Operation Beluga - Wie klassische Musik tausende Belugawale rettete

Operation Beluga - Wie klassische Musik tausende Belugawale rettete

Dezember 1984, Arktis: Tausende Belugawale sind im Eis gefangen – das Ende scheint nah. Doch dann trifft ein sowjetischer Eisbrecher ein, an Bord: keine Harpunen, sondern Lautsprecher. Als über das gefrorene Meer die Klänge von Rachmaninow und Shostakovich hallen, geschieht das Unglaubliche: die Wale folgen der Musik zurück in die Freiheit.

BelugawaleFoto: ImageFusion/stock.adobe.com/generated with AI

Gefangen im ewigen Eis

Im winterlichen Dezember 1984 fingen sich, irgendwo zwischen der Chuktschen-Halbinsel und Alaska, Hunderte, wenn nicht Tausende, Belugawale in einem eisigen Gefängnis ein. Ein schmaler Sund, die Senyavinstraße, war mit Packeis belegt, bis zu vier Meter stark – die Wale konnten nicht entkommen, ihre Atemlöcher schrumpften, das Schicksal drohte.

Zunächst versuchten die Menschen vor Ort, die Tiere mit gefrorenem Fisch zu versorgen und kleine Atemfenster ins Eis zu schlagen. Doch diese Maßnahmen reichten nicht. Das Eis schloss sich, die Zeit lief gegen die Meeressäuger.

Also rief man die Moskva, einen sowjetischen Diesel-Eisbrecher von 13.000 Tonnen, herbei – eigentlich gebaut, um Frachter durch arktisches Eis zu lotsen. Mit lautem Krachen und unnachgiebigem Vorstoßen rammte sich das Schiff zuerst in Schüben Richtung Eis, erweiterte Kanäle und wartete in der Hoffnung, die Wale im Nachgang mitzuführen.

Doch der Versuch scheiterte: die Tiere blieben zurück, scheu vor Rumpf und Propellerlärm. Niemand wusste so recht, wie man mit ihnen „sprechen“ sollte.

Eisbrecher Moskva in der Werft
Foto: Gemeinfrei
Der rettende Eisbrecher "Moskva"

Ein ungewöhnlicher Einfall

Dann fiel jemandem ein, dass Wale wie Delfine empfindsam auf Klänge reagieren könnten. So erklangen, über Lautsprecher vom Schiffsdeck, Pop-, Marsch- und schließlich klassische Musik, darunter Werke von Rachmaninoff und Shostakovich.

Und siehe da: Die Belugas, zunächst zögernd, folgten dem Klang – gemächlich, in kleinen Gruppen, dem Eisbrecher nach. Die Musik schien zu beruhigen, die Aufmerksamkeit zu lenken. Stück für Stück, Kilometer um Kilometer, wurde der Zug durch das Eis zum offenen Meer.

Am Ende erreichten etwa 2.000 der Wale wieder freies Wasser. Einige Tiere waren bereits zuvor von Jägern gefangen; Quellen nennen bis zu 500 Individuen, die vorher entnommen wurden.

So wurde „Operation Beluga“ zu einer Legende – nicht nur wegen der technischen Leistung des Eisbrechers, sondern wegen der fast märchenhaften Idee, Musik als Rettungsmittel einzusetzen.



Die Sprache der Wale

Was klingt wie ein abenteuerlicher Roman, offenbart ein verblüffendes Zusammenspiel von akustischer Wahrnehmung, sozialem Verhalten und tierischer Empfänglichkeit. Belugawale, oft als „Kanarienvögel des Meeres“ bezeichnet, produzieren ein Repertoire aus Klicklauten, Pfeifen, Trillern und Quietschen: sie sind ausgesprochen vokal und besitzen eine große Bandbreite akustischer Kommunikation.

Manche Belugas, wie der berühmte NOC in Gefangenschaft, ahmten Stimmen und Rhythmen nach. Ein Hinweis, dass sie durchaus eine gewisse Lautplastizität besitzen.

Das wiederum lässt die Idee nicht abwegig erscheinen, dass sie auf Melodien – etwa aus dem klassischen Repertoire – aufmerksam reagieren könnten. Ob sie eine „Vorliebe“ hatten im Sinne eines bewussten Genusses, bleibt Spekulation. Doch im konkreten Fall scheint klassischer Klang ihnen genug Anreiz geboten zu haben, dem Eisbrecher zu folgen, statt in Lethargie zu verharren.

Auch in heutigen Zoos und Aquarien ist Musik ein Mittel zur sogenannten "Umweltanreicherung" für Tiere – fließende Geräusche, sanfte Musik, gelegentlich auch klassische Stücke – um Stress zu senken und das Verhalten zu stimulieren.

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Klassik, die verbindet

Vielleicht ist „Klassik“ nicht nur humanistische Kultur, sondern eine Brücke zwischen Spezies: ein akustisches Medium, das tief in uns und jenseits berührt. In der Disziplin Zoomusicologie untersucht man genau diese Schnittstelle: wie Tiere Klänge erzeugen, wahrnehmen und musikalisch interagieren – mit Menschen oder untereinander.

Beispiele gibt es zuhauf: Musiker haben Wölfe bespielt, Sänger spielten für Vögel, Komponisten experimentierten mit Musiken für Wale. Jim Nollman etwa hat mit Orcas interaktive Musikversuche unternommen – die Tiere reagierten mit Lauten und Bewegungen.

Wenn man so will, war die Moskva-Aktion ein dramatischer Vorläufer dieser Experimente: ein eisiges Opernhaus, in dem Menschen, Schiff und Tiere zusammenkamen und Musik als Vermittlerin diente.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass Musik nicht nur Menschen, sondern auch Tiere erreichen, beruhigen und vielleicht sogar inspirieren kann. Und manchmal auch Leben rettet.

Holger Hermannsen / 13.10.2025

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