Mutter mit Kind auf der Schulter
Bühnenmütter
Mutter mit Kind auf der Schulter
Der Verein „Bühnenmütter“ im Interview

Bühnenkarriere UND Familienplanung?

Keine Samstagsproben, bessere Gagen, angemessene Arbeitszeiten. Das sind einige Forderungen und Zukunftsträume vieler „Bühnenmütter.“

Kind und Karriere vereinen

Warum ist es so schwer, Sängerin UND Mutter sein? Das haben sich die beiden Sängerinnen und Mütter Verena Usemann und Annika Mendrala gefragt und vor einem guten Jahr die Initiative „Bühnenmütter“ gegründet, die mittlerweile ein eingetragener Verein ist.

Denn diverse Alltagsprobleme haben nicht nur sie, sondern viele ihrer Kolleginnen, die versuchen, Kind und Karriere zu vereinen. Das fängt schon mit den Probezeiten an, erläutert Verena Usemann, die oft am Nachmittag, Abend oder Wochenende sind - zu Zeiten also, in denen klassische Einrichtungen wie Kita oder Hort nicht mehr zugänglich sind. Das wiederum zieht Betreuungskosten nach sich, was für einige Schauspielerinnen und Sängerinnen regelrecht existentiell ist, erzählt Annika Mendrala. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Kredite aufgenommen werden, nur um sich die Babysitterkosten leisten zu können.

Annika Sophie Mendrala - G. Puccini - "O mio babbino caro"
Annika Sophie Mendrala - G. Puccini - "O mio babbino caro"
Annika Sophie Mendrala - G. Puccini - "O mio babbino caro"

Studie zeigt viele diskriminierende Erfahrungen

Familienvereinbarkeit – das ist auch im Jahr 2022 noch eine große Herausforderung für Bühnenkünstlerinnen. Das haben Verena Usemann und Annika Mendrala selbst erfahren. Und weil es vielen ihrer Kolleginnen genauso geht, haben sie nicht nur die Initiative „Bühnenmütter“ gegründet, sondern in einer Pilotstudie mit 120 Teilnehmerinnen ernüchternde Ergebnisse zu Tage gefördert.

„Es wird einfach nicht Rücksicht genommen auf die Belange und Probleme von Müttern, Frauen werden nach einer Schwangerschaft nicht mehr besetzt, weil sie einen Imagewandel haben, sie werden anders angesehen; gerade Darstellerinnen, die Mütter werden, kriegen nicht mehr die schönen, jungen, sexy Rollen, weil sie angeblich ein anderes Flair um sich haben. Viele Frauen bemängeln, dass sie nicht mehr so ernst genommen werden und das sowieso nicht mehr mit ihnen gerechnet wird“, präzisiert Annika Mendrala einige der Studienergebnisse.

Prekäre Arbeitsverhätnisse

Und zu den abfälligen Bemerkungen, zur mangelnden Kooperationsbereitschaft und dem Druck seitens der Arbeitgeber, kommen dann noch schwierige Vertragsverhältnisse dazu: Verträge laufen immer nur für ein, zwei oder höchstens und äußerst selten für drei Jahre. Der Intendant kann den Vertrag jederzeit aus künstlerischen Gründen auslaufen lassen und das kann alles sein, es gibt praktisch keinerlei Sicherheit. Das sind teilweise prekäre Arbeitsbedingungen und deswegen kann eine Frau sofort aussortiert werden, ohne dass das irgendwelche rechtlichen Konsequenzen hat.“

Annika Mendrala (links) und Verena Usemann (rechts), Gründerinnen von "Bühnenmütter"
Lena Kern
Annika Mendrala (links) und Verena Usemann (rechts), Gründerinnen von "Bühnenmütter"

Gefühl von Scham

Annika Mendrala ist Sopranistin und zweifache Mutter und Verena Usemann Mezzosopranistin und dreifache Mutter und beide hatten anfangs gedacht, dass es für sie gar kein Problem sein würde, gleichzeitig erfolgreiche Künstlerin und sich liebevoll kümmernde Mutter zu sein. „Unser Motto war: Tag und Nacht im Theater, das ist gar kein Problem, das ist Rock'n'Roll, das ist super. Dann aber ändern sich die Dinge und man merkt - dieses Bild erfüllt man nicht mehr. Dieses Gefühl aber wird von einer großen Scham begleitet und das ist, glaube ich, der Grund, weswegen die Frauen darüber dann auch nicht sprechen und schon gar nicht öffentlich sprechen, weil sie entweder bewusst oder unbewusst das Gefühl haben, dass sie dieses Bild nicht mehr erfüllen“, formuliert Verena Usemann das grundsätzliche Problem.

 

Wir müssen über dieses Bild, das man von Künstlern hat, sprechen. Denn da passt eine moderne Frau, die Familie und Beruf versucht zu vereinen, nicht mehr rein, die versucht, Energien aufzuteilen, beides zu bedienen, also das, was alle Frauen heutzutage irgendwie versuchen.
Annika Mendrala (links) und Verena Usemann (rechts), Gründerinnen von "Bühnenmütter"
Lena Kern
Annika Mendrala (links) und Verena Usemann (rechts), Gründerinnen von "Bühnenmütter"

Hoffnung auf grundsätzliche Diskussion

Eine grundsätzliche Diskussion wolle man anstoßen, denn für die ganze Branche, aber eben vor allem für die Bühnenmütter, gibt es große Herausforderungen, ergänzt Annika Mendrala. Es wird ein hohes Maß an zeitlicher Flexibilität und die regelmäßige Arbeit an Abenden sowie Wochenende und Feiertagen gefordert. Aber – zum Glück gibt es kleine Fortschritte, wie das Theaterhaus Jena, das von 10 bis 16 Uhr probt, nur Abendproben in den Endproben ansetzt und wo am Samstag nicht geprobt wird.

Andere Ideen, die Situation für die Bühnenmütter zu erleichtern, wären: Kinderbetreuung vor Ort an den Theatern, vielleicht sogar eigene Theaternannys oder evtl. eine Beteiligung der Theater- und Opernhäuser an entstehenden Babysitterkosten. Eine Diskussion darüber sollte auf jeden Fall geführt werden, dank der Initiative von „Bühnenmütter“ ist sie zumindest schon mal in Gang gekommen.

(28.09.2022 / F. Schmidt)