Linda Marschall trifft Katharina Wagner

"Kinder, schafft was Neues" war das Motto Richard Wagners. Seine Urenkelin Katharina hat es gleich in ihrer ersten Amtszeit getan: Vorbei sind die Zeiten, in denen die Bayreuther Festspiele hinter verschlossenen Türen aufgeführt wurden. Oper für alle, Wagner für alle, so lautet ihr Motto seit 2009.

Pro Jahr wird ab sofort eine Inszenierung live im Internet via Stream und in Bayreuth auf einer riesigen Leinwand übertragen. 2009 war es die Inszenierung von Christoph Marthaler: „Tristan und Isolde“. 40.000 waren auf den Bayreuther Volksfestplatz zum „Public Viewing“ gekommen. Was in den Köpfen vielen Wagnerianern bestimmt undenkbar war: Umsonst und draußen, im Freizeitlook, Essen, Trinken, sich unterhalten, auf Liegestühlen sitzen und dabei Richard Wagners Opern sehen und hören. Anstatt auf dem Grünen Hügel im Abendkleid, mischt Katharina Wagner bei den Zuschauern mit. Linda Marschall hat mit ihr dazu gesprochen.
 
Linda Marschall (LM): "Für die Zuschauer gibt’s Bier und Bratwurst – für Sie auch?"
Katharina Wagner (KW): "Ich bleib jetzt erst noch beim Wasser, weil ich glaube, wenn ich jetzt ein Bier trinke, kippe ich um. Ich vertrage das nicht so – Hitze und Alkohol. Aber wenn es dann kühler ist hole ich mir ein Bier und auch eine Bratwurst."
Bayreuther Volksfestplatz

LM: "Bleiben Sie heute zum Public-Viewing?"
KW: "Ja, ich bleib hier. Ist auch mal angenehm nicht im Abendkleid zu sein, insofern hat diese Festspielnacht auch mal entspannende Vorteile für mich. Ich war letztes Jahr natürlich oben, weil es meine eigene Inszenierung war, da lässt man die Sänger nicht alleine – aber ich bin jetzt dieses Jahr wirklich gespannt wie’s ist. Die Atmosphäre finde ich super."

LM: "Inwiefern lässt sich denn eine komplexe Wagner-Inszenierung überhaupt medial für ein so großes Publikum aufbereiten?" 

KW: "Ich glaube sehr gut. Ich glaube gerade, dass diese Inszenierung heute, die sehr sehr viele Feinheiten in der Gestik und in der Mimik hat, die man eigentlich im Zuschauerraum auch nur mit dem Opernglas erkennen kann, wahnsinnig gut durch die neuen Medien einzufangen ist. Also ich glaube, die Leute heute haben wirklich ganz viel Spaß, weil sie die ganzen Feinheiten in den Gesichtern sehen – eben durch die Kamera. Das hat man im Festspielhaus, wenn man kein Opernglas hat, gar nicht in der Form. Insofern freue ich mich sehr drauf, weil ich diese Inszenierung ganz persönlich auch wunderbar finde."

LM: 
"Wo ist es denn nun besser – auf dem Grünen Hügel oder beim Public-Viewing?"
KW: "Man kann das eine nicht mit dem andern vergleichen – im Festspielhaus hat man natürlich eine einzigartige Akustik. Diese Akustik werden sie, da muss man keinen Hehl draus machen, nirgends herstellen können. Selbst mit der modernsten Technik nicht. Aber natürlich haben Sie hier einen Vorteil: Sie sehen Dinge, die Sie im Festspielhaus nicht sehen, durch die Kameras. Es sind einfach zwei nicht zu vergleichende Sachen. Die Stimmungen an beiden Plätzen ist komplett anders. Auch das ist nicht zu vergleichen. Beide Stimmungen sind wunderbar. Der Gedanke des Public Viewing ist ja nun nicht neu, es wäre falsch zu sagen „Wir haben das erfunden“. Das haben ja genug Städte schon vorgemacht, wo es wunderbar funktioniert. Die Idee es nach Bayreuth zu bringen kam uns letztes Jahr ganz spontan. Wir wollen es auch für die Bayreuther, die ihre Festspiele einfach ganz toll unterstützen, aber oft auch nicht die Chance haben an eine Karte zu kommen." 

LM: "Was würden Sie denn empfehlen? Festspielhaus oder Public-Viewing?"
KW: "Kann man deswegen einfach so nicht sagen, weil es zwei völlig unterschiedliche Veranstaltungen sind und je nach dem, was man persönlich lieber hat, kann man das eine oder das andere empfehlen.  Wie gesagt: die Akustik und die Stimmung aus dem Festspielhaus wird man nie ersetzen können, allerdings herrscht hier auf dem Platz eine solch einzigartige Stimmung, die kriegen sie oben auch nicht. Das sind zwei Paar Schuhe. Ich würde sagen: Bestellen Sie eine Karte im Festspielhaus für Tristan und gucken sie dann das Public-Viewing an – damit man’s vergleichen kann. Ich würde beides machen."

