"Schule ist viel mehr als Wissensvermittlung"

Pianist Martin Stadtfeld über Homeschooling

schule-ist-viel-mehr-als-wissensvermittlung © Yvonne Zemke, Sony Classical
Die Weihnachtsferien sind vorbei - doch statt in der Schule findet der Unterricht wieder zu Hause statt. Auch bei Martin Stadtfeld: er hat einen Sohn im Grundschulalter. Wir haben bereits in der ersten Phase des Homeschoolings im Frühjahr mit ihm gesprochen - und nun noch einmal nachgefragt, wie es mittlerweile läuft. Denn der Spagat zwischen Homeschooling und Home Office ist oft gar nicht so leicht zu bewältigen.

"Ich kann den Frust vieler Eltern gut nachvollziehen" 

Das kennt auch Martin Stadtfeld: "Ich kann den Frust, den viele Eltern haben, sehr gut nachvollziehen. Den habe ich teilweise auch. Doch ich habe den Vorteil, tatsächlich zu Hause sein zu können und mich darum zu kümmern. Ich denke oft mit großem Bedauern an diejenigen, die vielleicht allein erziehend sind, vielleicht Home Office noch nebenher machen sollen und drei Kinder verschiedener Schulklassen herumspringen haben. Für mich ist es auch schon nicht einfach, muss ich sagen. Denn wir sind keine Lehrer und unsere Kinder zu Hause zu unterrichten ist auch nicht das, was unsere Aufgabe ist oder sein soll."

"Schule ist so viel mehr als Wissensvermittlung" 

Dabei sieht Martin Stadtfeld unter anderem das Problem, dass die Kinder bei ihren Eltern verschiedene Betreuungsbedingungen vorfinden: denn während die einen Eltern genug Zeit und Muße haben, auch über die reinen  (Hausauf-)Aufgaben hinaus, mit ihren Kindern weiterzuarbeiten und Wissen zu vermitteln, ist es anderen schlicht nicht möglich. So entsteht eine Diskrepanz zwischen den Lernfortschritten der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Genau diese solle Schule aber doch verhindern. Abgesehen davon sei Schule nicht nur reine Wissensvermittlung, sondern sehr viel mehr: "Schule ist ja Begegnung mit Gleichaltrigen, sie ist der erste Ort, wo Kinder lernen, was Gesellschaft ist, Schule schafft Menschen, die das Bewusstsein dafür haben, dass man in einer Gesellschaft Ausgleich finden muss, ohne dass sich der Einzelne in seiner Individualität unterdrückt fühlen muss. Und wenn das genommen ist, dann fehlt eben ganz viel." 

"Den Kontakt mit Gleichaltrigen können Eltern nicht ersetzen"

Vor allem den Kontakt mit Gleichaltrigen könnten Eltern nicht ersetzen: "Ich kann nur den Tipp geben: eine Begegnung sollte stattfinden. Man sollte Kindern nicht über Wochen die Begegnung zu Gleichaltrigen , und sei es nur ein Freund oder eine Freundin, verwehren. Das ist einfach nicht gut."

Tipp: das Lernpensum am Tag vorher festlegen 

Trotzdem ist der Pianist mittlerweile sehr firm, was das Homeschooling anbelangt - auch wenn sich seit März einiges getan hat: "Mein Sohn ist jetzt fast ein Jahr älter seitdem. Im ersten Lockdown haben wir das Ganze noch sehr kindlich gemacht und haben Stofftiere aufgestellt. Die mussten alle mitmachen - es waren sozusagen die Schulkameraden: der eine war ein bisschen besser, von dem konnte man sich etwas abschauen, der andere war ein bisschen schlechter, dem musste man ein bisschen helfen. Auf diese Art haben wir damals gearbeitet. Jetzt ist das einfach: 'wir haben ein ganz bestimmtes Pensum und das müssen wir abarbeiten'. Dabei sei es vor allem wichtig, dem Kind schon am Tag vorher mitzuteilen, wieviel und was man genau vor hat, z.B. drei Seiten lesen, ein Arbeitsblatt Mathe etc. "Das die Kinder nicht das Gefühl haben, es kann ja noch was und noch was und noch was kommen, sondern dass das Pensum irgendwann auch abgearbeitet ist." 

Nach 30 Minuten ist Schluss 

Der wichtigste Tipp sei jedoch: Nie zu vergessen, dass ein Grundschulkind sich nur 30 Minuten am Stück konzentrieren könne. Schließlich sei die Situation bei der persönlichen Betreuung zuhause ja auch viel intensiver als in der Gruppensituation in der Schule. Zudem sei es eigentlich ein gutes Zeichen, wenn ein Kind sich auf einmal nicht mehr konzentrieren könne: "Das deutet darauf hin, dass es gerade was gelernt und das Hirn richtig rotiert hat, weil dann ist auf einmal die vollkommene Leere da und dann weiter zu pushen bringt überhaupt nichts. Dann müssen die Kinder wieder spielen, abtauchen in ihre Welt und dann kann man irgendwann die nächste Einheit - in einem anderen Bereich - machen." 

Musizieren ist kein Ausgleich

Zum Beispiel Cello spielen - denn das steht neben Lesen und Mathe ebenfalls bei den Stadtfelds auf dem Stundenplan: "das macht meinem Sohn auch Spaß, aber da wird die Latte auch nicht zu hoch gehängt, sondern das ist dann eine Einheit, dass wir zusammen dann bis zu 30 Minuten üben."  Ein Ausgleich zum Lernen kann das Musizieren in diesem Alter noch nicht sein, erklärt Martin Stadtfeld: "Wenn ein Kind ein Instrument beginnt, zu lernen. Dann ist jede Lektion etwas Neues, immer kommt etwas dazu und das ist nichts, was einen Ausgleich schafft, sondern eine weitere Lehrlektion". So gilt wie bei allen Lerneinheiten: "Man muss grundsätzlich sehen, dass man dran bleibt, aber man das darf auch nicht in Überehrgeiz ausarten. Immer mit Augenmaß arbeiten, mit liebevollen Blick auf sein Kind, das ist wichtig."

Zeitinseln für Eltern

Und auch für die Eltern sei es wichtig, sich - wenn möglich - immer wieder Zeitinseln zu schaffen: "Das verstehen Kinder sehr gut, wenn man sagt: ich brauche z.B. bis 13 Uhr Zeit für mich und darf in dieser Zeit auch gar nicht gestört werden. Denn sonst ist man als Eltern in einer permanenten Habacht-Stellung, weil immer was sein kann und jemand reinkommen kann und sagt 'kannst Du mal grade gucken ect. Diese Inseln sollen dann aber auch nicht für eine Telko genutzt werden, sondern, um mal Luft zu holen."  Gerade bereitet Martin Stadtfeld das das Erscheinen einer neuen CD vor, Cover und Booklet werden gestaltet. Zudem bereitet er die folgenden Projekte vor, die er im Laufe des Jahres einspielen wird. Dafür hat er zum Glück noch genug Zeit neben seinem Lehrereinsatz: "In den Phasen, in denen mein Sohn spielt, kann ich mich auch mal ans Klavier zurückziehen, an den Computer setzen oder an meinen Stücken arbeiten. Die Tage sind natürlich voll, aber das ist auch in Ordnung." 

(K.Jäger)

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