Ein Forscherteam hat fast 20.000 Musikstücke vom Barock bis zu Spotify-Hits durch einen mathematischen Filter geschickt. Das Ergebnis: Unsere Charts werden immer ähnlicher – ausgerechnet die „alte“ Klassik entpuppt sich als das abwechslungsreiche, überraschende Abenteuer. Wer Klassik hört, gönnt sich mehr Spannung als mit vielen aktuellen Hits.

Stellen wir uns ein Musikstück wie eine Landkarte vor. Jede Note ist ein Ort, jede Bewegung von einer Note zur nächsten ein Weg. Manche Stücke nutzen nur wenige breite Straßen, andere verlieren sich in verwinkelten Gassen. Genau so hat ein internationales Team um Niccolò Di Marco Musik untersucht – mit einem Ergebnis, das uns Klassikfans freuen dürfte.
Die Forscher analysierten rund 20.000 Werke aus knapp vier Jahrhunderten: Klassik, Jazz, Rock, Pop, Hip Hop, Elektro. Jedes Stück wurde als Netzwerk beschrieben – als Geflecht aus Noten und ihren Übergängen. Dann prüfte das Team, wie vielseitig diese Wege genutzt werden: Wird ständig dieselbe Verbindung genommen? Oder erkundet das Stück mutig neue Routen?
Die Antwort ist klar: Klassik und Jazz nutzen ihre Möglichkeiten deutlich vielfältiger als die meisten Stücke aus Pop, Rock, Hip Hop und elektronischer Musik.

Viele aktuelle Songs leben von Wiederholung: derselbe Refrain, dieselbe vertraute Wendung, dieselbe Struktur. Genau das bestätigt die Studie in Zahlen. In Pop, Rock, Hip Hop und Elektro pendelt die Musik besonders häufig zwischen denselben Noten hin und her. Das macht Stücke schnell eingängig – aber auch berechenbar.
Klassische Musik funktioniert anders. Sie kehrt seltener sofort an denselben Punkt zurück, sondern schlägt neue Richtungen ein. Übergänge werden großzügiger verteilt, das musikalische „Territorium“ wird intensiver erkundet. Die Forscher sprechen von höherer „Komplexität“ – im Alltag bedeutet das: mehr Überraschungen, weniger Autopilot.
Auch die Vielfalt der verwendeten Noten ist in Klassik und Jazz größer. Während viele moderne Songs in einem relativ engen Bereich bleiben, greifen Komponisten etwa einer Sinfonie oder eines Streichquartetts weiter aus – melodisch, harmonisch, emotional.
Besonders spannend ist der Blick in die Zeitachse. Für etwa drei Viertel der untersuchten Stücke konnte das Entstehungsjahr abgeschätzt werden. Vor 1950 – also im Kernzeitalter der Klassik und des frühen Jazz – ist die Musik im Durchschnitt deutlich komplexer. Danach übernehmen populäre Genres die Bühne. Die Struktur der Stücke wird einfacher, gleichförmiger, die Unterschiede zwischen den Genres schrumpfen.
Interessant: Auch Klassik und Jazz selbst verändern sich. Neuere Werke dieser Gattungen ähneln in manchen Eigenschaften zunehmend der Popwelt – die innere Vielfalt nimmt leicht ab. Die Forscher vermuten als mögliche Gründe die leichte Produktionstechnik, Streaming-Plattformen und Algorithmen, die Wiedererkennbarkeit belohnen. Was sich in Sekunden erfassen lässt, setzt sich leichter durch – Kompositionen mit langem Atem haben es schwerer.
Die Studie betrachtet bewusst nur einen Ausschnitt von Musik – vor allem das, was sich als Abfolge von Noten beschreiben lässt. Aspekte wie Produktion, Text oder außereuropäische Systeme bleiben außen vor. Trotzdem ist die Tendenz eindeutig: Über viele Jahrhunderte hinweg ist klassische Musik strukturell abwechslungsreicher und weniger vorhersehbar als der Durchschnitt moderner Mainstreammusik.
Für Klassikfans ist das eine Bestätigung jenseits jedes Bauchgefühls. Eine Sinfonie, ein Konzert, ein Streichquartett sind keine Hintergrundbeschallung. Sie sind eher wie ein Roman statt eines Clips: mit Nebenfiguren, Wendepunkten, Rückblicken, Vorausdeutungen. Die neue Studie zeigt, dass diese innere Vielfalt messbar ist – und im Vergleich zu vielen heutigen Hits geradezu luxuriös wirkt.
In einer Welt, in der Algorithmen uns immer mehr von dem vorsetzen, was wir schon kennen, bleibt die Klassik der Ort für echte Entdeckungsreisen. Wer sich darauf einlässt, hört nicht „Gestern“, sondern gönnt sich ein Mehr an Komplexität, Spannung und Tiefe – wissenschaftlich bestätigt.
Quelle: Niccolò Di Marco, Edoardo Loru, Alessandro Galeazzi, Matteo Cinelli & Walter Quattrociocchi: „Decoding the evolution of melodic and harmonic structure of Western music through the lens of network science“, Scientific Reports (2026).


