Bach gehört heute zu den größten Komponisten der Geschichte – doch das war nicht immer so. Seine Musik geriet in Vergessenheit, bis ein einziger Abend in Berlin alles veränderte. Zum 341. Geburtstag ein Blick auf den Moment, der seinen Nachruhm erst begründete.

Berlin, März 1829. Menschen drängen sich vor den Türen eines Konzertsaals, hoffen auf Einlass, doch für viele bleibt er verschlossen. „Der ganze Hofstaat war da, 1000 Berliner mussten weggeschickt werden“, berichtet Jörg Hansen, Direktor vom Bachhaus Eisenach, im Interview mit Klassik Radio Moderatorin Evita Helling. Auf der Bühne steht ein 20-Jähriger am Dirigentenpult. Mit dem ersten Schlag seines Taktstocks geschieht etwas Unerwartetes: Musik erklingt, die jahrzehntelang niemand gehört hat. Was heute unvorstellbar wirkt, war damals Realität: Johann Sebastian Bach war nahezu vergessen. „Seine Musik ist schlicht nicht gespielt worden“, so Hansen. Doch dieser Abend ist mehr als ein Konzert. Es ist ein Wendepunkt – der Moment, in dem ein lange überhörtes Genie zurück ins Bewusstsein geholt wird und seinen Platz in der Musikgeschichte endgültig einnimmt.
Doch wer ist dieser 20-Jährige, der hier einen vergessenen Komponisten zum Leben erweckt? Es ist Felix Mendelssohn Bartholdy. Seine Geschichte mit dieser Musik beginnt lange vor diesem Abend in Berlin. Zu seinem 13. Geburtstag bekommt er eine Abschrift der Matthäuspassion – ein Geschenk seiner Großmutter. Ein Manuskript, das in anderen Händen vielleicht einfach im Regal verschwunden wäre – nicht aber bei ihm. Mendelssohn erkennt, was andere übersehen haben und handelt. Mit gerade einmal 20 Jahren bringt er das Werk zurück auf die Bühne – zum ersten Mal seit Bachs Tod. Was anfangs wie ein gewagtes Experiment wirkt, entwickelt schnell eine ungeahnte Dynamik. „Die Aufführung wurde noch zwei weitere Male wiederholt. Die Zeitungskritiken überschlugen sich“, sagt Hansen. Aus einem einzelnen Konzert wird ein Ereignis. Es markiert den Beginn einer Entwicklung, die Bach wieder ins Zentrum der Musik rückt. „Wenn man an einem Datum in der Geschichte Bachs festhalten will“, so Hansen, „dann da – an diesem 11. März 1829.“
„An diesem 11. März 1829 hat das Publikum diese Musik kennengelernt und festgestellt: Das ist was ganz Besonderes. Seit dieser Aufführung kann man wirklich von einer regelrechten Bachrenaissance sprechen“, so Hansen. Bach wird nicht nur gespielt – er wird seitdem gefeiert. Gesellschaften entstehen, Festivals werden ins Leben gerufen, ganze Programme widmen sich ausschließlich seiner Musik. Ein neues Verständnis von Musik entsteht: Nicht nur als Unterhaltung, sondern als kulturelles Ereignis, das Menschen zusammenbringt.
Genau hier setzt die Sonderausstellung des Bachhauses Eisenach „Ohne Berlin kein Bach“ an, die vom 12. März bis zum 3. Mai 2026 im Berliner Dom zu sehen ist. Die Ausstellung macht diese Geschichte sichtbar – mit Originaldokumenten, mit Klangbeispielen, mit Spuren aus genau dieser Zeit. „Wir haben auch den Ausdruck der Matthäuspassion von 1830 und einen Brief des preußischen Kronprinzen.“ Ein Brief, der zeigt, wie hoch die Musik von Bach plötzlich geschätzt wurde, wie sehr man sie ernst nahm. Gleichzeitig öffnet die Ausstellung den Blick über den einen Abend hinaus: Sie erzählt von den ersten Bachfesten, von einer wachsenden Begeisterung für seine Werke und davon, wie sich daraus eine internationale Tradition entwickeln konnte. Dabei machen historische Aufnahmen deutlich, wie diese Musik damals geklungen haben könnte – und zeigen auch, wie sehr sich unser Hören bis heute verändert hat.
Heute ist Bach allgegenwärtig. Filme, Serien, Werbung – seine Musik taucht überall auf. Fast so selbstverständlich, dass man vergisst, dass es einmal anders war. „Sie werden kaum in einen Abspann eines Filmes gucken können, ohne dass Bach dort als Komponist mit erwähnt wird“, so Hansen im Interview. Und doch führt diese Allgegenwärtigkeit zurück zu einem ganz bestimmten Moment. Zu diesem einen Abend in Berlin. Zu dieser einen Entscheidung von Felix Mendelssohn Bartholdy.
Wenn wir heute seinen Geburtstag feiern, feiern wir also nicht nur einen Komponisten, sondern auch den Moment, in dem seine Musik zurück ins Leben geholt wurde. Nicht in Leipzig, nicht in Köthen, sondern in Berlin! Dort, wo ein junger Mendelssohn ein altes Werk aufschlägt – und damit Bachs Geschichte neu beginnen lässt.


