Kleine Piekser, große Wirkung: Wie eine Akupunktur-Innovation Instrumente "heilen" kann

Kleine Piekser, große Wirkung: Wie eine Akupunktur-Innovation Instrumente "heilen" kann

Wenn eine Geige ihre Stimme verliert, hilft manchmal kein Lack, kein Leim, kein neuer Steg. Dann braucht es Fingerspitzengefühl. Oder besser gesagt: einen Zahnarztbohrer. Geigenbaumeister Ralf Schumann hat eine Methode entwickelt, die selbst hartnäckige Klangprobleme löst: Akupunktur für Instrumente.

Akupunktur 1Foto: Katja Schumann

Ein Piekser für den perfekten Ton

„Bei allen Instrumenten gibt es Töne oder Tonbereiche, die nicht auf Anhieb gut funktionieren. Da springt entweder die Saite nicht richtig an oder der Ton lässt sich auf einem Blasinstrument nicht so gut anblasen. Dann merkt man: Der Musiker muss mehr Kraft einsetzen, damit der Ton genauso gut klingt wie alle anderen Töne. Diese Schwierigkeiten beim Spielen kann ich mit meiner Methode oft reduzieren“, sagt Ralf Schumann im Interview mit Klassik Radio Redakteurin Valeska Baader. Dazu klopft der Geigenbaumeister die Instrumente ab, scannt die Resonanzen – und wenn der Bassbereich heller klingt als der Diskant, ist das Klangverhältnis des Instruments wohl vertauscht und Schumann greift ein. Mit einem kleinen Bohrer klopft er dafür ein winziges Loch ins Holz, meist weniger als einen Zehntelmillimeter tief. „Man sieht den Piekser nur, wenn man genau hinschaut“, so Schumann im Interview. Die Idee: Durch gezielte Eingriffe wird das Schwingungsverhalten des Holzes verändert und die Klangbalance stabilisiert. Ein bisschen wie Chiropraktik, nur für Instrumente.

Akupunktur 2
Hörbeispiel

Geigenbaumeister Ralf Schumann zeigt, wie eine Viola vor und nach seiner Akupunktur-Behandlung klingt. © Ralf Schumann, Foto: Katja Schumann

Klopfen, hören, justieren, spielen

Die Klangakupunktur ist kein Hokuspokus, sondern ein Handwerk, das Zeit, Erfahrung und das richtige Ohr verlangt. „Die Arbeitsweise ist immer ein Hin und Her. Die Musiker spielen, ich höre zu. Dann sage ich: Aha, da und da funktioniert was nicht. Und dann justiere ich. Das geht eine Stunde oder länger, bis sich alles harmonisiert hat.“ Schumann arbeitet dabei mit Profis, die ihre Instrumente in- und auswendig kennen – und genau spüren, wenn ein Ton aus dem Rahmen fällt. „Es gibt Töne, die klingen schrill, andere klingen matt. Das kann man mit der Behandlung quasi ausgleichen.“

Was Schumann hört, sieht die Wissenschaft

Das, was viele Musiker hören können, kann man inzwischen sogar messen und ist wissenschaftlich bestätigt. Am Musikwissenschaftlichen Institut der Uni Hamburg wurden die Eingriffe von Ralf Schumann mit einem Laser dokumentiert. „Bei den beiden Messungen, die gemacht wurden, hat ein Laser etwa 2000 Punkte auf der Geigendecke abgetastet. Der Steg wurde dabei immer wieder mit einem kleinen Hammer angeschlagen, woraus sich ein Bewegungsmuster auf der Geigendecke erkennen ließ (die Frequenzkurve). Nach der Akupunktur-Behandlung konnte man sehen: Die Kurve wird gleichmäßiger“, erzählt Schumann. Klang-Verdrehungen, die durchs Klopfen auf den Instrumenten zum Vorschein kommen, können dabei nicht nur mit der Akupunktur-Methode behoben werden. Auch eine minimale Veränderung der verschiedenen Winkel am Instrument kann dazu führen, dass sich der Klang leicht verändert.

Alte Kunst neu gedacht

Ganz neu ist der Gedanke nicht: Schon die alten Geigenbaumeister haben ihre Instrumente abgeklopft und ausbalanciert. Doch Schumanns Methode bringt diesen Instinkt ins 21. Jahrhundert. Vor der Akupunktur klingt der eine Ton gepresst, der andere verschluckt. Danach fließt die Phrase, als hätte jemand eine klangliche Verspannung gelöst. Und genau das ist der Punkt: Die Instrumente sind die gleichen – aber sie antworten anders, eben feinfühliger und freier.


Und wer jetzt genau hinhört, ob seine Geige vielleicht auch schon ein Pieks nötig hätte – der kann sich erstmal bei „Streicher Klänge“ auf Klassik Radio Plus durch die schönsten Streicherstücke hören - ganz ohne Akupunktur:

Streicherklänge

Valeska Baader / 09.09.2025

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