Ein Outing für mehr Sichtbarkeit

Wir sind viele!

ein-outing-für-mehr-sichtbarkeit © Annemone Taake
Mit dem Manifest #Actout haben 185 SchauspielerInnen zusammen ein Schritt mit dem Ziel für mehr Sichtbarkeit und Veränderung an die Öffentlichkeit gewagt.
Sylvia Mayer ist eine der vielen SchauspielerInnen, die diesen Schritt mit gegangen ist. Mit uns hat Sie darüber gesprochen, was dieser Schritt #Actout für Sie bedeutet, warum er so wichtig ist und hoffentlich der Anfang für eine Veränderung ist. 

Larissa Bothor: Ich frage jetzt einfach mal direkt. Als was haben Sie sich geoutet?

Sylvia Mayer: Ich tue mich immer so schwer mit den Schubladen, weil es so ein stereotypes Klischee ist, wenn ich sage, ich bin lesbisch. Und weil dann sofort die Bilder im Kopf losgehen. Ich verliebe mich aber nicht in das Geschlecht von einem Menschen, sondern in die Seele von dem Menschen. Und die kann durchaus auch in einem männlichen Körper sein. Also ich bin da einfach nicht so, ich grenze mich nicht so ein. Aber weil die Außenwelt gerne Schubladen haben möchte, entscheide ich mich dafür mich sozusagen einzugrenzen und ordne mich der Schublade lesbisch ein.

L.B.: War das für Sie jetzt etwas, was die Leute schon wussten und war es schwer für Sie sich dazu zu äußern?

S.M.: Also, ich sehe nicht so aus, wie man sich das Klischee vorstellt, von dem her. Wenn ich es nicht laut äußere, dann weiß es keiner. Ich bin erst Schauspielerin, seit ich 30 bin und davor habe ich viele andere Sachen gemacht und da habe ich festgestellt, da gab es öfter mal Probleme, wie auf mich reagiert wurde. Meistens bin ich ruhig und sage nichts. Ich Antworte auf die aktive Frage „Hast du eine Partnerschaft?“. Dann sage ich offen, ich habe eine Partnerin, aktuell bin ich aber Single. Ich bin jetzt niemand, der laut mit Fahne durch die Straßen läuft und sagt „Ey, ich bin...“, weil es mir eigentlich egal ist. Es ist mir egal, was die Leute machen, so lange es zum Wohle aller ist. Und ich hoffe auch, dass es der Gesellschaft egal sein sollte, für wen ich gerade mein Herz geöffnet hab. Aber ich habe festgestellt, dass es da durchaus Angstreaktionen oder Vorurteile gab. Nicht nur in der Entertainment- und Medienwelt, sondern überhaupt tatsächlich.

L.B.: Mussten oder haben Sie denn Ihre Sexualität mal bewusst verheimlicht?

S.M.: Ich komme aus einer sehr kleinen Stadt im tiefsten Bayern. Es gab keine Vorbilder, keine Role Models und auch gar nicht die Möglichkeit, dass ich feststellen konnte „Warum fühle ich mich anders als die meisten Kinder oder Mädels?“. Das war überhaupt nicht in meinem Horizont, dass das möglich ist, dass man alle Menschen lieben kann. Das gab’s nicht. Ich hab das ausprobiert mich anzupassen. Mein Gott bis Mitte 20, keine Beziehungen mit Männern, aber Annäherungen durchaus. Ich habe das aber schon lange versteckt, dass ich mich anders fühle. Ja, ich hab’s verschwiegen, bestimmt bis Mitte 20.

L.B.: Gab‘s da dann einen Punkt, an dem Sie es für sich einordnen konnten?

S.M.: Ich glaube, dass ich sobald ich das die ersten Male in irgendeiner Form in Büchern, die ich damals gelesen habe, mich in Frauen wiederentdeckt habe, die da beschrieben wurden. Da dachte ich „Oh, ich bin gar nicht so falsch, das ist in Ordnung“. Und dann habe ich angefangen mit Menschen, denen ich vertraue, darüber zu sprechen und hab festgestellt, es ist dann doch gar nicht so schlimm. Und ich hab viele Ausbildungen gemacht und viel gearbeitet und in einer habe ich eine ganz Nette kennengelernt, eine Freundin und die hat gesagt: „Mensch, es gibt da so ne Szene, in Regensburg, geh doch Mal weg“. Und ich so „Was für ne Szene, ich will da nicht hin“. Die Freundin antwortet „Ja komm, ich geh mit." Und dann habe ich wirklich zum ersten Mal gemerkt, dass es diese Welt gibt und habe mich ab diesem Zeitpunkt dafür geöffnet. Aber dass ich jetzt sage, dass ich kein Problem damit habe, ist bestimmt erst seit zehn Jahren.

