Jannis Niewöhner als liebender Vater
© Flare Film_Falko Lachmund.
Jannis Niewöhner als liebender Vater
Schmidts Streamingtipps KW 22

Spielfilmdebüt "Kids Run" - Bedingungslos lieben

Ein Blick auf zwei deutsche Spielfilmdebüts, den erfolgreichsten argentinischen Film aller Zeiten und auf den Jubiläums-Polizeiruf sowie auf einen anderen Geniestreich der Macher dahinter.

„Kids Run“ wurde schon auf der letztjährigen Berlinale ordentlich bejubelt und gefeiert. Zu Recht. Regisseurin Barbara Ott beschäftigt sich darin mit folgenden Fragen: Wer hat ein Recht auf seine Kinder? Wer hat das Recht auf seine Eltern? Und welche Verantwortung tragen wir, aufgrund der bedingungslosen Liebe unserer Kinder? 

KIDS RUN - Trailer HD
KIDS RUN - Trailer HD
KIDS RUN - Trailer HD

Jannis Niewöhner spielt in „Kids Run“ einen überforderten Vater dreier Kinder, einen ständig zur Gewalttätigkeit neigenden, aufbrausenden Boxer, der hinter seiner harten Schale einen sensiblen Kern versteckt. Eigentlich will er bloß seine Ex-Freundin zurück, vor allem aber will er seine Kinder nicht verlieren, gerät aber immer mehr in einen Teufelskreis der Probleme. Aus bedingungsloser Liebe zu seinen Kindern schreckt er bald vor nichts mehr zurück…

Wie Niewöhner das spielt, ist tatsächlich fantastisch und überaus beeindruckend. „Kids Run“ vereint verschiedene Elemente in sich: spannendes und erschütterndes Sozialdrama, aber auch streckenweise regelrecht poetisch erzähle Liebesgeschichte - die Liebe eines Vaters zu seinen Kindern. Der Film ist ab sofort exklusiv im Online-Kino zu sehen und zwar bei der Streamingplattform alleskino.

Spielfilmdebüt ohne Schnitt

Bleiben wir bei den Spielfilmdebüts und kommen zu den verschiedenen Filmen, die von Anfang bis Ende ohne Schnitt, in einem Take gedreht wurden. Sebastian Schipper hat das in seinem Film „Victoria“ (zu sehen u.a. bei Netflix oder Amazon Prime Video) eindrucksvoll hinbekommen, eine wirklich großartige und intensive Seherfahrung!

In den Filmen „Birdman“ oder „1917“ bekommt man zumindest als Zuschauer den Eindruck des One-Take-Effekts, obwohl beide diesbezüglich ein bisschen geschummelt haben. Nun gibt es einen weiteren deutschen Film zu sehen, der tatsächlich – ohne Trickserei – in einer Einstellung gedreht wurde. „Limbo“ heißt das Spielfilmdebüt von Regisseur Tim Dünschede.

LIMBO Trailer German Deutsch (2020) Exklusiv
LIMBO Trailer German Deutsch (2020) Exklusiv
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Im Mittelpunkt dieser rasanten 81 Minuten stehen Ana und ihr Bruder Carsten. Sie arbeitet für eine Bank, bei der ein Betrug läuft; er ist als verdeckter Ermittler unterwegs. Und beide müssen sich für Gut oder Böse entscheiden. Zwar ist die Idee eines Films ohne Schnitt, wie eben beschrieben, nicht wirklich neu und in einigen Passagen wird es auch etwas langatmig. Atmosphärisch aber ist „Limbo“ auf jeden Fall gelungen und schauspielerisch anspruchsvoll umgesetzt, vor allem von Elisa Schlott in der Hauptrolle. Zu sehen ist „Limbo“ ein Vierteljahr lang in der ARD Mediathek.

Genialer Jubiläums-Polizeiruf

Seit einigen Tagen lesen wir jede Menge Gratulationen zum 50-jährigen Bestehen. Der “Polizeiruf 110”, der in der DDR einst als Pendant zum "Tatort" gegründete Krimi-Dauerbrenner, feiert Jubiläum. Am vergangenen Sonntag wurde die Jubiläumsfolge ausgestrahlt und das war, meiner Meinung nach, eine erfrischend anders erzählte Episode, hat mir richtig gut gefallen!

Peter Kurth und Peter Schneider spielen die neuen Ermittler aus Halle an der Saale, Schriftsteller Clemens Meyer hat das Drehbuch geschrieben, Regisseur Thomas Stuber hat inszeniert und es gab angenehmerweise keine mittelmäßig sportlich durch Treppenhäuser hetzenden Kommissare wie sonst so oft; es ging vielmehr um die Ermittlungsarbeit der Polizei, in all ihrer mühsamen Kleinteiligkeit.

