Haben es Männer im Ballett schwerer?

Ein Gespräch über Gleichberichtigung und Vorurteile

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Während Eltern oft stolz auf ihre Töchter im Tutu sind, haben es Jungs nach wie vor schwerer, wenn sie sich für das Hobby Ballett entscheiden. Warum ist das so und was kann man dagegen tun?

Schwierige Wahl des Hobbies 

Mittlerweile eine echter Klassiker, der Film “Billy Elliot - I will dance”. Dort tauscht der Sohn eines Minenarbeiters in den 80er Jahren den Boxsack gegen Ballettschläppchen - zum großen Ärger seines Vaters, der befürchtet, sein Sohn könne durch das Tanzen homosexuell werden. Und auch wenn wir mittlerweile das Jahr 2021 schreiben: Jungen und Männer, die Ballett tanzen, werden oft immer noch kritisch beäugt.

Ballett statt Stepptanz

Kevin Witzenberger hat sich darüber hinweggesetzt. Für ihn gibt es nichts Schöneres als Ballett. Mit sechs Jahren hat er im Fernsehen den Stepptänzer Michael Flatley gesehen und sich sofort für Tanzen begeistert. Doch es gab keine Möglichkeit, Stepptanz zu lernen, deshalb riet man ihm, zunächst Ballett zu lernen, als Grundgerüst sozusagen. Nach zwei Wochen war der Stepptanz vergessen und Kevin kannte nur noch Ballett.

Mitten drin statt nur dabei

Kevin Witzenberger hatte dabei Glück, wie er sagt: seine Eltern unterstützten ihn und auch in der Schule wurde er wegen seines Hobbies nicht gehänselt. Das lag sicher daran, dass er von vorneherein versuchte, auch die Mitschüler*innen, die nichts mit Ballett am Hut hatten, mit ins Boot zu nehmen und in Referaten offen über seine Leidenschaft redete und informierte. "So habe ich meinen Mitschülern ein bisschen einen Einblick geben können, wie komplex Tanz ist und wieviel Arbeit dahinter steckt, so wie bei denen, die vielleicht Fußball gemacht haben. Und das kam gut an bzw. war eine Art von Staunen da, weil viele gar nicht wissen, was das bedeutet."

Wissen statt Klischee

Überhaupt sei oft Unwissenheit der Auslöser für viele Vorurteile. "Es ist wichtig, dass unserer kulturellen Sparte genauso viel Wichtigkeit und Vorrang eingeräumt wird, wie den großen Sportarten, wie z.B. Fußball. Dass die Kultur der Gesellschaft näher gebracht wird, so dass mit Vorurteilen und Klischees aufgeräumt werden kann." 

Unsicherheit trotz großem Talent 
Normalerweise tanzt Kevin Witzenberger beim Ballet Ireland, wegen der aktuellen Umstände gibt er gerade Online-Unterricht für jüngere Ballettschüler*innen. "Dabei bemerke ich, dass gerade junge Jungs sich nicht richtig trauen, auch wenn sie unglaubliches Talent hätten, weil es gesellschaftlich einfach so eine Distanz gibt, zu Männern, die Ballett tanzen. Was ich nicht gut finde, denn Männer werden unglaublich gebraucht, die Ära von Männern ist so groß im Kommen. Heute ist es mindestens 50:50 im Ballett bei Männern und Frauen, die sich für Ballettschulen und  -kompanien. 

"Da muss man etwas Macho sein"

Doch obwohl der Konkurrenzkampf bei den Männern (noch) weniger stark ist als bei den Frauen, beim Vortanzen kommt es genauso zu kleinen Reiberein, berichtet Kevin Witzenberger: "Da kann es ziemlich hart werden, denn jeder möchte ja die begehrte Position bekommen. Gerade beim Vortanzen muss man sich ein bisschen durchboxen, um in den vorderen Reihen zu stehen. Da muss man etwas Macho sein, doch es ist trotzdem wichtig, dass man ein gewisses Miteinander zeigt. "

Größe statt Gewicht

Neben dem Können entscheidet oft leider auch die körperliche Statue, ob man genommen wird oder nicht. Bei Männern spielt das Gewicht zwar keine so große Rolle wie bei den Ballerinas, doch dafür kommt es auf die Größe an: 1,80 Meter sollten es schon sein, alles darunter liegt im Ermessen der jeweiligen Entscheider am Theater. Oft entscheidet ein Millimeter, ob man zum Vortanzen eingeladen wird oder eben nicht.

In der aktuellen Situation leiden die Balletttänzer nicht nur unter dem mangelnden Einkommen - viele sind auf Kurzarbeit gesetzt, freie Tänzer ganz ohne Einnahmen. Schwierig ist es auch, den Körper in Form zu halten, gibt es in der Wohnung oft zu wenig Platz und nicht die richtige Ausrüstung. Deshalb hofft Kevin Witzenberger wie so viele aus dem Kulturbereich, dass die Wichtigkeit auch dieser Berufe bald anerkannt wird.

(K.Jäger)

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