"Muss die Kultur laut sein?"

Aktuelle Orchester-Stimmen zu Motivation, Relevanz und Zukunft

muss-die-kultur-laut-sein © Staatstheater Cottbus/Johannes Raab/Candy Welz
In der momentanen Lage stehen die deutschen Kulturbetriebe und Künstler erneut – oder vielmehr immer noch – vor einer enorm großen Herausforderung. Für die Branche heißt das aber natürlich trotzdem: Nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern weitermachen!
Wie die Kultur das im Angesicht der Krise schafft, hat Klassik Radio einige Vertreter der Branche gefragt. Ein kleiner Überblick:

Motivation zum Weitermachen

In den letzten Wochen und Monaten gab es leider nur wenig Positives aus der Welt der Kulturschaffenden zu berichten. Der Kampf um die Existenz ist hart, die Motivation in Anbetracht dessen, was auf dem Spiel steht, aber auch dementsprechend groß: „Natürlich geht es im Moment um sehr viel, nämlich darum die Kunst nicht zu beschädigen, nicht verschwinden zu lassen und sie nach wie vor als wichtigen Teil unserer Gesellschaft zu betrachten. Dafür müssen wir kämpfen!“, schildert Insa Pijanka, Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie, die als eine der Ersten Corona-Tests für das gesamte Orchester angewandt hat. „Es ist Motivation genug zu wissen, dass mein Leben ohne Kultur nicht funktionieren würde. Deswegen kämpfe ich dafür, dass das erhalten bleibt!“

Auch Stephan Märki, Intendant und Direktor des Staatstheater Cottbus steckt den Kopf nicht in den Sand, wenn es um die Stimmung in seinem Haus geht: „Motiviert bin ich grundsätzlich und jetzt erst recht, da klar ist, dass wir zumindest proben dürfen, denn das ist zwingend, damit wir im Dezember wieder spielen können. Die Künstler müssen ja eher selten zur Arbeit motiviert werden. Dass wir überhaupt arbeiten können, ist in dem Fall ausreichend.“


Stefan Märki (c) Staatstheater Cottbus

Reaktionen auf die Richtlinien

Um auch in der Krise weiterhin Kultur in den öffentlichen Raum zu bringen, entwickeln Kulturbetriebe in Deutschland schon seit Monaten Hygienekonzepte, begrenzen Zuschauerzahlen um die Abstandsregeln zu erfüllen und lassen sich neue Programme einfallen, die so auch während der Pandemie funktionieren.

„Wir haben gezeigt, dass es möglich ist“, berichtet Pijanka, „Die Theater und Konzerthäuser sind eben nicht zu Ansteckungshotspots geworden. Im Gegenteil, wir sind erwiesenermaßen keine Infektionsorte.“ Trotz dieser Bemühungen muss der Kulturbetrieb jetzt wieder komplett dicht machen. Verständlicherweise sorgt das für Frust: „Alle unsere vereinten Anstrengungen, die Arbeit von Monaten war offensichtlich umsonst, wie sich gerade zeigt.“

Hasko Weber, Generalintendant des deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle in Weimar, hält die Maßnahmen aber für gerechtfertigt: „Es ist ein großer Kompromiss, damit die Schulen und Kindergärten geöffnet bleiben können und die Arbeit weitergeht, und das gilt ja auch für die Theater. Natürlich haben wir vielleicht bestimmte Pläne umsonst gemacht, wir haben aber dieses Hygienekonzept nicht umsonst gemacht. Wir haben jetzt kein Publikum im Haus, aber wir arbeiten weiter, und das strengstens nach den Hygienevorschriften, die wir hier in unserem Theater anlegen.“


