Orchester wird zur Heimat für geflüchtete Kinder

Projekt "Hangarmusik":Orchester wird zur Heimat für geflüchtete Kinder

Musik kann nicht nur heilen - sie kann auch stabilisieren, integrieren und eine Art Heimat sein: das zeigt das Projekt “Hangarmusik”.

Orchester wird zur Heimat für geflüchtete KinderFoto: Andreas Knapp/Hangarmusik

Mitten drin statt nur dabei

Dort können geflüchtete Kinder und Jugendliche ohne musikalische Vorkenntnisse ein Instrument lernen und im Orchester spielen - und das von Anfang an, erklärt Gründerin Leila Weber: "Es ist auch mit eine unserer Grundideen, die wir haben. Dass es die Möglichkeit gibt, nicht erst über jahrelanges Lernen irgendwann so weit zu sein, um mit anderen zu spielen. Sondern gleich in der Gemeinschaft zu lernen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kinder in der Gruppe die Kinder viel schneller die Sachen natürlich von ihren Nachbarn und von ihren Freunden annehmen und dann gemeinsam wachsen. " Möglich wird das Ganze durch verschieden leichte bzw. schwere Stimmen. So kann z.B. jeder vom esten Tag an über leere Seiten mitzupfen. Es folgt das nächste Level und so geht es immer weiter, bis man die Originalstimme lernt. "Es ist natürlich auch ein Anreiz für die Kinder. Dass sie wissen, sie möchten auch diese schwere Stimme spielen und diese Stimme auch immer wieder hören und dadurch auch mitlernen. So haben wir dann die Situation, dass wir viele Level auf einmal haben und alle zusammen spielen können."

Musizieren statt Warten

Leila Weber, Bratschistin und Orchestermusikerin hat gemeinsam mit dem Fotografen und Musiker Andreas Knapp das Projekt gegründet: 2016 während der Flüchtlingskrise im Berliner Flughafen Tempelhof. Damals lebten mehr als 3000 geflüchtete Menschen in der Notunterkunft in Tempelhof. Zum Duschen mussten sie in Bussen ans andere Ende der Stadt gefahren werden. Die Idee, ein Kinderorchester zu gründen, hatten die Andreas Knapp und Leila Weber schon länger, seitdem sie in Venezuela das soziale Musikprojekt "El Sistema" erlebt hatten. Als die Flüchtlingskrise kam, war ihnen klar - jetzt müssen sie handeln. "Unsere Idee war es, diese neu angekommenen Kinder sofort an die Hand zu nehmen und sofort etwas mit ihnen zu tun und sie einzubinden, damit sie nicht nur in diesem Camp warten", erklärt Leila Weber.

Großer Auftritt für "Hangarmusik" in Paris

Pappinstrumente und Singen

Dabei hatten die beiden zu Beginn noch nicht einmal richtige Instrumente und dafür Verständigungsschwierigkeiten: "Wir hatten ja keine gemeinsame Sprache, sondern haben über kleine Sprachübungen und über das Singen überhaupt erst einmal angefangen, eine Gruppe zu werden. Zunächst haben wir mit Pappinstrumenten begonnen, damit wir die Bewegungen eines Streichinstruments daran üben können und haben gesungen." Später dann gab es zum Glück Instrumentenspenden, zunächst für Geige, dann auch für Celli, Kontrabass und Bratschen.

Ein musikalischer Schutzraum

Anfangs waren viele Kinder so erschöpft von der Reise, dass sie teils bei den Proben auch einfach einschliefen. Ein Zeichen, dass sie sich in einem geschützten Raum fühlten, denn sonst war in der Flüchtlingsunterkunft wenig Ruhe. Aus dieser Zeit kommt auch der Name des Projekts - zum einen vom Hangar des Flughafens Berlin Tempelhof, in dem die Geflüchteten damals untergebracht waren, zum anderen auch, weil "Hangar" ein Schutzraum ist und mit der Musik sozusagen ein Schutzraum für die Kinder geschaffen wurde.

Überwinden von Vorurteilen dank der Musik

In diesem musikalischen Schutzraum entwickelten sich dann natürlich auch Freundschaften, oft unabhängig davon, ob die Kulturen oder Heimatländer der Kinder sich außerhalb vertragen oder nicht. Hier laufen sie ganz selbstverständlich Arm in Arm und spielen zusammen im Orchester. Dieses Selbstverständnis ist für die Eltern manchmal nicht ganz so einfach, berichtet Leila Weber: "Manchmal hatten die Eltern auch etwas dagegen und sagten: 'Wenn der kommt, dann kommt mein Kind nicht mehr.' Dann haben wir natürlich auch Gespräche mit den Eltern geführt und dann haben die Eltern das verstanden. Diese Hemmschwelle zu nehmen und sich nicht einfach abzugrenzen und zu sagen: 'Wenn der aus dem Land kommt, will ich nicht, dass mein Kind kommt.' Sondern zu verstehen: bei uns ist das möglich und es ist gut. Dann geht das natürlich weiter, auch in die Familien hinein, dass da ein Verständnis ist und dass Integration passieren kann."

Nachhaltige Wirkung

Immer wieder gibt es auch rührende Momente, so z.B. als von Gustav Mahler die Rede war und ein Kind fragte, ob er auch schon einmal in Tempelhof zu Besuch gewesen sei oder als die Kinder, zu Besuch in der Berliner Philharmonie waren und spontan mitspielen wollten, so selbstverständlich war es für sie. Solche Besuche, auch von Konzerten, gehören ebenfalls dazu bei "Hangarmusik" und sorgen dafür, dass die Kinder von Anfang an für Klassik begeistert werden. Und selbst, wenn das Leben sie woanders hin führt, die Verbindung zu "Hangarmusik" bleibt bestehen. Viele ehemalige Orchestermitglieder erkundigen sich noch Monate und Jahre danach, wie es den Freundinnen und Freunden geht. Oft finden Sie durch die musikalische Vorbildung eine Möglichkeit, auch an neuen Orten durch die Musik wieder eine Gemeinschaft zu finden.

Großer Auftritt in Paris und Peter-Raue-Preis

Kein Wunder, dass Leila Weber und Andreas Knapp 2022 mit dem Bundesverdienstorden am Bande ausgezeichnet worden sind. Auch das Projekt selbst hat schon zahlreiche Auszeichnungen bekommen, unter anderem den Förderpreis der Deutschen Nationalstiftung und den Peter-Raue-Preis. Zudem repräsentierte Hangarmusik die Bundesrepublik Deutschland im Januar im Rahmen der 60. Jahresfeier zum Élysée Vertrag der Deutsch-Französischen Freundschaft und spielte gemeinsam mit dem französischen DEMOS Jugendorchesters im Panthéon Paris. Ein einzigartiges Projekt, das seit sieben Jahren besteht und von dem wir sicher noch viel hören werden.

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