Die Wahre Geschichte der Woche: Aus eins mach 50 - Ludwig van Beethoven

Ausgewählt und Kommentiert von Daniel Regener

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Stellen Sie sich vor, ein Plattenlabel würde Lady Gaga, Helene Fischer, Karlheinz Stockhausen und Justin Bieber ansimsen und sie bitten, für ein neues CD-Projekt jeweils eine Coverversion von „Hänschen-Klein“ beizusteuern. Verrückt und kaum vorstellbar, geschweige denn umsetzbar?
Ein ziemlich ähnliches Projekt hat der Verleger Anton Diabelli im Jahre 1819 angeleiert, also vor gut 200 Jahren. Er schickte ein kleines, von ihm selbst komponiertes Walzer-Linchen an die großen Komponisten und Virtuosen seiner Zeit: darunter Franz Schubert, Johann Nepomuk Hummel oder den blutjungen Franz Liszt. Sie alle sollten ihm je eine Variation zu dem Walzer schreiben. Auf der einen Seite ist das eine kluge Geschäftsidee, auf der anderen bietet es ein einzigartiges Abbild des musikalischen Who-is-Who der damaligen Zeit. Auch seinen eigenwilligsten Klienten schreibt Diabelli an: einen gewissen Ludwig van Beethoven.

Nicht 1, sondern 33!

Schlussendlich liefern 50 Komponisten, nur einer nicht: natürlich Beethoven! Der nennt den Walzer abfällig einen „Schusterfleck“. Ganz so uninspirierend mag dieser Tintenfleck dann aber doch nicht gewesen sein, denn als Diabelli eines Tages seine gut zugeschnürte Post öffnet, liegt vor ihm ein dicker Notenwust. Beethoven hat ihm – o Schreck – nicht nur eine Variation, sondern gleich 33 geschrieben. Diabelli wird sie separat als eigenen Variationen-Zyklus verlegen: unter dem vielleicht nicht originellsten Titel („Diabelli-Variationen“). Dafür hat er einen Diamanten in seinem verlegerischen Portfolio.

Ein Meisterwerk?

Für die Fachwelt sind Beethovens „Diabelli-Variationen“ ein unstrittiges Meisterwerk, ein repräsentatives Konvolut der Variationskunst. Ein Mount Olympus, den man kaum besteigen, ja vor allem nicht infrage stellen darf.

Für mich persönlich ist der Beethoven-Schinken allerdings bei Weitem uninteressanter als das Füllhorn der gesammelten Variationswerke der 50 Komponisten-Kollegen. Warum? Es mag zwar beeindrucken, wie Beethoven motivisch spinnen und hämmern (im pianistisch-wörtlichen Sinne) kann, es ist aber auf die Dauer auch ein recht vorhersehbarer Prozess, der sehr streng und gerade darin auch wenig belebend wirkt. Ein Konstrukt, das mehr künstlich als künstlerisch ist.

Eine Entdeckungsreise 

Viel spannender finde ich, sich auf Entdeckungsreise zu begeben und zu sehen, was die anderen Komponisten aus dem kleinen Walzer gemacht haben. Dies sind mannigfaltige kleine Charakterbilder, Miniaturen, gleichsam pianistische Passfotos. Ein buntes Bouquet an Stimmungen. Wild, melancholisch, verträumt, verspielt, auftrumpfend, verlockend. Jede Variation ist ein kleiner Seelenabdruck seines Urhebers.

Im Übrigen glaube ich auch, dass es viel leichter ist, 33 Variationen zu schreiben, als wirklich nur eine einzige, die alles abbilden soll, was man will, kann oder schlichtweg: ist.

Anders gesagt: Auf die Frage nach einem Lieblingsbuch werden Sie schnell eine Liste liefern können, aber das eine absolute Lieblingsbuch hochzuhalten, ist ziemlich schwer. Dafür lässt es uns umso tiefer in unser Gegenüber blicken und den Menschen kennenlernen.

Daniel Regener

Die Wahre Geschichte als Buch finden Sie in unserem Klassik Radio Shop. Die Wahre Geschichte zum Nachhören gibt es in unserer Mediathek oder im Programm von Montag bis Freitag um kurz nach 9 Uhr und kurz nach 17 Uhr und samstags um kurz nach 9 Uhr.


Florian Schmidt hat sich in der letzten Woche mit dem Spleen beschäftigt. So einen tragen wir alle in uns, wenn wir mal ehrlich sind. Aber das macht auch jeden einzelnen ganz besonders. 

   

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