Gekürzte Opern: Fluch oder Segen?

Änderungen und Auswirkungen auf die Werke

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Wie wird der Rotstift angesetzt? Und vor allem: was macht das mit dem Werk? Ein Gespräch mit Johann Casimir Eule, Chefdramaturg der Semperoper Dresden.

Optimismus bei der Semperoper

Die Semperoper Dresden ist mit besonders viel Schwung in die neue Woche gestartet - denn seit Montag sind dort wieder Solo-Proben möglich, auch das Ballett trainiert wieder und es wird eifrig an Werken für April und Mai gearbeitet, wenn hoffentlich wieder Vorstellungen stattfinden dürfen. Allerdings müssen die Ursprungsstücke oft eingekürzt werden – zum einen wird die Kompanie aufgrund der Abstandsregelungen ausgedünnt, zum anderen dürfen die Stücke nicht zu lange dauern, erklärt Johann Casimir Eule, der Chefdramaturg der Semperoper: "Wir rechnen damit, dass wir April und Mai ohne Pause spielen, damit der Publikumsverkehr in den Foyers vermieden werden kann. Deswegen reduzieren wir die Werke auf 120 Minuten, besser noch 90 Minuten Spiellänge." 

Was kann man von Monets "Seerosen" wegschneiden?

Doch wie und wo wird der Rotstift angesetzt? Das ist keine leichte Entscheidung: "Nehmen Sie ein großes Gemälde, das sie schon häufig gesehen haben und überlegen Sie sich: was könnten Sie davon wegschneiden? Was wäre die bildnerische Essenz, damit Sie sagen: das erkenne ich wieder, das ist z.B. "Seerosen" von Monet oder "Guernica" von Picasso. Oder geht das unter Umständen gar nicht und schon einen Ausschnitt zu wählen, wäre zu wenig. Das müssen wir stück- und werkweise entscheiden. " 

Jeder Eingriff ist ein Sakrileg

Denn egal welche Änderungen - die Auswirkungen auf das Werk sind aus dramaturgischer Sicht enorm: "WEnn man das puristische betrachtet, sind das natürlich dramatische Veränderungen. Wenn man von der romantischen Vorstellung eines in sich vollendeten Werkes ausgeht, an der keine Note, kein Federstrich mehr verändert werden kann. Dann ist jeder Eingriff ein Sakrileg, wenn man es ganz hoch hängen möchte", so Johann Casimir Eule. Allerdings seien alle am Theater auch Praktiker, die die vorliegenden Werke als Materialien für die eigene Lesart und Interpretation betrachteten. In diesem Spannungsfeld aus zwischen radikaler Dekonstruktion und maximaler Bewahrung des Werkgedankens bewegen wir uns." Die Frage sei, was die entscheidende musikalisch-dramaturgische-szenische Aussage des Werkes. Die müsse bewahrt werden. Sei das nicht möglich, würde das Stück nicht umgeändert. 

Zerstörung des Gesamtwerkes?

Zum Beispiel im Falle des "Wildschütz": Eine wunderbare Inszenierung: sehr skurril, sehr witzig, sehr unterhaltsam, konzeptionell in einer sehr engen räumlichen Situation angelegt von dem Regie-Team. Da haben wir intensiv diskutiert und gesagt: 'nein, den Wildschütz können wir in dieser Inszenierung nicht adaptieren. Da wäre das Gesamtwerk dann zerstört."

