„Für mich ist Kultur grundlegend für die Gesellschaft!“

Intendantin Andrea Zietzschmann im Gespräch mit Klassik Radio

„für-mich-ist-kultur-grundlegend-für-die-gesellschaft-“ © Stefan Höderath
Der zweite Lockdown des Jahres hat die Kultur in vielen Bereichen hart getroffen. Andrea Zietzschmann, Intendantin der Stiftung Berliner Philharmoniker, hat uns im Gespräch mit Klassik Radio etwas zur aktuellen Lage im Orchester und in der Kulturbranche allgemein erzählt.

Motivation und Zukunftsaussichten

Auch nachdem für die Kultur erneut ein Auftrittsverbot verhängt wurde, fehlt es Zietzschmann nicht an Motivation zum Weitermachen: „Motivationsschwierigkeiten habe ich eigentlich nicht, dafür ist momentan einfach zu viel zu tun. Es müssen Probleme bewältigt werden und wir schauen nach vorne. Das Positive dabei ist, dass wir uns trotzdem weiter mit der Zukunft beschäftigen. Wir denken über 2021 nach und versuchen mittelfristig zu planen.“ Natürlich sei auch das schwierig, da niemand weiß, wie die nächsten Wochen und Monate aussehen werden. „Es ist für alle extrem anstrengend.“

Das Orchester arbeitet weiter

Im Gegensatz zum ersten Lockdown im Frühjahr darf das Orchester momentan zumindest ohne Publikum weiterproben und spielen: „Wir versuchen aus der Not eine Tugend und das Beste aus dieser Situation zu machen. Wir haben letzte Woche beispielsweise mit unserem Chefdirigenten Kiril Petrenko ein ganz neues Programm aufgesetzt und Schostakowitschs 8. Sinfonie für unsere ‚Digital Concert Hall‘ gestreamt. Wir nehmen gerade auch alle Beethoven-Quartette auf.“ Das Projekt sollte eigentlich im Frühjahr stattfinden, wurde aber abgesagt und jetzt habe man sich dazu entschieden das Ganze zumindest in digitaler Form zu produzieren. „So kann das Orchester weiter arbeiten. Das wissen wir zu schätzen, aber natürlich fehlt uns das Publikum unendlich“, betont Zietzschmann.

Austausch und Aufmerksamkeit

Die verstärkte Zusammenarbeit verschiedener Kulturinstitutionen, die sich in der Krise entwickelt hat, begrüßt Zietzschmann: „Eine Sache, die man positiv aus der Krise ziehen kann, ist, dass sich ein reger Austausch zwischen den verschiedenen Kulturschaffenden entwickelt hat. Der Egoismus wird da gerade so ein bisschen zurückgedrängt und es wird versucht, einen gemeinsamen Weg aus der Krise zu finden. Was uns da vor allem antreibt, ist der Kultur eine Stimme zu geben, damit man in der Politik auch gehört wird. Das ist gerade für mich auch eine der zentralen Aufgaben. Wir müssen dafür sorgen, dass die Kultur die Aufmerksamkeit erfährt, die wir uns wünschen und die ich für grundlegend halte.“

Kultur als Bildungsstätte

In letzter Zeit werden immer mehr Stimmen aus der Kultur laut, die auf die prekäre Lage der Branche aufmerksam machen: „Jetzt mit der zweiten Schließung finde ich, hat die Kultur schon sehr deutlich gemacht, dass man unglücklich mit der Situation ist. Da gibt es meiner Meinung nach auch zurecht Unmut darüber, dass die Kultur unter dem Begriff Freizeitaktivität subsumiert wurde. Für mich ist Kultur nicht einfach nur nice-to-have, sondern sehr grundlegend für die Gesellschaft! Da sehe ich uns auch im Einklang mit Kitas, Schulen und Universitäten als Bildungsstätte.“ Natürlich beschäftige sie auch die Frage, ob die Wirtschaft in dieser Situation immer Vorrang habe und die Kultur da eigentlich anders begutachtet sein müsste. „Diese Debatte zu führen ist weiterhin extrem wichtig und unser Ziel ist es, dass die Kultur, wenn es dann wieder Lockerungen gibt, auf jeden Fall nicht erst an letzter Stelle kommt, sondern eher mit zu den Ersten gehört.“

Ausblick in die Zukunft

Unabhängig von kommenden Corona-Richtlinien können wir uns aber auch in nächster Zeit weiterhin auf Neues von den Berliner Philharmonikern freuen: „Wir haben eigentlich immer den Plan B, dass unsere Programme als Livestream in der ‚Digital Concert Hall‘ gesendet werden. So verwirklichen wir auch Zusatzprojekte, wie beispielsweise die ‚Symphonie fantastique‘ von Hector Berlioz mit unserem Ehrendirigenten Daniel Barenboim Ende November. Ansonsten warten wir natürlich ab, wie im Dezember die weiteren Maßnahmen der Bundesregierung ausfallen. Sollten wir dann nach wie vor nicht mit Publikum spielen können, werden wir das auf jeden Fall auch so aufrechterhalten. Wir sind da privilegiert, dass wir so ein tolles multimediales Haus und die Möglichkeiten dazu haben, das auf so einem hohen qualitativen Niveau umzusetzen. Gerade in dieser Zeit ist das ein hohes Gut! Wir überlegen auch, was wir noch zusätzlich im Education-Bereich aufsetzen können, da uns ja auch die Schulen nun gar nicht mehr besuchen können.“


Das könnte Sie außerdem interessieren:

Wie ist die aktuelle Lage in anderen Kulturbetrieben?

Was macht ein Orchestermusiker im Homeoffice?

Die Musiker der Met in New York schweben in Existenznot.


(N. Meier)
   

Unser Service

Für die besten Hörer in Deutschland

Musik der Extraklasse

Finden Sie im Klassik Radio Shop

Newsletter

Wir halten Sie auf dem laufenden mit unserem Premium Newsletter

Social Media

folgen Sie uns

Die PLaylist

Was lief wann?

Wir verwenden Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und Ihnen das bestmögliche Erlebnis zu bieten. Indem Sie auf den „OK“ Button klicken, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Weitere Informationen zum Thema Cookies finden Sie unter Datenschutz & Sicherheit
Weitere Informationen Ok