LM: "Wie gut funktionieren die Absprachen zwischen Regisseur und den Umsetzern des Public-Viewing? Gibt es da viel Kommunikation bzw. gehen die Gespräche sehr tief in das jeweilige Werk?"
KW: "Sehr tief! Frau [Anna] Viebrock ist jetzt zum Beispiel hier die Lichtstimmung durchgegangen. Ich hab mich letztes Jahr auch hingesetzt und habe Szene für Szene durchgearbeitet. Die Gespräche gehen sehr tief, ja. Das ist eine wirklich enge Zusammenarbeit, weil der Regisseur  natürlich sein Werk am besten kennt.  Und der redet dann auch mit dem Bild-Regisseur. Das ist auch eine sehr vernünftige Sache, dass da nicht zwei unterschiedliche Stiefel gemacht werden."

LM: 
"Was würde wohl Richard Wagner zu einer solchen Public-Viewing-Veranstaltung sagen?"
KW: "Ich glaube er fänd’s toll. Das ist ja genau sein Gedanke und ich glaube er fände es einfach nur super. Vor allem wenn man die Möglichkeiten, die man heute dank moderner Technik hat, einfach auch nutzt." 

LM: "Was sagt denn ihr Vater zum Public-Viewing?"
KW: "Der findet es super. Mein Vater war nie ein Gegner solcher Medien. Man darf nicht vergessen: als er Aufzeichnungen, also auch DVD-Aufzeichnungen,  gemacht hat, war man noch an einem Punkt, an dem das alles wahnsinnig aufwendig war, auch von den Kamera-Aufbauten her. Und er sagt „Wenn das stabil läuft“ – und das tut’s ja inzwischen. Er ist immer vorsichtig gewesen mit Technik,  wo man erst noch experimentieren muss oder etwas ausfällt, aber in dem Fall muss man sagen: er ist einfach total begeistert, weil das einfach sicher steht." 
Richard Wagner und die Opernführer. Hier werden Fragen zur Inszenierung von

LM: "Soll das Public-Viewing in dieser Form weiter geführt werden?" 
KW: "Wir haben natürlich vor, regelmäßig das,  was neu kommt,  dann auch irgendwann zu zeigen. Nächstes Jahr wird’s wahrscheinlich eine „Walküre“ geben, und dann gibt’s den „Lohengrin“ von Herrn [Hans] Neuenfels.  So lang das auch immer mit der Rechte-Übertragung hinhaut, da muss man immer ein bisschen vorsichtig sein, aber dann wird’s hoffentlich den „Tannhäuser“ von Herrn [Sebastian] Baumgarten geben und dann geht das so weiter." 

LM: "Gibt es denn von Ihnen auch bald wieder eine neue Inszenierung?"
KW: "Ja, 2015 in Bayreuth wieder den „Tristan“, davor inszeniere ich noch in anderen Städten, aber ich will ja nicht permanent nur Inszenierungen von Katharina Wagner hier zeigen. Es gibt auch ganz viele andere tolle Regisseure, die müssen auch mal ran." 

LM: 
"Dieses Jahr gibt es erstmals auch „Wagner für Kinder“."
KW: "Gut, was ganz neues ist es auch nicht, damit brauchen wir uns nicht schmücken.  Das haben wirklich auch andere Opernhäuser schon gut vorgemacht. Aber eben wenig mit Wagner, dafür sehr viel mit Mozart. Wahrscheinlich denkt man, dass das ein kindertauglicheres Repertoire ist. Natürlich, wenn wir was für Kinder machen, dann sollte es Wagner sein, dann sollten wir uns auch an das Schwere heranwagen und ich finde das einfach wahnsinnig wichtig. Man kann nicht sagen „Wir sind die Bayreuther Festspiele, wir sind ausverkauft, deswegen haben wir es nicht nötig irgendwas zu fördern“. Nein, gerade weil wir ausverkauft sind, gerade weil wir eigentlich auch eine Vorbildfunktion haben, oder haben sollten, was das Wagner-Repertoire angeht, müssen wir an die Sache mit Kindern einfach ran. Ich finde das wahnsinnig toll wie die Kinder mitgemacht haben und wie das auch gewirkt hat. Wir haben ja auch die Kostümentwürfe mit den Kindern zusammen gemacht und die haben sich so gefreut und haben so aktiv teilgenommen. Ich finde das einfach nur toll."

LM: "Was haben Sie sich für die nächsten Jahre vorgenommen?  Welche Aufgaben liegen vor Ihnen?" 
KW: "Die größte Aufgabe wird natürlich sein, die Bayreuther Festspiele wieder dahin zu bringen, dass sie eine Vorreiter-Funktion haben, was die Wagner-Rezension angeht. Ich denke, mit den Dirigenten und Regisseuren sind wir auf einem sehr guten Weg und natürlich wollen wir auch gucken, dass wir die Sängerbesetzung so hinkriegen, dass man wirklich sagt: Das ist Bayreuth, da muss man hin, weil es eben in ganzer Linie höchste Qualität ist. Das ist, denke ich, doch die größte Aufgabe." 
 
LM: "Danke, Katharina Wagner!"