"Zwischendurch hat mich die Angst gepackt"

Warum ein Outing immer noch viel Mut erfordert

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Warum Diversität vor und hinter der Kamera noch immer keine Selbstverständlichkeit ist und was wir dagegen tun können.

"Ich sollte nicht zu viele Karohemden tragen: das sei zu lesbisch."

Anfang des Monats haben sich 185 Schauspieler im Rahmen von #actout in der Süddeutschen Zeitung geoutet. Der Anstoß dazu kam von Karin Hanczewski und ihrem Kollegen, Schauspieler und Regisseur Godehard Giese. "Wir waren auf einem Filmfest und fingen an, Erfahrungen auszutauschen. Ich hatte schon mehrere Erlebnisse, wo mir geraten wurde, es sei doch besser, meine sexuelle Orientierung "im Privaten" zu halten (....) nicht zu viele Karohemden zu tragen, weil das zu lesbisch sei und bei dem Filmfest wurde mir geraten, meine damalige Freundin doch nicht auf den roten Teppich oder auf Fotos mitzunehmen. Das war so ein Moment, in dem ich merkte: Woah, es reicht jetzt." 

"Wir wollten nicht unser eigenes kleines Outing machen."

Die ständige Angst, "aufzufliegen", sich dadurch die Karriere zu verbauen und nicht wie andere Kolleg*innen zum Partner stehen zu könne, das alles sollte ein Ende haben. Dabei dachten die beiden Schauspieler weiter als nur an sich selbst: "Es war ganz schnell klar, dass wir nicht unsere eigenes, kleines Outing machen wollen, dass dann bouleversiert wird. Sondern wie können wir an die Strukturen ran. Wie können wir zeigen, wie divers wir sind und dann war sehr schnell klar, wir müssen das in einer sehr großen Gruppe machen, mit sehr vielen Menschen. Wir kennen natürlich viele Schauspieler*innen, die so wie wir, nicht heterosexuell sind. 

Unterschiedliche Reaktionen

Viele waren begeistert von der Idee und wollten sofort mitmachen, doch nicht alle. "Es haben sich natürlich auch Menschen nicht mit uns geoutet." Doch dabei müsse man eines bedenken: "Die Menschen sind ja unterschiedlich weit geoutet oder nicht-geoutet, z.B. schon innerhalb der Familie. Das ist natürlich ein großer Aspekt. Natürlich ist es einfacher, wenn ich schon in meiner Familie, meinem Freundeskreis und überhaupt, frei bin. Aber wenn dieser Schritt noch nicht gegangen ist, dann ist dieser Schritt, damit in die Öffentlichkeit zu gehen, zwei Schritte zu schnell. Jeder ist da irgendwie anders." 

Die Gruppe ist Schutz und Kraft

Heinrich Horwitz hatte sich bereits vor #actout geoutet - trotzdem war die Gruppenaktion ein ganz anderes Erlebnis: "Die Reaktionen vor eineinhalb Jahren waren auch ganz toll. Aber weil ich alleine war und nicht aufgefangen war in so einer Gruppe, gab es sehr viele Nachrichten von Menschen auch an mich persönlich und auf einer sehr persönlichen Ebene. Und ich will gar nicht sagen, dass das jetzt nicht auch mit einzelnen passiert, aber ich glaube schon, dass die Gruppe ein Schutz ist und eine Kraft."

Ein Outing kann lebensgefährlich sein

Denn obwohl es manchen so scheinen mag - ein Outing ist auch heute noch alles andere als ohne. "Es gibt natürlich auch Medien, die dagegenhalten, die sagen, dass sei nicht relevant, oder nicht lebensgefährlich. Das stimmt nicht. Denn es ist lebensgefährlich, auch in Deutschland. Es gibt eine Rate von 40% von Kindern und Jugendlichen, die von ihren Eltern beim Outing keinen Zuspruch bekommen und dadurch suizidgefährdet sind oder Suizid begehen. Diese Zahl könnte auf 4% gesenkt werden, wenn es eine größere Anerkennung von Eltern oder einer Bezugsperson geben würde", erklärt Heinrich Horwitz.

"Wird das unseren Karrieren schaden?"