L.B.: Sind Sie im beruflichen Umfeld, bei der Schauspielerei von Anfang an offensiv damit umgegangen?

S.M.: Nein, offensiv nicht. Wenn man nicht darüber spricht, wird ja davon ausgegangen, dass man heterosexuell ist. Und da ich sehr weiblich aussehe, werde ich nicht gefragt. Manchmal, wenn man einen Regenbogen an hat oder eine Post, der in queere Richtung geht, liked oder so, dann wissen es die Leute oder ich hatte einfach eine Beziehung mit einer Frau, die in der Serie gespielt hat, noch in Bayern damals. Und ich weiß, dass die Setzer und Entscheider davon wussten. München ist ja jetzt auch nicht so groß. Mir hat das keiner ins Gesicht gesagt, aber ich habe schon festgestellt „Warum arbeite ich eigentlich nicht mehr?“. Ich habe keine offenen Anfeindungen, aber damals 2011/12, da war die Zeit einfach noch ein bisschen verschlossener als jetzt.

L.B.: Und bei Ihrer Partnerin, war das bei der dann auch so?

S.M.: Die definiert sich gar nicht in eine Schublade, ist eigentlich total offen und lässt sich auch nicht in eine Schublade stecken. Wir waren auch nur 3 Jahre zusammen. Bei der war es sehr extrem. Die hätte öffentlich nicht zugegeben, dass wir zusammen waren oder mich zu Events mitgenommen oder als Partnerin vorgestellt. Weil ihr auch von Produzenten gesagt wurde, die damals groß im Geschäft waren, „Sag das nie, du spielst immer irgendwie den Vamp und die Femme fatale. Du wirst nie wieder Rollen kriegen.“

L.B.: Das ist ja ein Wahnsinn. Wird das immer noch gemacht, diese Ratschläge gegeben?

S.M.: Ja, das ist immer noch so. Ich hab mich viel mit Kollegen unterhalten. Und ich weiß von einem Kollegen, mit denen ich eng zusammenarbeite, der Kollege ist homosexuell. Er wäre für eine homosexuelle Rolle genommen worden, und da hat die Agentin den Produzenten angerufen und gesagt „Oh, da wird er sich freuen, weil der ist das ja in echt auch.“ Und daraufhin wurde ihm die Rolle weggenommen. Solche Geschichten, das ist nicht logisch nachzuvollziehen. Aber solche Geschichten habe ich tatsächlich viel gehört.

L.B.: Unglaublich! Gibt es dafür irgendeine Erklärung? Irgendeine Rechtfertigung?  

S.M.: Das Problem in der deutschen TV und Fernsehlandschaft finde ich ist ja, dass die Verantwortung immer an die nächst höhere Hierarchie abgegeben wird. Die Schauspieler sagen „Wir können nichts ändern“, geben es weiter an die Regisseure, die sagen „Wie können nichts ändern“. Die geben es weiter an die Produzenten, die auch sagen „Wir können nichts ändern“. Dann landet es bei den Redakteuren. Jetzt malen wir die alle als schwarzen Schafe an, aber die geben es einfach weiter an die Quote. Unser Problem ist, dass wir unsere Medienlandschaft danach ausrichten, ob irgendwas eine Quote hat oder nicht. Ich verstehe es bis heute nicht. Ich sag jetzt mal ARD und ZDF, die ja von unseren Steuern bezahlt werden. Irgendwo sitzen da Menschen und entscheiden, schreiben uns vor, was wir sehen wollen und ob wir das verstehen. Das heißt, die Angst Spitzen zuzulassen ist so groß, dass die Spitzen nach oben und nach unten abgeschnitten werden. Es wird lieber ein Einheitsbrei gemacht, weil die Angst, dass irgendeine Reaktion von außen kommen könnte oder das die Quote nicht gut ist, so groß ist, dass man einfach keinen Mut hat. Was bildet sich da ein Redakteur ein, darüber zu entscheiden? Deswegen gucken wir ja alle Netflix oder Sky oder Amazon. Da muss dringend ein Shift (Anm. d. Red.: Verschiebung) in den Köpfen her.

