Die Klassikwelt muss sich öffnen

Im Gespräch mit dem Bielefelder Dirigenten Kevin John Edusei

die-klassikwelt-muss-sich-oeffnen © Marco Borggreve
Das eigene Handeln reflektieren…dazu werden wir in der Rassismus-Debatte von vielen Seiten aufgerufen. Sich weiterbilden und zuhören, das gehört aber in gleichem Maße dazu. Wir haben heute zugehört! Dem Dirigenten Kevin John Edusei aus Bielefeld.
Er stand schon vor vielen namhaften Orchestern und hat mit der Saison 2014/2015 die Leitung der Münchner Symphoniker übernommen. Beim Thema Rassismus sagt er, dass er sich als „vom Rassismus Betroffener" bezeichne, aber kein Rassismus-Experte sei. Wir wollten von ihm wissen, wie er die momentane Situation wahrnimmt, wie es ihm dabei geht und wo er die Klassik Welt bei dieser Thematik einordnet.

Rassismus in der Klassik Welt

Wenn man den Dirigenten Kevin John Edusei fragt, wo er die Klassik beim Thema Rassismus einordnen würde, sagte er uns: „Wir finden dieselben rassistischen Tendenzen, die wir in der Gesellschaft vorfinden auch in der klassischen Musik und dem klassischen Musikbetrieb wieder.“ Die Welt der Klassik sei nun mal hauptsächlich weiß. Vom Musikverleger über die Musiker, bis hin zu den Juroren und dem Publikum. „Das bedeutet für alle Menschen, die klassische Musik ausüben aber nicht „weiß“ sind, dass sie sich in ein Umfeld hineinbegeben, das ganz stark von der weißen Hautfarbe dominiert ist.“ Edusei hat es in diese Welt hinein geschafft, was wohl auch an seiner Familie und dem Umgang mit dem Thema Ethnie und Herkunft zu tun hat. Sein Vater ist aus Ghana und seine Mutter aus Bielefeld.

Selbstvertrauen durch die Familie

„Ich habe das Gefühl, dass ich total dazu gehöre!“, sagt Edusei. Er sagt, dass seine Familie ihm viel Selbstbewusstsein gegeben habe. Zudem habe er sich schon immer sehr mit der europäischen Kultur beschäftigt. Mit ein Grund, warum er klassischer Musiker geworden ist. Aber Vorbilder, die hatte er nicht wirklich.

Vorbilder in der Klassik

Während seiner gesamten Kindheit und Jugend und zu Beginn seines Studiums gab es keine schwarzen Dirigenten, an denen er sich hätte orientieren konnte. Allerdings fand er während seines Studiums am königlichen Konservatorium in Den Haag in einem kleinen Antiquariat ein kleines, quadratisches Bildband mit Fotos von Dirigenten.

„Auf einmal bin ich auf einen Dirigenten namens Dean Dixon gestoßen, der in den 60er Jahren Chefdirigent des Symphonieorchesters des Hessischen Rundfunks war und somit einer der ersten schwarzen Dirigenten, die in Europa auf höchstem Niveau tätig waren.“ Das habe ihn sehr inspiriert…einfach nur dieses Foto und zu wissen, da gibt es jemanden.

Sehen Sie sich selber als Vorbild?

Edusei weiß um seine Verantwortung und sieht sich selber in jedem Fall als Vorbild. „Ich finde es sehr wichtig, dass jungen Menschen gezeigt wird, dass Stereotype auch überwunden werden können. (…) Wenn man etwas sehr stark möchte, dann sollte man diesen Neigungen nachgehen und sich nicht von der Gesellschaft diktieren lassen was zu einem passt und was nicht“, so Edusei.

Rassistische Erfahrungen

Edusei spielte 2017 in der Royal Albert Hall bei den BBC Proms. An diesem Abend fanden zwei Konzerte statt und somit teilte er sich sein Dirigentenzimmer mit dem Chefdirigenten des BBC-Symphony Orchestra. Als er wieder in das Zimmer wollte, sagte eine Dame in einem aggressiven Ton zu ihm: „You have no right to be here“, also „Sie haben nicht das Recht hier zu sein!“ Die Dame konnte sich schlichtweg nicht vorstellen, dass ein Farbiger Dirigent sein könne.

Edusei sagt, dass das kein Einzelfall sei sondern einfach ein Beispiel für viele solcher Begegnungen.

Wünsche für die Klassik-Welt

Edusei wünscht sich mehr Sensibilität dem Thema gegenüber, und das eigene Handeln solle mehr reflektiert werden. „Insbesondere wenn man in einer Position ist, in der man auch Entscheidungsträger ist, das heißt, wenn man Juror ist, Orchesterdirektor oder Musiker engagiert. Man sollte sich durchaus Gedanken machen zu dem Thema Hautfarbe, sexuellen Orientierung und auch des Geschlechts wenn man Leute engagiert.“

Er sieht einen Auftrag an weiße Menschen in dieser Debatte: „Weiße Menschen müssen beginnen sich mit Rassismus auseinanderzusetzen und müssen Rassismus verstehen. (…) Wenn man die klassische Musik bewahren möchte, dann muss man sie öffnen und sich auch diesen Themen stellen“, sagt Edusei.

Danke!

Wir bedanken uns bei Kevin John Edusei, dass er uns an seinen Erfahrungen hat teilhaben lassen und ein so persönliches Gespräch mit uns geführt hat. Es fällt nicht leicht, darüber zu sprechen und natürlich macht es auch angreifbar, aber es ist in dieser Debatte auch so wichtig! Erlebnisse und Ansichten zu teilen, sich austauschen und zu Wort kommen lassen.

Hören Sie das komplette Interview mit Kevin John Edusei und Klassik Radio-Redakteurin Larissa Bothor, über seinen Umgang mit Rassistischen Äußerungen und wie er mit seiner Familie über das Thema spricht.



Letzte Woche haben wir mit der Münchner Opernsängerin Idunnu Münch gesprochen, über ihre ganz persönlichen Erfahrungen in der Opernwelt.


(L. Bothor)
   

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