Nabucco in Hamburg

gefeierte Inszenierung aus russischem Hausarrest

nabucco-in-hamburg © Hamburgische Staatsoper
Kann eine Operninszenierung gelingen, bei der der Regisseur 2000 km weit vom Proben- und Aufführungsort unter strengem Hausarrest steht, mit Internet- und Telefonverbot? Sie kann, wie man am Sonntagabend in der Hamburger Staatsoper erleben konnte. Und dass sie unter diesen Umständen hochpolitisch und brandaktuell wird, diese Inszenierung von Verdis Bibel-Epos um Macht, Liebe und Religion, ist nur konsequent.

Die Produktion in Hamburg ist mit großer Spannung erwartet worden

Bereits vor der Verhaftung des Regisseurs in Moskau wurde die Arbeit mit Kirill Serebrennikow vereinbart, seine Zusage für die Inszenierung wollte er auch unter diesen extrem erschwerten Umständen eines Hausarrestes auf jeden Fall einhalten. Serebrennikow wird vorgeworfen, staatliche Fördergelder veruntreut zu haben. Er selbst bezeichnet die Vorwürfe als absurd; Seit dem 7. November 2018 wird vor Gericht gegen ihn verhandelt. Beobachter werten den Prozess als Zeichen an die kritische Kulturszene in Russland. Seit fast 2 Jahren steht Kirill Serebrennikow jetzt unter Hausarrest; Kontakt hat er nur zu seinem Vater, seinem Anwalt und zu den Ermittlern. Nur zwei Stunden am Tag darf er seine Wohnung verlassen, um spazieren zu gehen.

Intensive Proben über Serebrennikows Anwalt

Die Kommunikation während der intensiven Proben zu Nabucco lief über den Anwalt als Mittelsmann. Immer wenn eine Szene nach seinen sehr präzisen Angaben so geprobt wurde, dass sie im Umriss stand, filmte sie sein Co-Regisseur Evgeny Kulagin mit seinem Smartphone und schickt die Datei dem Anwalt, der sie dann an Serebrennikow weiterleitete. Er antwortete schnell, meist noch am selben Abend, ebenfalls per Video. Eine Dolmetscherin war bei den Proben in Hamburg immer dabei. Fragen, Vorschläge, auch Zweifel, wurden dann gesammelt, und wieder an Serebrennikow zurückgeschickt. „Wir versuchen diese Momente so oft wie möglich zu schaffen – damit der Draht, auch wenn es eben doch nur ein indirekter ist, nicht abreißt.“ So der an der Produktion beteiligte Dramaturg Sergio Morabito, in einem Interview mit der "Zeit" während der Proben zu Nabucco.

Arien im Sitzungssaal der UNO
Kirill Serebrennikovs verlegt die Handlung in den UN-Sicherheitsrat, zunächst in den Plenarsaal der UNO – die Arien werden vom Rednerpult aus gesungen und das funktioniert so gut, als hätte Verdi sie dafür komponiert. Machtmenschen agieren da auf der Bühne, die auf Kosten anderer, Mehrheiten hinter sich bringen: da haben wir auf der einen Seite, den stark an Donald Trump erinnernden Nabucco, der die assyrischen Nationalisten leitet und auf der anderen Seite die Befürworter der Integration, die Zaccaria um sich versammelt. Verdis Nabucco erzählt die biblische Geschichte der Zerstörung Jerusalems und des ersten Exodus des hebräischen Volkes, dessen Heimat zerstört wurde. Kirill Serebrennikovs lenkt den Blick des Publikums in seiner Inszenierung auf Menschen, die gezwungen sind Ihre Heimat zu verlassen, also zu fliehen und dabei an Grenzen stoßen, Grenzen der Nationalstaaten, des Nationalismus, der Menschlichkeit.

Projektchor mit Geflüchteten

Der berühmte Gefangenenchor, einer der vielen großen Verdi- Hits, DIE Hymne an die Freiheit, "Va pensiero" wird einmal vom Chor der Staatsoper gesungen, der dann in den Hintergrund tritt um in Hamburg lebenden Flüchtlingen den Platz in den vorderen Reihen zu überlassen, ein beeindruckendes Bild, das haften bleibt, eines von vielen an diesem überaus spannenden Opern- Abend, der auch musikalisch mit großartigen Solisten, einem exzellenten Chor und einem wunderbaren Philharmonische Staatsorchester mit Maestro Paolo Carignani überzeugt hat.


(c) Hamburgische Staatsoper
Ein aus diesen Flüchtlingen für die Inszenierung gegründeter Projekt-Chor singt den Gefangenenchor später noch einmal. In den Umbaupausen spielt und singt ein Oud-Spieler mal alleine, mal mit Begleitung traurige Lieder aus Syrien, begleitet von aktuellen Fotos von kriegszerstörten Städten und Menschen, von Flucht und Vertreibung. Das war einigen wenigen im vollbesetzten Saal der Hamburgischen Staatsoper wohl zu viel. Die fühlten sich dazu berufen, unter lautstarkem Protest, türenknallend die Premierenvorstellung zu verlassen.

Alle anderen im voll besetzten Saal der Hamburger Staatsoper bejubeln diesen gelungednen Premierenabend, der auf der Bühne beim grandiosen Schlussapplaus mit „Freedom for Kirill“- Transparenten und T- Shirts endet.  

Clemens Benke


  • Nabucco
    Dimitri Platanias
  • Ismaele
    Dovlet Nurgeldiyev
  • Zaccaria
    Alexander Vinogradov
  • Abigaille
    Oksana Dyka
  • Fenena
    Géraldine Chauvet
  • Oberpriester des Baal
    Alin Anca
  • Abdallo
    Sungho Kim
  • Anna
    Na'ama Shulman
  • Intermedien - Gesang
    Hana Alkourbah
  • Intermedien - Gesang und Oud
    Abed Harsony

    Chor der Hamburgischen Staatsoper
    Projektchor Nabucco
    Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

    Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme: Kirill Serebrennikov

Mitarbeit Regie: Evgeny Kulagin
Mitarbeit Bühne: Olga Pavluk
Mitarbeit Kostüme: Tatyana Dolmatovskaya
Video: Ilya Shagalov
Fotografie: Sergey Ponomarev
Licht: Bernd Gallasch
Dramaturgie: Sergio Morabito
Chor: Eberhard Friedrich

Premiere am 10.03.2019
   

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