Hat Beethoven das Metronom falsch abgelesen?

Spanische Studie: Beethoven wollte gar nicht so schnell!

hat-sich-beethoven-geirrt © c_osamu
Wollte Beethoven gar nicht so schnell? Eine junge Mathematikerin und ihr Kollege meinen: Beethoven hat sein Metronom vielleicht nur falsch abgelesen.

Metronom früher anders als heute

Dazu muss man erst einmal wissen: früher wurde ein sogenanntes Metronom, eine Art musikalischer Tempomat,  anders genutzt als heute, erklärt Christine Siegert, die Leiterin des Bonner Beethoven Archivs. Heute ging es vor allem darum, beim Etüden spielen ein bestimmtes Tempo zu erreichen und das TEmpo dann zu steigern. Früher hingegen diente das Metronom eher dazu, sich das Tempo zu vergegenwärtigen, bevor man mit dem Spielen begann. "Das Ziel war, eine Art Richtungsvorgabe für das Tempo".

Das "stumme" Metronom

Beethoven war einer der ersten Komponisten, die das Metronom benutzten. Dabei hatte er gleich mehrere verschiedene Exemplare, darunter ein sogenanntes "stummes Metronom", erklärt Christine Siegert: "Beethoven war ja, als das Metronom erfunden wurde, schon ziemlich schwerhörig. Das heißt, die Frage des Hörens war für ihn gar nicht so wichtig, als das  er die regelmäßigen Schläge gesehen hat und das konnte man auf dem stummen Metronom. Das ist ein langes Band, auf dem eine Skala aufgetragen ist und unten hängt ein Gewicht dran und dann kann man das sozusagen selbst pendeln, indem man das Band an einer bestimmten Stelle der Skala festhält."

Dabei musste man das Metronom oberhalb des Gewichts ablesen, die Forscher vermuten: Beethoven hat es unterhalb abgelesen und so wären seine Angaben 12 Takte schneller angegeben als geplant. 

Mit dem Erfinder befreundet

Allerdings hätte ihm das Ablesen geläufig sein sollen - war er doch mit dem Erfinder des Geräts, Johann Nepomuk Mälzel, gut befreundet und hatte sogar eine Kampagne für das Metronom unterstützt. Doch mit dem Laufe der Zeit stand er der Erfindung eher zwiegespalten gegenüber und wollte z.B. bei seiner Neunten anfangs gar keine Metronomangaben machen, erklärt Christine Siegert: "Der Verlag hat ihn mehrmals dazu ermahnt und Beethoven hat mehrfach beteuert, er schicke die Metronomangaben mit dem nächsten Brief oder am nächsten Tag, tat es aber nicht. Der Verlag hat irgendwann die Geduld verloren und trotzdem gedruckt, ohne die Metronomangaben. Offensichtlich war das dann aber der Punkt, an dem Beethoven fand, eigentlich fehle noch etwas, eigentlich sollten die Metronomangaben doch darinstehen und so schickte er die Metronangaben nach. Der Verlag nahm sie dann in spätere Nachauflagen auf. 

Wankelmut gegenüber dem Metronom

Für seine neunte Sinfonie hatte Beethoven dabei notiert: 108 oder 120 Mälzel. Die Autoren der spanischen Studie, eine junge Mathematikerin und Musikerin und ihr Kollege, sehen darin einen Beweis dafür, dass der Komponist unsicher war, ob er das Metronom ober- oder unterhalb des Gewichts ablesen sollte: denn das machte genau den Unterschied zwischen 12 Takten. Christine Siegert sieht das eher skeptisch: "Ich glaube, das zeigt eher, dass es da eine Varianzbreite gibt: ein bisschen langsamer oder ein bisschen schneller, je nach Umgebung zum Beispiel. Das Tempo hängt ganz wesentlich von den Räumlichkeiten ab, in denen sie das Stück spielen. Es könnte auch heißen: irgendetwas zwischen 108 und 120 Mälzel. Dieses "oder" ist meiner Meinung nach kein ausschließendes oder sondern eine einschließendes oder." 

Alles nur in seinem Kopf?

Für die teils halsbrecherischen Tempi hat die Leiterin des Bonner Beethoven Archivs noch eine andere Erklärung parat: "Es mag eine Rolle spielen, dass Beethoven zu diesem Zeitpunkt schon längst kein praktischer Musiker überhaupt mehr war. Er war zwar beteiligt und hat Tempi vorgegeben, aber letztlich haben die Musiker mit einem anderen Dirigenten, Konzertmeister etc. gespielt. Das heißt, es ist auch möglich, dass das einfach das Tempo war, in dem sich Beethoven seine eigene Musik vorgestellt hat, nur im Kopf. Und im Kopf kann man die Musik so schnell denken, wie man will. Also ich halte es auch für denkbar, dass das einfach 'gedachte Tempi' von Beethoven sind." 

Musikwelt steht Kopf?

Doch angenommen, die Ergebnisse der Studie würden tatsächlich stimmen und Beethoven hätte falsch abgelesen, hätte das Konsequenzen für die Musikwelt? "Wenn ich mir den heutigen Musikbetrieb betrachte, denke ich schon, dass es Auswirkungen hätte, weil ich glaube, dass es eine ganze Reihe von Musikern gäbe, die sich dann daran orientieren würden. Ich halte das aber für ein letztendlich eher untergeordnetes Kriterium." Denn das Tempo sei sowohl von der Umgebung, als auch von der Anzahl der Musiker, die das Stück spielten, abhängig. So kann man die Neunte mit einem kleinen Ensemble viel schneller spielen als mit einem großen Orchester. 

"Beethoven soll lebendig bleiben"

Vor allem aber findet Christine Siegert eines wichtig: "Ich halte es für ganz wichtig, dass es viele verschiedene Interpreten gibt, die sich mit Beethovens Musik  beschäftigen, so dass wir viele verschiedene Aspekte von Beethoven hören können, dass wir immer wieder neue Perspektiven auf seine Werke bekommen, weil das die einzige Möglichkeit ist, dass Beethoven lebendig bleibt. Und das scheint mir das Allerwichtigste zu sein. 


(K.Jäger)

Außerdem interessant:

   

Unser Service

Für die besten Hörer in Deutschland

Musik der Extraklasse

Finden Sie im Klassik Radio Shop

Newsletter

Wir halten Sie auf dem laufenden mit unserem Premium Newsletter

Social Media

folgen Sie uns

Die PLaylist

Was lief wann?

Wir verwenden Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und Ihnen das bestmögliche Erlebnis zu bieten. Indem Sie auf den „OK“ Button klicken, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Weitere Informationen zum Thema Cookies finden Sie unter Datenschutz & Sicherheit
Weitere Informationen Ok