Ein Gerüst aus den Perlen des Stücks

Bei anderen Werken oder Inszenierungen funktioniert das Ganze aber sehr gut: "Beim Schwanensee haben wir festgestellt: Wir müssen ungefähr ein Bild herausnehmen. Das funktioniert dramaturgisch auch ganz gut. Man muss eine gewisse Vorerzählung leisten, damit das weitere Geschehen verständlich ist, Anpassungen im Notenmaterial und in der Instrumentierung vornehmen."  Beim "Liebestrank" von Donizetti war es ein wenig komplizierter: Welche Nummern wollen wir unbedingt hören? Da geht es wirklich darum, die musikalische Brillanz und Exzellenz nach vorne zu stellen und all die Nummern, die musikalisch zweit- oder drittklassig sind, erst einmal zur Seite zu stellen. Dann zu sehen, ob man mit dem Gerüst, den "Perlen" sozusagen, die übrig geblieben sind, die Geschichte sinnvoll erzählen kann. Zu überlegen: wo braucht man musikalische Übergänge, wo braucht man kleine Blöcke, damit Handlungselemente und dramaturgische, emotionale Verläufe funktionieren." 

Neue Fassung muss in Gehirn und Gefühl

Wie lange es dauert, bis ein Werk coronatauglich gekürzt und umgeschrieben ist, ließe sich schwer sagen, schließlich ginge man auch mal längere Zeit mit einem Gedanken schwanger, so Johann Casimir Eule, im Durchschnitt seien es etwa drei Tage reine Arbeitszeit, ohne die gedanklichen Prozesse. Besonders viel Zeit beanspruche dann noch einmal der eigentliche Probeprozess, um die neue Fassung auch in die "Gehirne und Gefühle" der ausführenden Künstler zu bringen. Denn das sei oft gar nicht so einfach: "Stellen sie sich vor, sie haben jahrelang den Freischütz gemacht, da haben wir ja viele im Chor, im Ensemble, die diese Inszenierung schon seit Jahren kennen, die wir dann adaptieren. Und das sind dann Übungsvorgänge für die Technik, für alle Beteiligten, die dann alte Routinen vergessen müssen, um neue einzustudieren. Da setzen wir dann wirklich mehrere Wochen Probezeit an, wenn es um den szenischen Prozess geht." 


Kurzform als kreative Chance

Natürlich hofft man auch an der Semperoper, dass bald wieder Zeiten anbrechen, in denen die ursprünglichen Fassungen in voller Länge und Besetzung gespielt werden können. Trotzdem sieht man die erzwungenen Änderungen auch als kreative Chance, sich dem Stoff eines Werkes einmal ganz anders zu nähern. Das ist bei einem großen, klassisch orientierten Haus, wie der Semperoper sonst nicht der Fall, da es aufgrund des starken Traditionsbewusstseins und auch der vorhandenen Ressourcen bisher nicht zur Debatte stand, ob ein Werk anders als mit der angegebenen Orchesterstärke und in der Gesamtlänge gezeigt wird. 

Andere Dimensionen 

Und auch, wenn die Kurzformate die Originalwerke nicht ersetzen und sich als alleinige Form sicherlich auch nicht eignen, so können sie Zielgruppen ansprechen, die von der Länge und der Intensität der ursprünglichen Oper zunächst abgeschreckt sind: "Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Vorstellungsformate, die jetzt nicht zwingend drei, dreieinhalb Stunden dauern, sondern vielleicht nach zwei Stunden garantiert zu Ende sind, vielen die Entscheidung leichter machen, nachmittags oder abends in die Oper zu gehen. Einfach weil dann nicht so viel vom Tag blockiert ist", meint Johann Casimir Eule. Es ginge einfach um den richtigen Einsatz der Mittel: "Ein Publikum, das den Ring liebt, das Wagner liebt, dem kann die Vorstellung gar nicht lang genug sein. Lieber noch zwei Tage zwischendurch Pause und ins Umland fahren und Essen gehen, das hat ja auch eine ganz andere Dimension, als bei jemanden, der z.B. neu in der Stadt ist und einen freien Abend hat, aber weiß, er muss am nächsten Tag um sieben Uhr aufstehen. Dann ist der froh, wenn er weiß, dass der "Liebestrank" nach zwei Stunden vorbei ist und er noch mit der Straßenbahn nach Hause kommt." 

(K.Jäger)

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