Mut genommen hat … ja."
BZ: "Erinnern Sie sich eigentlich daran, wann Sie ihn das erste Mal gehört oder selbst gespielt haben?"
DB: "Oh, ich habe ihn schon als kleines Kind viel gehört und viel gespielt. Seine Klaviersonaten habe ich zum ersten Mal mit 17 Jahren zyklisch gespielt. Er war sozusagen auch Hauptthema meiner musikalischen Erziehung. Von Anfang an."
BZ: "Es fasziniert mich immer wieder, dass Beethovens Musik Menschen auch heute nach so langer Zeit so sehr fesselt, wie man ja auch an unserer Aktion Beethoven für alle gesehen hat."
DB: "Ja, das ist schon wirklich Jahrhunderte lang so. Ich glaube, dass Ihre Aktion eine wunderbare Aktion ist, genau aus dem Grund, weil es heute nicht mehr so viel Musikerziehung gibt. Man kann denken, dass es nur für einige Menschen ist, aber es ist nicht so. Die Musik ist nicht elitär, die Musik ist für alle. Deswegen „Beethoven für alle"! Wir müssen alle Menschen zu dieser Musik bringen beziehungsweise die Musik zu allen bringen. Deswegen finde ich diese Aktion so wichtig und ich finde auch, dass auch in der neunten Sinfonie jeder Mensch mitsingen darf. Aktiv zu sein in der Musik wird für jeden Menschen etwas ganz besonderes sein. Ich werde das nie vergessen- Silvester 1999 in der Staatsoper Unter den Linden haben wir Wagners Meistersinger mit einem großen Chor gespielt und es haben viele Menschen, auch der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, mitgesungen. Und sie hatten so eine Freude! Dieses Gefühl von Mitmachen, genau das möchte ich, dass das viele Menschen erleben können. Sie sollen wirklich alle die Möglichkeit haben mitzusingen!"
BZ: "Wenn Sie heute zurückblicken, würden Sie eigentlich alles genauso wieder machen?"
DB: "Ich hoffe sogar ein bisschen besser! (lacht) Naja, jetzt habe ich ja ein bisschen mehr Erfahrung als vor 60 Jahren. Aber das ist eine Sache, die man akzeptieren muss, dass man die Erfahrung mit dem Denken und durch das Umsetzen bekommt. Es gibt keinen kürzeren Weg. Das ist auch besonders wichtig für begabte Leute. Dass sie nicht denken, sie könnten aufgrund ihrer Begabung immer schnell über alles hinweggehen, dass sie bestimmte Sachen nicht machen müssen. Der Prozess des Lernens und vor allem der Prozess, das Denken zu lernen, bleibt immer der Gleiche. Der Unterschied am Ende ist nur, dass begabte Menschen das besser als die weniger begabten Menschen machen. Aber der Lernprozess bleibt der Gleiche und da gibt es keine Kürzungen."
BZ: "Seit 1992, also seit 20 Jahren, sind Sie Generalmusikdirektor und Chefdirigent auf Lebenszeit der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Auch Chef des Orchesters der Mailänder Scala und des West-Eastern Divan Orchestra - was macht eigentlich einen guten Dirigenten aus?"
DB: "Wissen Sie, der Unterschied zwischen einem Dirigenten und Instrumentalisten oder Sänger ist, dass er nicht üben kann. Das heißt, dass er sich das alles vorstellen muss. Als Pianist können sie am Klavier sitzen und auf eine bestimmte Art versuchen zu spielen. Aber wenn Sie eine Partitur lernen, dann müssen Sie sich das alles vorstellen. Ein Dirigent muss lernen, wie man das Instrument spielt, was die physischen Gesetze sind, welche mit dem Klang zu tun haben. Das ist der erste große Unterschied. Mit den Musikern einen Dialog führen zu können, ist der andere. Ob er das durch Worte oder Gesten macht, ist egal - am besten sind so wenig Worte wie möglich. Ein Dirigent muss in der Lage sein, mit dem Orchester zu einem Punkt zu kommen, wo alle das Gleiche über die Musik denken. Das gilt für musikalische Höhepunkte oder auch Akzente, das ist wirklich Strenge im besten Sinne des Wortes. Und wenn man im Konzert ist und spürt, dass alle das Gleiche über die Musik denken, dann gibt es wirklich die Chance, dass Musizieren entsteht. Sonst ist es nur das Spielen von Tönen."
BZ: "Sie haben das West-Eastern Divan Orchestra gegründet, setzen sich für Konfliktflösung in der arabischen Welt ein, mit uns haben Sie den größten Internet- und Beethovenchor gegründet - was möchten Sie jetzt noch unbedingt machen?"
DB: "Naja, wissen Sie, dass Musizieren ist ja auch so erstaunlich, weil man von jeder Aufführung, von jeder Probe irgendetwas, irgendeinen Zusammenhang, den man bis dahin nicht genauso wahrgenommen hatte, erkennt. Man kriegt jedes Mal einen kleinen Tropfen mehr Wissen. Aber man fängt am nächsten Tag wieder von Null an, weil der Klang von gestern nicht mehr existiert. Und das ist das Wunderbare an der Musik. Und deswegen möchte ich solange es noch geht, jeden Tag einen kleinen Tropfen Wissen erleben dürfen. Und auch noch lange gesund sein, damit ich noch besser werden kann."
BZ: "Das wünschen wir Ihnen alle von Herzen! Vielen Dank für Ihre Zeit und alles Gute!"

















































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