Die wahre Geschichte der Woche: Der Bücherautomat

Ausgewählt und kommentiert von Klara Jäger

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Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Bücher ein Privileg der oberen Gesellschaftsschichten. Mit welcher Erfindung das geändert werden sollte, darum geht es in der Wahren Geschichte der Woche. Kommentiert von Klara Jäger

Vom Luxusgut zur Alltäglichkeit

Ist für mich immer ein ganz besonderer Moment: wenn ich mit zahlreichen Büchern aus der Bücherei komme, alle Schätze vor mir ausbreite, in jedes kurz 'reinlese und dann entscheide, welches zuerst gelesen wird….ich liebe Bücher einfach. Das war schon als Kind so – teilweise war ich so in mein Buch versunken, dass ich nichts mehr um mich herum mitbekommen habe, manchmal sehr zum Ärger meiner Eltern. Irgendwie kaum vorstellbar, dass im 19. Jahrhundert Bücher für die Normalbevölkerung fast unbezahlbar waren und viele noch nicht einmal lesen konnten…Deshalb gefällt mir diese wahre Geschichte so gut – erzählt sie doch, wie Bücher für alle Gesellschaftsschichten zugänglich wurden.

Wissen ist Macht

Hintergrund waren Bestrebungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Macht des Wissens mit allen zu teilen, auch der Arbeiterschaft, die bisher außen vor war. Es entstand die Idee einer Universalbibliothek: Klassiker der Weltliteratur sollten zu einem Preis angeboten werden, zu dem sie sich jeder leisten konnte.  Dazu war der Zeitpunkt recht günstig gewählt, denn kurz vorher erfolgte die Klassikerfreigabe: Das bedeutet, Werke verstorbener Autoren durften veröffentlicht werden, ohne Tantiemen oder Lizenzen an vorherige Verlage zahlen zu müssen. Außerdem gab es neue, verbesserte Drucktechniken, so dass Bücher in hohen Auflagen produziert werden konnten. Allerdings musste so auch der Absatz gesteigert werden, da sich die Produktion sonst nicht mehr rentiert hätte. Theoretisch stand dem Wissen für alle so nichts mehr im Weg. Praktisch war es hingegen nicht so einfach, die Arbeiter zum Lesen zu bringen. Nach den harten Arbeitstagen hatte kaum jemand noch Zeit und Muße zum Lesen, zudem war es oft als „Nichtstun“ oder bürgerliche Eskapade verschrien. Noch meine Oma hat erzählt, dass ihre Mutter der Meinung war, Lesen wäre Müßiggang und überflüssig…so lief sie oft mit ihrem Buch auf und ab, damit meine Urgroßmutter die Schritte hörte und dachte, sie würde putzen oder sonstigen Haushalt erledigen.

Nur keine Hemmungen!

Zu erwarten, dass die Menschen in eine Buchhandlung gingen und dort auch noch nach einem Buch in einer günstigen Ausführung fragten, war also anscheinend etwas viel verlangt. Ist ja auch heute oft noch so, dass niemand in einen leeren Laden geht, um nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit der Verkäufer zu bekommen. Diese Hürde musste abgebaut werden. Deshalb kam der Reclam-Verlag auf eine originelle Idee. Er stellte sogenannte Bücherautomaten auf…in etwa wie die Snackautomaten heute am Bahnsteig. Daraus konnte man sich jederzeit und ganz ohne Verkaufsgespräch ein Buch "ziehen". Bis 1917 wurden so 2000 Automaten aufgestellt. Ein Exemplar kostete gerade einmal 40 Pfennig. (Später konnte man den Preis übrigens nicht mehr höher einstellen, so dass die Exemplare aus dem Automaten immer windiger wurden.)

Was bis heute geblieben ist

Die Reclambüchlein kennen wir bis heute – oft werden die meist gelben Exemplare ja in der Schule genutzt. Die Bücherautomaten hingegen sind verschwunden…fast ein bisschen schade, finde ich…aber dafür gibt es ja immer öfter sogenannte „Bücherschränke“ in denen man sich Bücher herausholen oder selbst welche hineinstellen kann….auch eine sehr schöne Idee.

Die Wahre Geschichte Geschichte als Buch finden Sie in unserem Shop. Die Wahre Geschichte" zum nachhören gibt es in unserer Mediathek oder On Air von Montag - Freitag kurz nach 9 Uhr und kurz nach 17 Uhr.

Warum der Regenschirm eigentlich für die Sonne gedacht war, erfahren Sie in der Wahren Geschichte der Woche vom 04. Juni 2020, die Larissa Bothor ausgewählt und kommentiert hat. 
Wie ein gestreifter Klassiker entstanden ist, lesen Sie in der Wahren Geschichte der Woche vom 27. Mai 2020, ausgewählt und kommentiert von Alexandra Berger

(K. Jäger)


   

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