Wie geht es weiter mit der Kultur?

Klassik Radio fragt, die Politik antwortet!

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Die Kunst- und Kulturszene leidet. Halbvolle Zuschauerräume und halbleere Bühnen sind das aktuelle Bild in den meisten Theater- und Opernhäusern. Not macht erfinderisch, heißt es - in letzter Zeit oft zitiert, aber wie experimentierfreudig will man sein, wenn es um Menschenleben geht?
Es sind Zeiten, in denen sich Intendanten und Intendantinnen mehr mit Lüftungs-Systemen als mit der Planung der nächsten Saison beschäftigen. Es müssen Szenarien für einen normaleren Spielbetrieb gefunden werden, aber das stellt alle vor große Herausforderungen.

Der Weg zum normalen Spielbetrieb

Am ersten August durfte in Konstanz das erste Mal wieder in voller Besetzung gespielt werden. Die Südwestdeutsche Philharmonie stand im Bodenseestadion bei der Opern Gala in (fast) kompletter Besetzung auf der Bühne und zwischen den Sängern auf der Bühne musste der Abstand von eineinhalb Meter auch nicht eingehalten werden. Möglich gemacht wurde das durch das Testen aller Beteiligten. Der Intendantin Insa Pijanka ist klar, dass das nicht bei allen Konzerten möglich sein wird. Trotzdem werden Tests auch in Zukunft eine Rolle spielen, vor allem im Herbst, wenn dann nicht mehr Open-Air gespielt werden kann.

Corona-Tests für das Publikum?

Dabei auch das Publikum zu testen, sieht Pijanka kritisch, wie Sie uns sagte: „Das ist, denke ich, keine Entscheidung, die man einem Veranstalter auferlegen kann. Entweder, es fallen irgendwann politische Entscheidungen... aber das ist nichts, was ich meinem Publikum zu- und ansagen will.“

Es wird viel probiert

Andrea Zietzschmann, die Intendantin der Berliner Philharmoniker, hat im Gespräch mit uns betont, dass alle Möglichkeiten den Betrieb am Laufen zu halten, aufzutreten und das Publikum zu beglücken, ausgeschöpft werden: "Wir testen aktuell sehr viele verschiedene Parameter, die für unseren Spielbetrieb relevant sind“, berichtet Zietzschmann. Viel Eigeninitiative ist gefragt und das können sich viele, vor allem kleine, private Betriebe nicht leisten. Sowohl zeitlich als auch finanziell.

Was ist die Politik bereit zu tun?

Seitens der Politik wurde ein milliardenschweres Rettungs- und Zukunftsprogramm für den Kultur- und Medienbereich geplant, welches den Kulturschaffenden Unterstützung zusagt. Wie aber sieht es speziell im Bereich der Klassik aus? Wie werden Innovationen, wie beispielsweise der Desinfektionsnebel in Konzerthäusern unterstützt?

Viele Fragen haben sich aus unseren Gesprächen mit Insa Pijanka und der Intendantin der Berliner Philharmoniker, Andrea Zietzschmann ergeben und natürlich haben wir nach Antworten gesucht. Konkret wollten wir von dem Bundesministerien für Finanzen, dem Bundesministerium für Gesundheit, von Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und vom Bundesministerium des Innern wissen:
  • Was halten Sie von Corona-Tests bei Musikern und Orchestermitgliedern, damit diese wieder spielen können?
  • Inwiefern wäre ein Tournee-Betrieb von Orchestern möglich, wenn diese die gleichen Bedingungen hätten wie beispielsweise Fußballteams? (Kein bis wenig Kontakt nach außen und regelmäßige Tests)
  • Kann man sich hier eine Finanzierung vorstellen, die sinnvoller ist, als im Nachgang die Branche wieder aufbauen zu müssen?
  • Wäre es eine Option umfassende Tests zu finanzieren?
  • Wären Tests für Besucher eine Alternative, damit diese in größerer Anzahl in den Zuschauerraum kommen können?
  • Inwiefern werden Ideen, wie beispielsweise die komplette Desinfektion eines Konzertsaals, wie in Berlin und Augsburg getestet, unterstützt/subventioniert?

Die Reaktionen

Bisher erhielten wir auf unsere Anfragen gemischte Antworten. Das Bundesministerium für Finanzen sah die Antworten als „zu weit weg von ihrem Aufgabenbereich“ an und bei der Pressestelle der Beauftragten der Bundesregierung erhielten wir folgende Antwort: „(…) als Pressesprecher der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gebe ich selbst keine Interviews. Sie können aber gerne eine Interviewanfrage an Kulturstaatsministerin Monika Grütters richten, für die wir dann einen Termin suchen würden. Möglich wäre dies aber erst in einigen Wochen.“ 

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Update 06.08.2020, 17:10

Ein Sprecher von Kulturstaatsministerin Monika Grütters ließ uns folgendes Statement zukommen:

