"Die Lage wird sich drastisch verändern"

Die Semperoper im Gespräch mit Klassik Radio

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Die neue Opernsaison hat begonnen, allerdings unter erschwerten Bedingungen. Wie die Semperoper damit umgeht und wie die Zukunft der Oper aussehen könnte..

Flickenteppich an Regelungen

Es darf wieder gesungen und gespielt werden - allerdings mit erheblichen Einschränkungen und die sind je nach Bundesland sehr verschieden. So ist es für Bayern bereits ein Durchbruch, wenn bei dem neuen Pilotprojekt der Bayerischen Staatsoper 500 statt lediglich 200 Zuschauer je Vorstellung erlaubt werden, während z.B. in der Semperoper Dresden auch regulär bis zu 330 Menschen im Publikum möglich sind. Ein regelrechter Flickenteppich an Regelungen, den der Chefdramaturg Johann Kasimir Eule der Semperoper zwiegespalten sieht: 

"Zu verstehen, warum es so viele unterschiedlichen Regeln gibt, ist auf der einen Seite leicht, weil wir dieses föderale System und lokal sehr unterschiedliche Verhältnisse haben. Das ist absolut sinnvoll, es erfordert einen erhöhten Kommunikationsaufwand, natürlich auch innerhalb des Hauses. In der Kunstszene haben wir nun nach Salzburg geschaut, wir schauen nach Wien und fragen uns...warum geht es denn da?"

Semperoper sieht Chance statt Manko

Die Einschränkungen können statt eines Mankos allerdings auch eine Chance darstellen, kreative Lösungen zu finden und sich von altem zu lösen. In der Semperoper setzt man u.a. auf neue, kürzere Formate von traditionellen Opern. So gibt es unter dem Titel "Semper-Essenz" eine neue szenische Fassung des "Don Giovanni - Entführung aus dem Serail", die lediglich eineinhalb Stunden dauert. Formate, die zunächst ungewohnt erscheinen, aber durchweg positiv aufgenommen werden: "Wir merken schon, das nach ersten Fragen von Seiten des Publikums, das jetzt anfängt zu wachsen und auch verstanden wird." 

Vorteile der Kurzformate

Die Oper in Kurzversion entdecken so z.B. mehr und mehr Schulen für sich - schließlich kann man die Schüler der zehnten und elften Klassen so viel leichter für den Stoff begeistern. "So ein Umdenken, was erwartet mich und was erwarte ich von der Semperoper, um dann auch die Chance zu nutzen, denn so kurz und so knackig kommt man selten in die Oper und gesund wieder raus", fasst der Chefdramaturg Johann Kasimir Eule zusammen. 

Ziel: Vollbesetzung

Natürlich ist auch hier der große Wunsch nach einem vollen Haus da - und man arbeitet aktiv daran, dass dieser Traum vielleicht auch Wirklichkeit werden kann - so ist man gerade dabei, ein Luftbefeuchtungssystem zu entwickeln, dass die Aerosolenanzahl reduzieren soll und die Luft mit antibakteriellen und antiviralen Stoffen versetzt.  "Das ist aber noch in der Mache", erklärt Johann Kasimir Eule. Die Oper Chemnitz hingegen setzt z.B. auf ein Belüftungssystem, dass die Viren direkt aus der Luft filtert

Lage wird sich im nächsten halben Jahr drastisch ändern

Trotz der Einschränkungen und der Einbußen, die die Oper und die Opernhäuser zur Zeit hinnehmen müssen, sieht der Chefdramaturg der Semperoper die Lage optimistisch - die Aufhebung der Zuschauerbeschränkungen sei nur eine Frage der Zeit: "Die Lage wird sich im nächsten halben Jahr drastisch verändern, da bin ich sehr sehr sicher. Und die Opernhäuser von denen wir jetzt sprechen, sind bei uns, wir reden jetzt über Deutschland, von der öffentlichen Hand finanzierte Häuser. Wir werden dort grosso modo nur gering beschädigt sozusagen herausgehen. 

Die Oper als Kunstform wird weiterleben

Anders sieht die Lage auf der anderen Seite des Atlantiks aus: "die Metropolian Opera New York weiß gar nicht, wie sie weitermachen soll und hat erstmal alle Leute entlassen. Kurzarbeit gibt es in den USA nicht. Das sind dort dramatische Auswirkungen, die natürlich indirekt auch Auswirkungen auf den internationalen Markt haben werden. Aber die Oper als solche, als Kunstform, wird mit Sicherheit weiterleben. Ich denke auch, wenn sich die Wirtschaft wieder erholt hat, wird auch in den USA das Unternehmertum wieder da stehen und sagen, wir bauen diese Dinge wieder auf."

Oper auf Netflix?

Die Möglichkeit, eine Opernpremiere auf Netflix zu verlegen, wie das bei dem Broadway Musical "Diana" geschehen soll, sieht er eher kritisch. So sei das Genre Musical mit dem Film schon früh verbandelt gewesen: "Die ganzen Filmmusicals oder Filmrevues, wo Musicals die Vorlagen für Filme waren oder umgekehrt, das gibt es ja au masse. Das ist eine Wechselbeziehung, die wir so in der Oper nicht haben." 

Akustik verfremdet

Auch sei jede Stimme und jedes Instrument bei einem Muscial am Broadway elektronisch verstärkt und teils verfremdet, so dass die Akustik eher auf einer Dolby Surround Anlage im Wohnzimmer funktionieren würde wie der Klang von Gesang in einem Haus wie der Semperoper, wo allein der Raum schon eine große Rolle für den Klang spielt. 

Eine ästhetische Frage

Und auch was die Ausstattung oder Requisite betrifft, müsse man aufstocken: "Am Ende ist das immer eine ästhetische Diskussion. Wir wissen von der MET, dass sie, seitdem sie dieses Aufzeichnungen macht, auch andere Masken macht. Wenn sie da eine Anna Netrebko als Aida haben und sie sehen jede Perle, da muss die Perle und die Fassung eine andere Qualität haben."

Erfolg bei Netflix - Fiasko im Real Life 

Trotzdem könnte eine Oper bei Netflix erfolgreich sein, aus einem ganz bestimmten Grund: "Netflix zählt die Zuschaueranzahlen in drei Kategorien. Die Erste ist ein Zuschauer, der drei Sekunden lang eine Serie schaut. Wenn bei uns nach drei Sekunden 50% der Zuschauer herausgehen würden, wäre das ein Fiasko, das Stück würde niemals gespielt. Bei Netflix sind auch schon die Drei-Sekunden-Zuschauer ein Megaerfolg."

(K.Jäger)


Wie die Deutsche Oper Berlin zu Opernpremieren auf Netflix steht.

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