Staatlich inszenierter Terror: die Novemberpogrome

staatlich-inszenierter-terror-die-novemberpogrome © Deutsches Historisches Museum
Ein Attentat liefert den Vorwand zu Exzessen der Gewalt: Heute vor 80 Jahren werden 30.000 Juden verhaftet, Geschäfte zerstört, Synagogen angezündet, Wohnungen geplündert.


Eine brutale Zäsur

Die Nacht zum 10. November 1938 gibt das Signal zum großen Völkermord in Europa: in einer zentral angeordneten Aktion ziehen Mitglieder der NSDAP, der SA und Hitlerjugend durch die Straßen und zeigen, dass Mord nun ganz staatsoffiziell geworden ist. Auch Polizei und Feuerwehr sind an den Pogromen beteiligt. Der Gewalt schließen sich auch nicht organisierte Menschen an.

In dieser Nacht werden Tausende von Juden misshandelt, verhaftet oder getötet. Die Gestapo spricht zwei Tage später von 91 Toten, heute gehen Forscher von einer Opferzahl zwischen 1000 und 1500 Menschen aus.

In den Folgetagen organisieren SS und Gestapo die Verschleppung von etwa 30.000 vorwiegend männlichen Juden in Konzentrationslager.
Die Schäden der Zerstörungswelle müssen die Juden selbst beseitigen und bezahlen. Die Zahlungen der Versicherungen beschlagnahmte der Staat.

Staatlich inszenierter Terror

Die nationalsozialistischen Machthaber bezeichneten die Nacht als spontanen Volkszorn, als eine Reaktion der deutschen Bevölkerung auf das Attentat auf Ernst vom Raths. Vom Rath war ein höherer Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris und zwei Tage zuvor, am 7. November 1938, vom jüdischen Jugendlichen Herschel Grynszpan erschossen worden.

Der Fall Grynszpan

Herschel Grynspzan, ein in Hannover geborener Jude mit polnischen Wurzeln, war vor zwei Jahren illegal nach Frankreich eingereist und lebte in Paris.
Seine Familie war von den deutschen Behörden in der so genannten „Polenaktion“ mit rund 17.000 weiteren Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit nach Polen ausgewiesen worden. An der Grenze zu Polen ließ man die Menschen unter katastrophalen Bedingungen in Lagerbaracken verharren, denn auch Polen weigerte sich zunächst, sie einreisen zu lassen.

Der 17-jährige Grynszpan hatte sich für das Schicksal seiner Familie rächen wollen. Eine Postkarte, die Herschels Schwester an ihn schickte, veranlasste den Jugendlichen dazu, sich eine Waffe zu besorgen und sich unter dem Vorwand, vom Rath ein wichtiges Dokument aushändigen zu müssen, Zugang zur Botschaft zu verschaffen.

Nachdem er mehrmals auf den Mitarbeiter der Botschaft schoss, ließ er sich von den französischen Behörden abführen.
Vom Rath starb zwei Tage nach dem Attentat auf ihn an den Verletzungen. Es gibt Forscher, die vermuten, dass sogar Hitler selbst den Befehl gab, vom Rath sterben zu lassen.
Nachdem Grynszpan 17 Monate in Untersuchungshaft sitzt und Prozesse mehrfach verschoben werden, gerät er letztlich in deutsche Hände und ins KZ Sachsenhausen.

Ob Herschel Grynszpan den Holocaust überlebt hat, ist nicht sicher. Forscher gingen lange davon aus, dass er ermordet wurde.
Im Jahr 2016 dann tauchte ein Foto im Archiv des Jüdischen Museums in Wien auf, das Grynszpan 1946 in Bamberg zeigen soll bei einer Demonstration von Juden gegen die britische Regierung, welche die Holocaust-Überlebenden nicht nach Palästina einreisen ließ.

Goebbels Hetzrede

Als die Nachricht vom Tode Ernst vom Raths Adolf Hitler erreicht, ist dieser gerade auf einem „Kameradschaftsabend“ im alten Münchener Rathaussaal mit den Spitzen der Partei.
Der 9. November hatte Bedeutung, denn am 9. November 1923 hatte Hitler in München einen Putschversuch unternommen, der zwar gescheitert war, aber nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zu einem heroischen Gedenktag stilisiert wurde.

Hitler berät sich mit Joseph Goebbels, dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, welcher anschließend in einer antisemitischen Hetzrede Vergeltung für das Attentat fordert.

Die anwesenden NSDAP und SA-Führer geben anschließend telefonisch und telegraphisch die Befehle zur Gewalt gegen Juden.
Die Parteimitglieder gehen teils in Zivilkleidung auf die Straßen, so dass die Gewaltexzesse als spontane Aktion des „Volkszorns“ wirken.




   

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