L.B.: Es wurde vor einiger Zeit eine Diversity-Checkliste eingeführt. Hat sich denn da was verändert?

S.M.: Nein. Es gibt natürlich Produzenten, die selber queer sind und sich da mehr drum bemühen, aber die kämpfen auf verlorenen Posten. Ich bin auch in der Pro-Quote und ich glaube, das ist ähnlich. Eine Gleichberechtigung von Männern und Frauen wird es erst geben können, wenn es eine Quote geben wird. Insgesamt geht es ja auch nicht nur um queere Menschen, sondern zum Beispiel auch um Frauen ab 40. Die gibt es im Fernsehen einfach nicht. Die große Bandbreite an unterschiedlichen Menschen, die man auf der Straße sieht, wird nicht im Fernsehen repräsentiert.

L.B.: Wie wurden Sie für #Actout angesprochen?

S.M.: Ich hab vor zwei Jahren den Kai S. Pieck von der Queer Media Society auf dem Filmfest München kennengelernt. Das ist ein freies Netzwerk von Queer-Medienschaffenden. Und über das Netzwerk sind Godehard Giese und Karin Hanczewski auf mich zugekommen und haben mir erzählt, dass sie etwas planen. Wir haben uns dann zusammengesetzt und darüber gesprochen. 

L.B.: Ziel ist es, Bewusstsein zu schaffen, oder? Was erhofft Ihr euch von der Bewegung?

S.M.: Da gibt es verschiedene Punkte. Natürlich ist es so, dass wir eine VorreiterInnen Posten haben. Es gibt ja noch viele Kollegen und Kolleginnen und auch bekanntere, dass die den Mut finden und sagen „Ja ich auch“. Und das die Öffentlichkeit weiß, dass die Film- und Entertainment Landschaft keineswegs so frei ist, wie man denkt. Außerdem sollte Stoff gemacht werden, nicht weil der Redakteur auf die Quote guckt, sondern weil es da draußen ein großes Publikum gibt, das unterschiedliche Stoffe braucht, um sich selbst wieder zu finden. Und auf den Redakteur-Posten sollten Menschen sitzen, die sich so weit öffnen können, dass sie auch anderen Welten Raum geben können. Es ist aber nicht nur ein Problem bei uns, sondern weltweit.

L.B.: Dann geht es auch um Rollen, die angeblich nicht von einer lesbischen Frau oder einem homosexuellen Mann gespielt werden können. Wieso können die nicht auch den liebenden Ehemann oder die liebende Ehefrau spielen?

S.M.: Diese Frage stelle ich mir auch. Andersherum geht es ja. Das ist dann so ein Argument, das nicht funktioniert. Oder schließlich muss man auch kein Mörder sein, um einen Mörder zuspielen. Wie schlimm wäre das denn? Oder eine suizidale-depressive Figur. Es ist ja ein Beruf, indem ich mich in gewisser Weise für Energien öffne, die aber nicht mit mir zu tun haben.

L.B.: Was für Reaktionen haben Sie jetzt durch #Actout erlebt?

S.M.: Ich habe mir die Hasskommentare unter dem Artikel nicht durchgelesen. Das müssen scheinbar viele gewesen sein. Ich will es gar nicht wissen. Aus der Branche habe ich aber viel positives Feedback bekommen. 

L.B.: Wie kann man diese Bewegung als Zuschauer unterstützen?

S.M.: Die Unterstützung findet ja schon statt. Dadurch, dass viele Menschen zu den anderen Plattformen gehen und da die Inhalte konsumieren, in denen sie sich eher wieder finden. Am Ende ist es immer auch eine Frage des Geldes. Die Entscheider müssen sich deshalb irgendwann anpassen, weil das Publikum dahin läuft, wo es sich wiederfinden kann.

L.B.: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

S.M.: Die Rollenklischees und die Stereotype müssen wir ablegen. Regisseure und Regisseurinnen sollen den Mut haben und Fragen stellen. Die sollen die Menschen anschreiben „Du, ich hab die und die Rolle, aber keine Ahnung davon, wie ich die richtig in der Welt abbilden kann.“ Da würde ich sagen „Super, gehen wir einen Kaffee trinken und frag mich, was immer du auch fragen möchtest.“ Aber dafür braucht es den Mut von der anderen Seite und da müssen wir hinkommen. 

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(R. Jünemann)
   

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