Der ewig Unbeirrbare - Zum Tod von Sir Roger Norrington

NachrufDer ewig Unbeirrbare - Zum Tod von Sir Roger Norrington

Er stellte Hörgewohnheiten infrage, verzichtete bewusst auf Vibrato und brachte frischen Wind in die Werke von Beethoven, Berlioz und Wagner: Roger Norrington hat mit seinen Interpretationen Generationen geprägt. Jetzt ist der britische Dirigent im Alter von 91 Jahren gestorben.

Sir Roger NorringtonFoto: Imago/JuricaxGaloic/PIXSELL

Geboren 1934 in Oxford, wuchs Norrington in einer musikalisch gebildeten Familie auf. In Cambridge studierte er englische Literatur und Geschichte, gleichzeitig aber auch Violine und Gesang. Der Weg ans Dirigentenpult führte über das Royal College of Music, wo er bei Sir Adrian Boult lernte. Der entscheidende Impuls kam schließlich in den 1960er-Jahren, als er begann, sich mit der Musik von Heinrich Schütz auseinanderzusetzen. Er gründete einen Chor, nannte ihn nach dem Komponisten und stellte bald fest, dass es kaum Traditionen gab, Werke wie die von Schütz oder Monteverdi lebendig aufzuführen.

Was als Experiment begann, wurde zur Berufung. 1978 gründete Norrington die London Classical Players und entwickelte aus seinen Erfahrungen eine eigene musikalische Haltung. Er wollte wissen, wie Bach, Beethoven oder Berlioz in ihrer Zeit tatsächlich gehört wurden. Dabei ging es ihm immer um die Energie, die Bewegung und sprachliche Genauigkeit in der Musik. Seine Beethoven-Aufnahmen sorgten für Aufsehen, seine Berlioz-Interpretationen wurden zum Maßstab.

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Auch in späteren Jahren blieb er neugierig. Ab 1998 prägte er mit dem SWR Stuttgart einen eigenen Stil, der historisches Wissen auf das moderne Orchester übertrug. Eine Praxis die in den folgenden Jahren mehr und mehr an Popularität gewann.

Sein Credo: kein Vibrato, keine Effekthascherei. Stattdessen Transparenz, Dialog, musikalische Geste. Und trotz allem Ernst: ein feiner britischer Humor, der ihn nie dogmatisch wirken ließ.

Sein letztes Konzert dirigierte er 2021 in Gateshead mit einem Haydn-Programm. Dass dies sein entgültiger Abschied sein würde, wusste damals niemand. Jetzt ist die Musikszene um eine große Persönlichkeit ärmer.

Holger Hermannsen / 20.07.2025

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