Gestern noch München - volles Haus in der Isarphilharmonie. Morgen Hamburg - ausverkauft im Großen Saal der Elbphilharmonie: Pianist Sofiane Pamart begeistert aktuell wie kaum ein anderer das internationale Publikum. Mit Moderatorin Alexandra Berger spricht er über sein neues Album „Movie“, seine Konzerte ohne geregelte Setlist und die Kraft der Musik, Menschen zu verbinden.

Klassik Radio: Stimmt es, dass du keine Setlist hast und dich einfach hinsetzt und die Atmosphäre fühlst?
Sofiane Pamart: Ja, das stimmt absolut. Es gibt Menschen, die kommen zu fünf, sechs, sieben oder sogar zehn meiner Konzerte. Ich möchte nicht, dass sie immer dieselbe Show erleben. Deshalb habe ich beschlossen: Ich spiele jedes Konzert anders. Das mache ich für sie – aber auch für mich, weil es mir hilft zu spüren, dass jede Bühne und jeder Tag anders ist.
Klassik Radio: Wer sind deine größten Vorbilder?
Sofiane Pamart: Ich liebe die Melancholie und Intimität von Frédéric Chopin. Ich bewundere Franz Liszt und Robert Schumann. Besonders Schumann hat eine unglaubliche Fantasie, manchmal wirkt es, als verliere er sich darin. Aber auch Maurice Ravel und Claude Debussy faszinieren mich – ihre Fähigkeit, mit Musik Bilder zu malen.
Klassik Radio: Bist du morgens oder nachts kreativer?
Sofiane Pamart: Ich liebe den Morgen. Das sind für mich die magischsten Momente des Tages. Ich lebe in Los Angeles und bin dorthin gezogen, um mein Album zu komponieren. Meine Routine ist: Ich stehe vor Sonnenaufgang auf, trinke einen Espresso – ganz französisch – und setze mich hin, um die Natur zu beobachten. Jeder Sonnenaufgang ist ein neues Schauspiel. Dann beginne ich zu komponieren. Tagsüber mache ich Spaziergänge in den Canyons, und abends schaue ich mir den Sonnenuntergang an. Manchmal bin ich so inspiriert, dass ich gar nicht schlafen möchte und erst beim nächsten Sonnenaufgang ins Bett gehe.
Klassik Radio: Dein neues Album ist gerade erschienen, es heißt „Movie“. Wenn dein Leben ein Film wäre – wie würde er klingen?
Sofiane Pamart: Es wäre definitiv eine Liebesgeschichte. Ich habe mich verliebt und endlich verstanden, wie ich Liebe auf dem Klavier einfangen kann. Dafür brauchte ich ein Orchester, einen großen Chor. Und dann wollte ich die Grenzen meiner eigenen Wahrnehmung erweitern, indem ich neue Menschen eingeladen habe, auf dem Album zu singen. Ich habe sie gebeten, mehr über ihre Geschichten und ihr Leben zu erzählen – als wären sie Schauspieler in meinem eigenen Film. Ich habe sie Dinge machen lassen, die sie normalerweise nicht tun, zum Beispiel nur mit Klavierbegleitung zu singen. Viele hatten das vorher noch nie gemacht. Dadurch ist etwas völlig Neues entstanden: Auf demselben Album sind plötzlich Künstler wie Celeste, Wyclef Jean, J Balvin, Sia und Rema vertreten – alle mit völlig unterschiedlichen Hintergründen. Ich wollte zeigen, dass wir als Menschen ähnliche Gefühle erleben können, selbst wenn wir aus ganz verschiedenen Welten kommen. Meine Aufgabe am Klavier ist es, Menschen zusammenzubringen und ihnen zu helfen, sich durch Musik zu verstehen.
Klassik Radio: Du hast auf deinem Album mit vielen Künstlern zusammen gearbeitet. Gab es da einen besonderen Moment, der dir im Kopf geblieben ist?
Sofiane Pamart: Jeder Moment war einzigartig, weil ich alle Sessions persönlich gemacht habe. Heute kann man vieles aus der Ferne produzieren, aber das mag ich nicht. Ich muss im selben Raum sein, die Emotionen spüren, zuhören und verstehen, was im Inneren des anderen passiert. Mit Christine and the Queens zum Beispiel haben wir nach nur 15 Minuten Improvisation aufgehört, weil wir wussten: Der Song ist fertig. Mit Wyclef Jean war es so, dass er mich zufällig entdeckt hat und mich direkt ins Studio eingeladen hat. Er sagte: „Ich möchte ein Lied über Frieden machen.“ So entstand „There’ll Be A Day“. Musik fängt einfach das ein, was zwischen Menschen passiert.
Klassik Radio: Auf dem Albumcover bist du noch sehr jung. Wie alt bist du dort?
Sofiane Pamart: Acht.
Klassik Radio: Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen?
Sofiane Pamart: Bleib genau so, wie du bist. Ich hatte wundervolle Eltern, die mich sehr geliebt haben. Liebe ist das Wichtigste für Kinder – nicht Geld. Wenn man Liebe bekommt, lernt man, an sich selbst zu glauben. Ich würde ihm sagen: Sei geduldig. Wenn nicht alles sofort klappt, hat das vielleicht einen Sinn.
Klassik Radio: Was war dein größter Kindheitstraum?
Sofiane Pamart: Mein größter Traum war es, Zeit mit meiner Familie zu verbringen und geliebt zu werden. Dann habe ich das Klavier entdeckt – mit vier oder fünf Jahren – und es wurde zu „meinem Ding“. Später wollte ich diese Leidenschaft mit der Welt teilen und habe angefangen, groß zu träumen: Ich wollte ein Klavierstar werden, inspiriert von Künstlern wie David Bowie oder Michael Jackson.
Klassik Radio: Was möchtest du mit deiner Musik erreichen?
Sofiane Pamart: Mein größter Traum ist es, Freude und Hoffnung zu bringen und Menschen zu helfen, ihre Gefühle besser zu verstehen. Wenn ich das auf der ganzen Welt tun kann, wäre ich glücklich. Das Klavier hat dabei die Kraft, Menschen zu verbinden. Deshalb mische ich verschiedene Genres – Rap, Jazz, elektronische Musik und Klassik. Wenn man diese Grenzen verschwinden lässt, kommt man dem näher, was uns als Menschen verbindet.


