100 Jahre Frauenwahlrecht

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Am 12. November 1918 wird in Deutschland das Frauenwahlrecht eingeführt.
Heute vor hundert Jahren wird das gleiche, geheime, direkte Wahlrecht für alle vom Rat der Volksbeauftragten eingeführt.
Ein Ereignis epochaler Bedeutung, für das lange Zeit gekämpft wurde.

Ein langer Weg zur Gleichberechtigung

Eine Inspiration für die Frauenbewegung in ganz Europa ist die Französin Olympe de Gouge, die während der französischen Revolution in Paris 1791 die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ formuliert. Für ihre Visionen wird sie zwei Jahre später verhaftet und an der Guillotine hingerichtet.

Aufbegehren zur Märzrevolution

Genau wie die Ideen der französischen Revolution werden auch die Forderungen de Gouges‘ während der Märzrevolution von 1848 diskutiert, in einer Zeit, in der für die Demokratisierung der politischen Herrschaftssysteme gekämpft wird.
In dieser Zeit haben Frauen kein Recht auf Erwerbstätigkeit oder persönlichen Besitz, sie sind unverheiratet zunächst von den Vätern abhängig und später von den Ehemännern.
Sie dürfen keine Mitglieder in politischen Vereinen werden und besitzen kein Versammlungsrecht.

„Wohl spricht man viel von Freiheit“ schreibt die Frauenrechtlerin Louise Dittmer im Revolutionsjahr 1848, „aber man ist gewöhnt unter dem Wort „alle“ nur die Männer zu verstehen.“
Bei der Wahl zur Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche waren keine Frauen, sondern nur besitzende Männer ab 25 Jahren vertreten.
Dennoch fordern auch Frauen Mündigkeit und Selbstständigkeit. Für kurze Zeit bringt die Revolution auch den Frauen mehr Rechte in Form eines Vereins- und Versammlungsrechts. Als die Märzrevolution niedergeschlagen wird, fallen allerdings diese Rechte wieder weg.
Als dann 1871 das Wahlrecht eingeführt wird, beschränkt dieses sich auf Männer ab 25 Jahren. Unter den Männern ausgeschlossen sind dabei Soldaten während des Wehrdienstes sowie Personen, die Armenunterstützung beziehen oder in Konkurs stehen.

Vereinsgesetz für Frauen

Die einzige Partei, die sich im Deutschen Reich für das Wahlrecht der Frauen einsetzt, ist die SPD.
1908 wird ein Gesetz eingeführt, das den Frauen erlaubt, sich zu versammeln und so vereint und organisiert für die Frauenrechte einzutreten. Nun können Frauen politischen Vereinen und Parteien beitreten.
Zuvor war es ihnen lediglich erlaubt, in einem mit einer Kordel abgetrennten Bereich an Vereinssitzungen teilzunehmen, und sie hatten in diesem Bereich kein Rederecht und hatten auch keinerlei Gemütsäußerungen kundtun dürfen.
Das neue Gesetz von 1908 macht einen entschiedenen Schritt zum Frauenwahlrecht, denn erstmals können Frauen sich mit politischen Themen beschäftigen und werden als politische Wesen wahrgenommen, welche die Welt, in der sie leben, mitbestimmen wollen. Der Kampf für bessere Bildungschancen, Erwerbstätigkeit und damit mehr Unabhängigkeit beginnt schrittweise an Einfluss zu nehmen.





Der Niedergang des deutschen Kaiserreichs

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommt der große Umschwung bei den Frauen. Auf ihren Leistungen während des Krieges begründen sie ihr Recht auf politische Mitbestimmung des Landes. Es ist kaum noch begründbar, warum Frauen vom Wahlrecht ausgeschlossen sein sollen, nachdem sie aktiv im Krieg, in der Industrie und Schwerindustrie nachgerückt waren.
In der Osterbotschaft von Kaiser Wilhelm II. kündigt dieser eine Demokratisierung des Wahlrechts an, allerdings wird dabei nicht von Frauen gesprochen. Zahlreiche Frauenvereine schließen sich in dieser Zeit zusammen, rufen zu Demonstrationen auf, schicken Petitionen ein.

Einführung des Frauenwahlrechts

Am 9. November 1918 bricht das deutsche Kaiserreich zusammen und die Monarchie endet.
Nur drei Tage, nachdem Philipp Scheidemann in Berlin die Republik ausruft, entscheidet die neue Regierung, dass fortan Männer und Frauen ab dem Alter von zwanzig Jahren das Wahlrecht haben sollen. Ein Gesetz mit epochaler Bedeutung, mit dem Frauen eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht haben.

Frauen ziehen in die Nationalversammlung ein

Drei Monate nach Einführung des Frauenwahlrechts ziehen die ersten Frauen in die Nationalversammlung ein. Über 80 Prozent der wahlberechtigten Frauen geben ihre Stimme ab, während 300 Frauen kandidieren und so schließlich knapp neun Prozent des Parlaments mit 37 Frauen (von 423 Abgeordneten) weiblich besetzt sind.
„Was die Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten war“ sagt Marie Juchacz von der SPD als erste Frau in der Weimarer Nationalversammlung vor dem deutschen Parlament. Als sie dieses mit „Meine Herren und Damen“ anspricht, bricht Lachen aus.

Die Situation bis heute

Mit der Einführung des Frauenwahlrechts ist der Kampf der Frau für Gleichberechtigung keineswegs vorbei. Die Gesellschaft muss sich an die neue Situation gewöhnen.
Viele Widerstände formieren sich, wie etwa mit dem Innenminister Hugo Preuß, der 1918 Frauen „physiologischen Schwachsinn“ unterstellt, dass sie zu unreif wären und man einen zwanzigjährigen Arbeiter nicht mit einem zwanzigjährigen Mädchen vergleich sollte.
Ein anderer Journalist schreibt in dieser Zeit: „Frauen sollten sich zwar in der Politik austoben dürfen, doch der Schöpferische, Zeugende, Gesetzgebende bleibt immer der Mann“.
Bei den weiteren Wahlen der Weimarer Republik sinkt der Anteil von Frauen in der Nationalversammlung. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 werden die Frauenwahlrechte eingeschränkt. Das passive Wahlrecht für Frauen wird faktisch abgeschafft, da Frauen nicht Mitglied der NSDAP werden und deswegen auch nicht für den Reichstag kandidieren können.
1949 werden Frauen vollwertige politische Rechte zuerkannt. Erst ab 1983 aber steigt der Frauenanteil der Abgeordneten auf Weimarer Verhältnisse, 1987 erreicht der Frauenanteil im Deutschen Bundestag erstmals als 15,4 Prozent.
Bis heute sind Frauen in der Politik unterrepräsentiert. 2018 sank der Frauenanteil auf 30,9 Prozent und fiel damit auf ein Niveau zurück, wie es zuletzt im Jahr 1998 stand. Damit ist noch nicht einmal ein Drittel der Abgeordneten weiblich. Große Unterschiede gibt es dabei in den verschiedenen Fraktionen: Bei den Grünen und Linken sind Frauen in der Überzahl, bei der AfD-Fraktion ist jedes zehnte Mitglied eine Frau.


   

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