Von Prag nach Bamberg – und von dort hinaus in die ganze Welt: Seit 80 Jahren begeistern die Bamberger Symphoniker ihr Publikum. Intendant Marcus Rudolf Axt spricht über magische Konzertmomente, ungewöhnliche Projekte und warum Livemusik heute wichtiger ist denn je.

Was macht ein Orchester zu einem Weltorchester? Sind es die großen Namen der Dirigenten, die Geschichte, der Klang – oder doch die Menschen dahinter? Bei den Bamberger Symphonikern ist es wohl von allem etwas. Seit 80 Jahren steht das Orchester für internationale Strahlkraft, tief verwurzelte Tradition und eine besondere Spielfreude, die weit über die Bühne hinausgeht. „Wir sind nach 80 Jahren Orchestergeschichte vor allem stolz auf die vielen, vielen Städte und Länder, die wir bereist haben“, erzählt Intendant Marcus Rudolf Axt im Interview mit Klassik Radio Redakteurin Valeska Baader. 64 Länder sind es inzwischen, in die das Orchester gereist ist: Ägypten, Indien, Jordanien, Südafrika – Orte, die für ein klassisches Orchester nicht immer selbstverständlich sind. Und doch waren sie dort. „Das ist es, was unsere Botschaft ausmacht“, sagt Axt, „als Diplomaten der Kultur weltweit unterwegs zu sein.“
Die Wurzeln des Orchesters reichen weit zurück – bis ins 18. Jahrhundert. Genauer gesagt: nach Prag. Dort, wo Mozart seinen Don Giovanni uraufführte, wo Gustav Mahler und Alexander Zemlinsky wirkten – dort entstand das Orchester, das später einmal zu den Bamberger Symphonikern werden sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand das Ensemble schließlich in Bamberg eine neue Heimat – aus der Not heraus. „Bamberg war unzerstört und hatte Wohnungen für Flüchtlinge“, erzählt Axt. Vielleicht wurde genau deshalb das Reisen zur Identität – und die Rolle als musikalischer Botschafter zur Berufung.
Zu den unvergesslichen Momenten zählt dabei ein ganz besonderer Auftritt: Ein Konzert in der Sommerresidenz von Papst Benedikt XVI. „Wir sind das einzige Orchester weltweit, das zu Ehren von Papst Benedikt in Castel Gandolfo gespielt hat.“ Der Innenhof wurde zum Konzertsaal, das Programm: Mozart und Beethoven – ausdrücklich vom Papst gewünscht. „Das war wirklich ein bewegendes Erlebnis“, wie Axt schwärmt.
Trotz aller Geschichte und internationalen Erfolge bleibt das Wichtigste erstaunlich simpel: die Musik selbst. „Das Schönste an unserem Orchesteralltag ist die Freude am gemeinsamen Musizieren, die Spielfreude.“ Diese Energie zeigt sich auch darin, wie offen das Orchester neue Wege geht. Ein Beispiel: Ein Konzert mit Musik aus Videogames. „Ich hatte auf einmal einen Saal voll mit Menschen, die ich noch nie vorher im Konzert gesehen hatte“, erinnert sich der Intendant an das Projekt. Fans in Gaming-Shirts, neue Zielgruppen, neue Perspektiven. „Das hat mich sehr berührt, weil ich gemerkt habe: Auch diese Menschen kannst du erreichen und begeistern.“
Dass aber auch ein Weltorchester nicht vor Pannen gefeit ist, zeigt eine Anekdote von einer Tournee: „Auf einmal ging im Saal das Licht aus.“ Der Grund? Ein Bühnentechniker, der versehentlich den Lichtregler betätigte. Doch anstatt abzubrechen, spielte das Orchester einfach weiter. „Beethovens Siebte Symphonie wurde im Dunkeln auswendig zu Ende gespielt.“ Ein Moment, der zeigt, worauf es wirklich ankommt: Professionalität, Leidenschaft und Hochleistungsmusiker.
Warum Orchester heute wichtiger sind denn je? Die Antwort von Intendant Axt kommt auf diese Frage klar und direkt: „Wir sind eine der wenigen Branchen, die nicht mit künstlicher Intelligenz oder Digitalisierung arbeiten, sondern mit Livemusik begeistern“, so Axt. Ein Konzert ist mehr als Klang – es ist ein gemeinsames Erlebnis. „Man sitzt mit 2000 anderen Menschen im Saal und erlebt etwas, was nur in diesem Moment passiert.“ Und manchmal verändert es sogar das Leben: „Menschen kommen nach dem Konzert zu mir und sagen: Das hat mich mit Gänsehaut zurückgelassen.“ Es gibt dabei diesen einen Punkt, an dem Musik mehr wird als Musik. „Die Musik wird magisch, wenn wir in einem Flow sind – mit dem Orchester, dem Dirigenten und dem Publikum.“ Dann entsteht diese besondere Stille im Saal und dann „atmen sogar alle gemeinsam“. Das sind die Momente, die den Musikern für immer in Erinnerung bleiben…
Zum Jubiläum wird natürlich gefeiert – und zwar mit einem großen Galakonzert, das zugleich die Preisträger der International Classical Music Awards kürt: „Die Bamberger Symphoniker bekommen einen Sonderpreis, unser Chefdirigent ist Künstler des Jahres.“
Trotz Geburtstagslaune und Rückblick auf die vergangenen 80 Jahre, wird an diesem Abend natürlich aber auch in die Zukunft geschaut: „Wir wollen uns die Spielfreude erhalten und den besonderen Bamberger-Klang bewahren.“ Ein Klang, geprägt von Tradition, von böhmischer Musizierfreude – und von einer klaren Vision. Am Ende lässt sich alles auf eine einfache Formel bringen: „Ein Weltorchester mit Herz, Spielfreude und großer Neugier“, wie Intendant Marcus Rudolf Axt das Orchester in einem Satz beschreibt. Und vielleicht ist genau das das Geheimnis des Orchesters – damals wie heute, und auch für die nächsten 80 Jahre.