„Die von Ihnen angeführten Maßnahmen, die wir aus verschiedenen Empfehlungen und auch aus Berichten einzelner Einrichtungen kennen, können ohne Zweifel dazu beitragen, das Konzert- und Theaterleben wieder in Gang zu bringen. Ob sie wirtschaftlich und auch sozial vertretbar sind, kann nur in der Verantwortung der jeweiligen Orchester und Veranstalter unter Berücksichtigung der vor Ort bestehenden Bedingungen und in Abstimmung mit den Beschäftigten beurteilt werden. Und wenn sich – um auf Ihre letzte Frage einzugehen - eine komplett-Desinfektion als wirksam erweist, dann wäre auch eine solche Maßnahme durch die jeweiligen Träger oder geeignete Förderprogramme finanzierbar.“

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Update 07.08.2020, 12:26

Die Pressesprecherin des Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst ließ uns ein Statement von Kunstminister Bernd Sibler zukommen, das Sie unten im Artikel anhören können.

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Das Bundesministerium für Gesundheit und das Bundesministerium des Innern verwiesen uns an die einzelnen Länder. Exemplarisch schrieben wir hier die Ministerien in Bayern, Hamburg und Niedersachsen an und erhielten Antworten. Die Pressesprecherin des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur. Heinke Traeger, teilte uns schriftlich mit, dass sich die Staatstheater momentan in Sommerpause befänden, sie aber die Erfahrungen, die in Konstanz und Salzburg gemacht werden, beobachten und auswerten werden. Zu der Frage, ob bei den Musikern die selben Bedingungen, wie bei Fußballern hergestellt werden sollten, erhielten wir folgende, sehr spannende Antwort:

"Die von Ihnen oben genannten Bedingungen sind sehr schwer zu erfüllen. Klar wäre bei solchen Bedingungen, dass jedes Orchestermitglied selbst die Chance haben müsste, zu bestimmen, ob es unter diesen Umständen spielen möchte – und es dürfte ihm auch nicht zum persönlichen Nachteil gereichen, wenn es nicht bereit ist, zum Beispiel auf alle persönlichen Kontakte zu verzichten. Und jedem einzelnen muss bewusst sein, dass Corona-Tests im laufenden Betrieb nur eine sehr bedingte Aussagekraft haben. Jedes Orchestermitglied könnte ansteckend sein, ohne durch einen positiven Corona-Test aufgefallen zu sein. Beim Thema Quarantäne/Kontaktbeschränkung wäre es darüber hinaus sehr wichtig, dass der Kreis derer, denen Kontaktbeschränkungen auferlegt würden, sehr genau definiert ist. Gehören dazu auch Lichttechniker und Tontechniker, sind diese ebenfalls eventuell bereit, den Kontakt zu ihren Familien stark einzuschränken?" -  Heinke Traeger, Pressesprecherin des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur
 
Zu der Subventionierung von Tests sagte das Ministerium folgendes: "Solange die Testergebnisse nur bedingt zuverlässig sind, ist die Finanzierung der Tests nicht die Lösung der Ansteckungsgefahr." Auch werde eng mit der Forschung zusammengearbeitet: "Wir haben selbst eine Studie des Max-Planck-Instituts zum Thema Aerosol-Ausstoß beim Musizieren und Singen bei uns in der Staatsoper Hannover angestoßen, um eigene Erkenntnisse in dieser Diskussion zu erlangen. Leider liegen die Ergebnisse noch nicht vor."

Reaktionen aus Hamburg

Auch von Enno Isermann, dem Pressesprecher der Behörde für Kultur und Medien der Freie und Hansestadt Hamburg erhielten wir eine Antwort auf unsere Anfrage, allerdings war seine Antwort sehr allgemein gehalten. Er sagte uns dass die Maßnahmen sehr von den Gegebenheiten abhängen würden. Trotzdem sind sie im Gespräch mit den Einrichtungen und stehen im engen Austausch. Sie seien "bereit und festen Willens, das was notwendig ist, um Kultur wieder möglich zu machen, auch zu tun." 

Wie geht es weiter?

Es scheint, als ob die Politik momentan noch keine weitern Schritte beschließen kann. Opernhäuser und Theater müssen selbst entscheiden, was sie ihren Künstlern und ihrem Publikum bieten können und wollen, welche Möglichkeiten sie ausschöpfen und welche Innovationen Sie testen wollen. Wie immer ist das natürlich auch eine Frage des Geldes und mit ausbleibenden Einnahmen durch Tickets keine einfache. „Wir haben in dieser Krise jetzt gesehen, wie fragil das System ist, das uns die letzten Jahre begleitet hat; und wie wenig es braucht, dieses System wie ein Kartenhaus zusammenfallen zu lassen“, sagte uns die Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie, Insa Pijanka. Sie wünscht sich, dass hier eine Diskussion aufgenommen wird, über die Frage was uns Kunst bedeutet und wie wichtig sie uns für die Gesellschaft ist.

(L.Bothor)

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