Hasko Weber (c) Candy Welz

Stilles Entsetzen

Trotz der brenzligen Lage wurden in der Öffentlichkeit erst nach und nach immer mehr Stimmen aus der Kultur laut. Wie kommt es dazu, dass eine so große Branche so verhältnismäßig leise ist? Pijanka meint dazu: „Wir sind natürlich eine sehr zersplitterte Branche. Zur Kulturbranche gehören ja nicht nur die eigentlichen Künstler, sondern auch Tonmeister, Lichttechniker, die ganze Veranstaltungsbranche, freie Grafiker und Fotografen. Das alles zu vereinen und da zu einer gemeinsamen Stimme zu finden, ist nicht ganz leicht. Natürlich könnte unser Bundesverband da auch etwas lauter sein.“

Auf der anderen Seite hinterfragt Märki: „Muss die Kultur laut sein? Beweist sie mit Lautstärke Relevanz? Ich glaube nicht, dass schreien hilft.“ Und auch Weber sieht die Aussage, die Kultur bekäme zu wenig Aufmerksamkeit, eher kritisch: „Nein, das kann ich nicht unterschreiben. Das ist eine wohlfeile Position, in die man sich wunderbar bequem mit einhängen kann und die immer völlig außer Acht lässt, dass die Kultur Bestandteil der ganzen Gesellschaft ist. Diese Spaltung der Interessen dadurch, dass jede Gruppe für sich spricht, halte ich für brandgefährlich.“

(System-)Relevanz der Kultur

In den Beschlüssen der Bundesregierung wird die Kultur mit einer Freizeitbeschäftigung gleich gestellt. Eine Entscheidung, die Pijanka nicht nachvollziehen kann: „Das wird dem Anspruch der Kulturnation Deutschland nun wirklich nicht gerecht und es entspricht auch nicht unseren Erfahrungen, wie wichtig es den Menschen ist, dass wir für sie spielen. Auch der Schock, den die Entscheidung des Bundes ausgelöst hat, zeigt, dass es für uns wichtig ist, in der Öffentlichkeit zu bleiben.“


Insa Pijanka (c) Johannes Raab

Märki hat einen etwas anderen Blickwinkel auf die Relevanzfrage der Kultur: „Wir sind nicht systemrelevant! Wären wir das, wären wir keine künstlerische Institutionen mehr, aber wir sind lebensrelevant, wie die Liebe auch. Man braucht sie nicht zum physischen Überleben, doch kaum jemand möchte wohl ohne Liebe leben. Niemand spricht uns unsere Bedeutung ab, doch essen und gesund bleiben kann man von Kunst eben nicht.“

Positive Gedanken

Auch angesichts der schwierigen Situation versucht man optimistisch zu bleiben. So erzählt Weber: „Ich lerne ungeheuer viel und auch wir untereinander, glaube ich. Wir sind ja nicht geschlossen, wie im Frühjahr, sodass man quasi gar keine künstlerische Arbeit ermöglichen konnte, sondern wir probieren weiter. Der Schutzraum Probebühne oder musikalischer Probesaal besteht für die Künstlerinnen und Künstler weiter hier an diesem Haus.“

Auch Pijanka sieht durchaus positive Entwicklungen: „Wenn man der Situation etwas Positives abgewinnen kann, dann sind es die Gespräche mit den Zuschauern. Sie trauen sich wieder ins Konzert zu gehen und auch das ist positiv zu sehen, dass wir es geschafft haben mit unseren Maßnahmen, hier für Vertrauen zu sorgen.“

Wünsche für die Zukunft

Weber: „Ich würde mir wünschen, dass es Solidarisierung gibt und dass alle, die betroffen sind, nach rechts und links gucken. Bis hier hin haben wir es mit einer sehr separierten Kultur der Interessensdurchsetzung zu tun gehabt und die kommt irgendwie an ihre Grenzen.“

„Ich wünsche mir, dass die Sorge füreinander so lange durchhält, bis wir wieder sorglos sein können“, bringt es Märki treffend auf den Punkt, „Ganz konkret hoffe ich natürlich sehr, dass die Zahlen durch diese Schließungen wirklich so sinken, dass wir es uns als Gesellschaft im Dezember leisten können, vielleicht etwas differenziertere Schließungen vorzunehmen, die beides möglich machen: Infektionsschutz und ein gewisses öffentliches Leben.“

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(N. Meier)
   

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