Perlon oder Nylon?
New Africa
Perlon oder Nylon?
Ausgewählt von Klara Jäger

Die Wahre Geschichte der Woche: Perlon

Jede Woche wählt ein Mitglied aus der Redaktion eine persönliche Wahre Geschichte der Woche aus und verleiht ihr eine besondere Note.

Getrennt durch den Atlantik

Weder Peter Schlack noch Wallace Hume Carothers gehören zu den Promis der Geschichte - dabei sind sie die Väter eines äußerst beinschmeichelnden Stoffes.

Doch ausgerechnet an dieser Eigenschaft waren sie zunächst gar nicht so interessiert, vielmehr ging es darum, eine voll synthetische Faser herzustellen, die elastisch und verschleißfest waren. Beide Männer forschten gleichzeitig an verschiedenen Orten.

Perlon versus Nylon

Der Durchbruch gelang zunächst Wallace Hume Carothers, der für den US-Konzern Dupont arbeitet: Anfang 1935 ließ er sich eine Faser patentieren, die er Nylon nannte.

Peter Schlack von der Firma Aceta, die zu dem Konzern IG Farben gehört, ließ sich nicht entmutigen und nahm sich die Patentschriften des Kollegen vor – und einen Ausgangsstoff, den der bereits verworfen hatte: Caprolactam. Er tüftelt herum und schafft es, 1938 auf dieser Grundlage ein Endprodukt zu gewinnen, das identisch zu Nylon ist. Er nennt es Perlon.  Um sich nicht in die Quere zu kommen, teilen die beiden die Absatzmärkte unter sich auf.

Erinnert mich an eine alte Twix-Werbung, in der zwei verfeindete Brüder in zwei Fabriken, das „linke Twix“ und das „rechte Twix“ produzieren: zwei völlig gleiche, unterschiedliche Produkte

Fallschirme statt Feinstrümpfe

In Deutschland wird zwar noch im selben Jahr ein „Probestrumpf“ hergestellt, doch müssen jegliche Feinstrumpfambitionen der Kriegsmaschinerie weichen: Perlon wird für Fallschirme und Reifenschläuche gebraucht! Auch in den USA wird Nylon für solche Zwecke eingesetzt, doch zeitgleich kommen 1939 die ersten „Nylons“ auf den Markt – und finden rasenden Absatz! Nach dem Krieg sind durch die Care Pakete die „Nylons“ auch die ersten Feinstrumpfhosen aus Synthetik, mit denen die Frauen in Deutschland Bekanntschaft machen. Sie sind heiß begehrt und gelten wie Zigaretten als Schwarzmarktwährung. Ein Paar wird für 200 Reichsmark gehandelt – das Monatsgehalt einer Stenotypistin.

Wie Phönix aus der Asche

Nach dem Krieg wird die IG Farben, die auch Zwangsarbeiter beschäftigte, zerschlagen, doch vier Jahre später geht Perlon wieder in die Produktion. Nachdem die Faser günstiger und einfacher herzustellen ist, wird heute weltweit fast doppelt so viel Perlon hergestellt wie Nylon. Eine unglaubliche Geschichte, an die ich mich nun immer erinnere, wenn ich mal wieder ganz unkompliziert eine Strumpfhose im Drogeriemarkt kaufe.

(24.04.21/K.Jäger)