Zudem gibt es weitere Folgen, die ein Coming Out oft nach sich zieht. Die waren auch Karin Hanczewski bewusst, als sie die Aktion '#Actout vorbereitete: "Also ich war mit Godehard da eineinhalb Jahre dran. Wir haben uns sehr viele Gedanken gemacht, wahnsinnig viele Gespräche geführt, nicht nur zu zweit, sondern mit unterschiedlichen Menschen. Da sind wir natürlich durch unterschiedliche Phasen gegangen. Auch mich hat zwischendurch die Angst gepackt und ich habe mich gefragt: 'Warum mache ich das? Warum lebe ich nicht einfach so weiter? Ich kann doch meinen Beruf weiterhin machen und mein Privatleben weiter verschweigen. Und ich hatte auch Phasen, wo ich die Angst bekommen hab: 'Wird das unseren Karrieren schaden'. Schließlich habe sie aber die bewusste Entscheidung getroffen: "Wenn das meiner Karriere schadet, dann ist das so. Dann werde ich damit umgehen. Aber die Angst muss man auch ernst nehmen. Denn selbstverständlich wissen wir nicht, was passiert und ich bin mir 100% sicher, dass es Menschen gibt, die mich aufgrund dessen nicht mehr besetzen werden. Doch es werden sich andere finden, die mich umso mehr besetzen." 

Überwältigendes Feedback

Und es hat sich gelohnt - denn das Feedback ist überwältigend: "Ich bekomme täglich weiterhin Zuspruch von Menschen aus der Gesellschaft, die sich bei uns bedanken, mir kleine persönliche Geschichten schreiben. Wie wichtig es ist, dass sie uns im Rücken haben. Das sie ab jetzt anders zur Arbeit, anders zur Schule gehen können, anders heraustreten können in diese Welt. Es macht mich unheimlich traurig, dass das in unserer Gesellschaft notwendig ist, aber es macht mich genauso stolz. 

Diverse Vorbilder

Denn durch die Aktion haben Jugendliche und Erwachsene, die nicht "der Norm entsprechen", Vorbilder gefunden und Angehörige und Freunde vielleicht positive Bilder zu Minderheiten, die sie bisher nur in stigmatisierten Klischees gesehen haben. Und auch in der Filmbranche hat sich etwas getan: Caster*innen, Regisseur*innen und weitere suchen das Gespräch und möchten etwas ändern und sogar die Filmakademie steht hinter der Gruppe. "Natürlich geht es jetzt darum, dass nicht dabei stehen zu lassen, dass das alle toll finden und sich die Hand schütteln, sondern das wir überlegen: wie erschaffen wir eine diversere Filmkultur." 

Wie ist die Anrede einer nicht-binären Person?

Denn obwohl es seit Ewigkeiten Farbfernsehen gibt, zeigt sich der Bildschirm nicht so bunt wie unsere Gesellschaft mittlerweile ist. Minderheiten jeglicher Art werden oft nicht, oder nur in klischeebeladenen Rollen dargestellt. "Wenn irgendetwas vorkommen darf, dann ist es das Homosexuelle. Also ich habe noch nie den Fernseher angemacht und im deutschen Fernsehen oder Film eine nicht-binäre Person gesehen und auch Trans-Personen sind sehr selten. Und wenn, dass ist die Genderthematik das Thema. Das finde ich höchsttragisch", erzählt Karin Hanczewski. Doch nicht nur im Film, auch im wirklichen Leben müssten Minderheiten sichtbarer werden, meint Heinrich Horwitz. Sie ist nicht-binär, ordnet sich also weder dem Geschlecht Mann noch Frau zu. Doch in vielen Onlinemasken und Formularen ist die Zuordnung zu Mann oder Frau ein Pflichtfeld. Das könne man einfach umgehen, wenn man eine dritte Möglichkeit anböte und wenn es nur ein "keine Angabe" sei, erklärt Heinrich Horwitz. Und wie spricht man eine Nicht-binäre Person angemessen an? "In meinem Fall ist es so, dass meine Pronomen 'sie oder they oder eben kein Pronomen sind. Bei einer Email würde ich "Hallo" oder "Guten Tag" oder eine andere diverse Ansprache, die eben nicht Liebe/r oder Dame/Herr ist, wählen, im Zweifelsfall immer besser auf das Pronomen verzichten. In meinem Fall darf aber gerne "sie" benutzt werden." Statt Herr oder Frau gibt es natürlich auch die Möglichkeit einfach den Vor- und Nachnamen zu verwenden.


(Klara Jäger)

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