Streaming: Chance oder Bedrohung für das Kino?

Ein Gespräch mit dem Hauptverband Deutscher Filmtheater

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Kino ist schon etwas großartiges. Momentan hilft uns die kleine Schwester, das Streaming cineastisch über die Runden zu kommen und bekommt langsam Oberwasser. Ob und wie ist eine Co-Existenz möglich? Der Münchner Kinobetreiber und Filmproduzent Thomas Kuchenreuther hat für eine große Kontroverse in der deutschen Filmlandschaft gesorgt. In seinen Kinos zeigt er regelmäßig Filmproduktionen des internationalen Streaminganbieters Netflix und sieht dies als Chance für Kinos, um relevant zu bleiben, sollten Filme bald in Deutschland zeitgleich zum regulären Kinostart digital verfügbar sein.

Dies wird nächstes Jahr bei den Filmen der Filmgesellschaft Warner Brothers in den USA bereits der Fall sein und macht Kuchenreuther keine großen Sorgen. Christine Berg, der Vorstandsvorsitzenden des Hauptverbandes deutscher Filmtheater, allerdings schon. Sie hat uns im Gespräch mit Klassik Radio etwas über die Situation der Kinos in Deutschland und ihre persönliche Einschätzung zu dem Thema erzählt.

Exklusivität ist das A und O

Das Szenario eines simultanen Filmstart in den Kinos und Streamingdiensten bewertet sie eindeutig negativ: „Das ist wirtschaftlich nicht nur für die Kinos, sondern auch für die Verleiher mit Sicherheit nicht positiv. Man muss eines wissen: Wir reden hier über eine Exklusivität und das bedeutet immer, dass man eine Zeit lang alleine diesen Film spielt. Es mag sein, dass einzelne Filme im Kino dann auch noch richtig gut laufen, aber es verwässert etwas und darum geht es. Kino veredelt einen Film und davon profitieren alle. Wenn wir diese Chance nicht bekommen, dann wird die ganze Filmindustrie darunter leiden.“

Nicht die erste Herausforderung

Das Aufkommen von Streamingdiensten in den letzten Jahren sei nicht die erste Herausforderung gewesen, der sich das Kino stellen musste: „Wir Kinos nehmen ja erstmal die Herausforderung an. Kino hat bisher Fernsehen überlebt, hat DVDs überlebt und jetzt gibt es eben Streamingdienste. Wir hatten aber auch immer ein exklusives Zeitfenster von sechs Monaten. Da muss man jetzt sicherlich auf beiden Seiten bestimmte Kompromisse eingehen, aber eines werden wir ganz klar bis zum Schluss sagen: Wir brauchen eine Exklusivität!“

Ein Gentlemen’s Agreement

Die Rechtslage zu dem Thema sei in Deutschland anders als in den USA. Hier dürften bestimmte Filme gar nicht direkt digital erscheinen: „Im Filmförderungsgesetz steht ganz klar, dass jeder geförderte Film erst nach sechs Monaten woanders als im Kino ausgewertet werden darf. Das gilt in diesem Fall auch für Streamingdienste.“ Bei Produktionen, die nicht mit Fördermitteln unterstützt wurden, sei das allerdings anders: „Es gibt da wie so eine Art Gentlemen‘s Agreement: Die Kinos haben 120 Tage, in denen sie alleine die Filme auswerten dürfen. Jeder, der da unter diese 120 Tage geht, wird von uns dann auch hart beschossen, aber es gibt keine wirkliche schriftliche Form davon.“

Im umgekehrten Szenario, wie es Kuchenreuther befürwortet, gäbe es hingegen keine rechtlichen Probleme: „Man darf alles im Kino zeigen. Es laufen ja beispielsweise auch Opern, Konzerte und Fußballspiele im Kino. Das ist sozusagen den Kinobetreibern selbst überlassen. Die Frage ist nur, ob die Kinobetreiber das auch tun. Bei Netflix-Eigenproduktionen liegen die Rechte bei Netflix und die bieten ihre Filme den Kinos an. Die Kinos kaufen dann nicht die Rechte, sondern sagen entweder ‚Ich zeige deinen Film‘ oder eben nicht.“

Der Fall Warner Brothers

Die Filmgesellschaft Warner Brothers hatte vor kurzem angekündigt, ihre Filme in den USA nächstes Jahr zeitgleich zum regulären Kinostart auch über den Streamingdienst HBO Max digital zu veröffentlichen. Dazu Berg: „Wir hoffen wirklich, dass die das hier nicht versuchen! In Amerika sieht es ja so aus, als würden die Kinos auch nächstes Jahr tatsächlich gar nicht mehr aufmachen und die Gefahr sehe ich bei uns nicht. Warner Brothers muss natürlich auch ihre Filme auswerten, aber dieses Eis ist eben sehr dünn und deshalb stellen wir uns da auch so ganz klar dagegen. Das kann eben auch einen Dammbruch bedeuten und dann geht das Kino tatsächlich verloren. Das darf nicht sein und man sollte mit solchen Dingen auch nicht spielen!“

Von Streamingdiensten lernen

Um relevant zu bleiben, müsse das Kino auch etwas von den digitalen Anbietern lernen: „Die Streamingdienste haben vor allem im Serienbereich nochmal eine neue Qualität aufgemacht und auch an bestimmten Stellen wahnsinnig interessante Formate hervorgebracht. Jetzt sind alle anderen herausgefordert, dass wir es schaffen, den Kinofilm auch nochmal auf eine andere Ebene zu heben. Dann bin ich absolut davon überzeugt, dass die Menschen Lust dazu haben, ins Kino zu gehen.“

„Wir müssen uns platzieren“

„Die Frage ist jetzt, nimmt die Branche diese Herausforderung an? Es ist eine Herausforderung vom Inhalt her, vom Film her und vom Kino her und da müssen wir uns jetzt irgendwo platzieren. Es gibt ja auch Stimmen, die sagen, wir sollten zum Museum oder zur Netflix-Abspielstätte werden. Ich glaube eben, es gibt etwas dazwischen.“ Einfach alte Filme nochmal im Kino zu zeigen sei dabei keine Option: „Das würde ja eigentlich bedeuten, dass wir tatsächlich zum Museum werden. Wir sehen das nicht als die Zukunft. Dafür muss man sich die Zahlen anschauen und mit einer Vorstellung von ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ bekommt man keine 120 Millionen Zuschauer ins Kino. Wir reden hier ja auch von einer Wirtschaft.“

Auf das Kino angewiesen

Für Streamingdienste sei es auch notwendig, dass Filme ins Kino kommen, so Berg: „Man ist trotzdem natürlich immer auch darauf angewiesen, dass ein Film im Kino ausgewertet worden ist und etwas Besonderes hatte. Man zeigt ihn dann sechs Monate später in einem Streamingdienst und sagt: ‚Schaut mal her, ich habe hier den tollen Kinofilm!‘“ Das Kino sei auch nach wie vor eine wichtige Einnahmequelle für die Filmindustrie: „Also wer glaubt, dass die Einnahmen im Kino so marginal sind, dass man mal eben auch woanders diese Einnahmen generieren kann, der bezeugt damit schon seine Nichtkenntnis.“

(N. Meier/K.Jäger)

 

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