Ein Mann wird ermordet, drei Monate später soll eine Funkzellenauswertung endlich Licht ins Dunkle bringen. Der eigentliche Fall rückt dabei aber immer wieder in den Hintergrund. Stattdessen geht es um die Menschen, gibt es Sozialporträts, die mal witzig und grotesk, manchmal auch anrührend sind. Wer die Jubiläumsfolge des Polizeirufs gestern verpasst hat, holt den Fall bitte nach, der natürlich in der ARD Mediathek zu sehen ist.

„Herbert“ – Geniestreich von den Polizeiruf-Machern

Wer mehr vom Trio Peter Kurth, Clemens Meyer und Thomas Stuber sehen möchte, dem empfehle ich das Boxerdrama „Herbert“ – ein höchst eindrucksvoller und bewegender Film, der auch Lolas gewann. Einer dieser Deutschen Filmpreise ging 2016 an Peter Kurth, der sich mit seiner Rolle als Boxer u.a. gegen Burkart Klaußner durchsetzte, der in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ebenfalls grandios war. Aber Peter Kurth zeigt als und in HERBERT eine schauspielerische Leistung, die nur wenige seiner Kollegen so hinbekommen hätten.

HERBERT | Trailer deutsch german [HD]
HERBERT | Trailer deutsch german [HD]
HERBERT | Trailer deutsch german [HD]

Seine großen Zeiten als Boxer hat Herbert hinter sich. Aber der einstige "Stolz von Leipzig" kann sich immer noch auf seine Fäuste verlassen. Mittlerweile trainiert Herbert den Nachwuchs und seinen Lebensunterhalt verdient er als Geldeintreiber. Doch dann bemerkt Herbert ein Zittern in den Händen. Er bekommt die erschütternde Diagnose ALS. Seine inzwischen erwachsene Tochter hat er nicht gesehen, seit sie sechs ist, seinen Enkel kennt er nicht. Und viel Zeit bleibt ihm nicht, um sein verkorkstes Leben in Ordnung zu bringen.

Das Drehbuch zu HERBERT schrieb Regisseur Thomas Stuber zusammen mit dem Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer. Und der kennt sich aus mit den Außenseitern der Gesellschaft, mit der ostdeutschen proletarischen Tristesse, die er auch in seinen Büchern beschreibt. Der Film zeigt traurig-schöne Bilder von Boxclubs, Spielotheken, verwahrlosten Plattenbausilos und blümchentapezierten Schlafzimmern. Und einen zuerst kraftvollen und dann einsamen und zerbrechlichen Peter Kurth, der großartig und nachvollziehbar mit verschwommener Stimme den langsamen Verfall dieses tätowierten, einst vor Kraft strotzenden Boxers spielt. Das sieht man nur selten im deutschen Kino, das ist ganz große Schauspielkunst.

Erfolgsfilm aus Argentinien – SCHNELL GUCKEN!

Von Leipzig nach Argentinien. Berühmt für seine Rotweine, seine Steaks, seine atemberaubenden Landschaften und für Tango. Und dank dieses Films nun auch als große Kino-Nation!? „Wild Tales – Jeder dreht mal durch“  ist auf jeden Fall ganz großartig, der erfolgreichste Film der argentinischen Kinogeschichte. 2014 bekam er eine Oscar-Nominierung als bester ausländischer Film und lief auch im Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes.

Ein Flugbegleiter, eine Kellnerin, ein Geschäftsmann, ein Sprengmeister, ein Witwer, eine Braut: sechs Geschichten über ganz normale Menschen, deren lange angestaute Wut plötzlich überkocht.

WILD TALES - JEDER DREHT MAL DURCH! | Trailer [HD]
WILD TALES - JEDER DREHT MAL DURCH! | Trailer [HD]
WILD TALES - JEDER DREHT MAL DURCH! | Trailer [HD]

"Wild Tales" wurde von Regisseur und Drehbuchautor Damián Szifron in Szene gesetzt und unter anderen vom spanischen Kultregisseur Pedro Almodóvar und seinem Bruder Augustín produziert. Und tatsächlich erinnert der Film immer wieder an die extremere Version eine Almodovar-Films. Denn die Figuren leben hier nicht am Rande des Nervenzusammenbruchs. Sie sind mittendrin. „Wild Tales“ ist wahnwitzig inszenierter Irrsinn, denn die Figuren leben das aus, was man sich selbst normalerweise nur in seinen finstersten Rache-Fantasien vorstellt... Ein großer und böser Spaß! Nur noch heute (05.06.) in der ZDF Mediathek zu sehen.