Die Wahre Geschichte der Woche: Orchestergraben

Ausgewählt und Kommentiert von Johannes Zapotocky

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Richard Wagner hat ein enormes Erbe hinterlassen, sein Wirken ist in den meisten Opernhäusern unbewusst und doch deutlich zu bestaunen. Selbst, wenn keines seiner Werke aufgeführt wird.
Soso, da versteckte Wagner einfach mir nichts, dir nichts das Orchester im Graben. Ein absolutes Novum zu seiner Zeit, das Wagners Perfektionismus und Detailverliebtheit geschuldet war. So wurde dem damaligen Publikum ein ganz neues Gefühl des Opernbesuchs geboten. Aus heutiger Sicht mag das nicht mehr allzu spannend klingeln, gehören doch Orchestergräben in den Spielstätten rund um den gesamten Globus zur normalen Ausstattung.

Von heute auf morgen

Doch versuchen Sie, sich in die damalige Zeit zu versetzen. Sie kommen vermutlich zu dem Schluss, dass diese Änderung für die Menschen ein regelrechter „Schock“ gewesen sein muss. Das gesamte Opernbild ist plötzlich ein anderes! Kein Orchester verdeckt mehr die Sicht zum Bühnenensemble, kein musikalischer Leiter lenkt mit seinem Dirigat vom Geschehen ab und selbst der Klang breitet sich aufgrund der geänderten Architektur anders aus. Besucherinnen und Besuchern mit Platz am Parkett mag vielleicht nicht mal aufgefallen sein, wohin das Orchester verschwunden ist, und sich die Frage gestellt haben, ob es überhaupt noch da sei, oder es sich tatsächlich um Magie handelte.

Das erste Kino?

Man tausche Bühne mit Leinwand und verschwundenes Orchester mit Tonspur. Der Vergleich Oper damals - Kino heute mag gar nicht so weit hergeholt sein. Menschen besuchen eine Spielstätte und folgen dem Geschehen am anderen Ende des Saals. War also die Verschiebung des Orchesters aus dem Sichtfeld ein logischer Schritt zur optimalen Bühnenunterhaltung? Aber diese Frage überlasse ich lieber den Historikern.

Für und Wider

Nun mag es, wie so oft, Vor- und Nachteile geben. Manch eine Person argumentiert vielleicht, das „versenkte“ Orchester würde zu wenig gewürdigt, sei es doch nur noch Mittel zum Zweck und verkomme endgültig zur Begleiterscheinung. Es gibt aber eine Reihe von Vorteilen, die nicht von der Hand zu weisen sind. So können beispielsweise Ensemblemitglieder, deren Stimmen nicht durchgehend gebraucht werden, zwischendurch den Graben verlassen, ohne allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen (hoffentlich kommen sie rechtzeitig wieder zurück). Auch habe ich oft das Gefühl, die Musikerinnen und Musiker fühlen sich ganz wohl in ihrem Graben, abseits vom Bühnentrubel.

Aus persönlicher Sicht

Bei meinem letzten Opernbesuch ergatterte ich einen mittigen Platz auf einem der oberen Ränge, und so habe ich mit meinem Opernglas (ein wunderbares Erbstück meiner lieben Frau Omama) vorrangig das Geschehen im Graben beobachtet. Im Gedächtnis blieb mir vor allem der Paukist. Der hatte zwar nicht allzu viel zu tun, jedoch konnte man sehen, wie zufrieden er dort unten war. In seinen Spielpausen beobachtete er die vor ihm sitzende Blechblasfraktion, teilte über Gesten seine Inbrunst mit dem Gong-Spieler, und dirigierte viele Stellen mit - seinen Einsatz verpasste er übrigens trotzdem nie. Das war eine Freude, diese Natürlichkeit zu beobachten! Eine grandiose Symbiose aus Professionalität und Menschlichkeit, die ich gerne wieder erleben würde.

In diesem Sinne: Auf dass die Spielstätten bald öffnen und wir solche Erlebnisse wieder genießen dürfen. Im Graben und auf der Bühne.

Ihr,
    Johannes Zapotocky

Übrigens: "Die Wahre Geschichte" zum Nachhören gibt es in unserer Mediathek oder On Air von Montag bis Freitag kurz nach 9 Uhr und kurz nach 17 Uhr. Auch als Buch kann man über die besten "Wahren Geschichten" staunen - ab sofort in unserem Shop!

   

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