Cellist Jan Vogler will Klassik erneuern!

Genrevielfalt & neue FormateCellist Jan Vogler will Klassik erneuern!

Die Pandemie hat nachhaltig Spuren hinterlassen - auch in der Klassikwelt. Ein Gespräch mit Jan Vogler, wie man den neuen Ansprüchen gerecht wird.

Cellist Jan Vogler will Klassik erneuern!Foto: © Marco Grob, www.janvogler.com

"Das Publikum ist es gewöhnt, auch ohne Live-Konzerte klar zu kommen!"

Doch was genau hat sich mit der Pandemie verändert? Aus Jan Voglers Sicht in erster Linie das Publikum: "Ich denke, das Publikum hat, wenn man es mal ganz provokant formulieren würde, gelernt, notfalls auch mal ohne Live-Konzerte auszukommen.  Das hat das Publikum durchaus mit Schmerzen gelernt, denn alle haben es vermisst. Aber das heißt, es ist trainiert, notfalls nicht in jedes Konzert zu gehen, was früher im Kalender stand. Und jetzt denke ich:

Es fragt sich doch jeder Konzertgänger vor jedem Konzert: "Möchte ich da eigentlich hin gehen? Und was erwarte ich?" Diese Fragen sind neu und wir müssen jetzt diese Gründe liefern."

Ansprechender Präsentation

Zum einen müsse man sich bei der Präsentation der Musik neue Wege suchen. Genrevielfalt sei sehr wichtig. "Wir haben bei den Dresdner Musikfestspielen sehr sehr viele Genres von Klassik über Weltmusik bis hin zu Jazz und Formate für junge Menschen, die z.B. auch mit Elektromusik hantieren."

Geschichte von Beginn an erzählen

Es sei wichtig, mit den Instrumenten etwas Neues zu erzählen und vor allem "die Geschichte vom ersten Kapitel an zu erzählen". Oft setze man bei der Klassik zuviel Vorwissen voraus und erzähle die Geschichte von der Mitte an.

"Wenn ich mit meinem Cello in ein Flugzeug einsteige, muss ich oft als Erster ansteigen, weil das Cello erst noch verzurrt werden muss. Dann laufen viele Passagiere an meinem Cello vorbei und manche meinen 'oh, ein Cello' . Dann ist aber auch schon Schluss, dann kommt nicht 'ah, da gibt es doch das Dvorak Cellokonzert".

Wir müssen davon ausgehen, dass es ganz viele Menschen gibt, die gerne einmal Cello hören möchten, aber bisher nichts oder wenig auf dem Cello gehört haben.

Werkzeugkoffer überall hin mitnehmen

Dabei müsse die Qualität keinesfalls leiden, selbst wenn es nur um Basisarbeit ginge. Als Beispiel erzählt Jan Vogler von der Produktion seines neuen Albums "Popsongs": "Ich habe mit dem BBC Philharmonic Orchestra zusammengearbeitet. Die Musiker dort spielen sowohl auf alten Instrumenten, z.B. mit Darmsaiten, spielen aber auch Film- und Popmusik. Sind also sehr vielseitig. In London ist das eine Musikszene, die sehr breit aufgestellt ist. Wir werden lernen, dass man diesen "Werkzeugkoffer" ruhig überall hin mitnehmen kann und dann fragt:'Was ist eigentlich die Zielgruppe?'"

Neues Album "Popsongs" verbindet Genres

Wie das klingen kann, zeigt Jan Vogler in seinem neuen Album "Popsongs". Darauf erzählt er mit seinem Cello die Musikgeschichte von Monteverdi bis Michael Jackson - gemeinsam mit dem BBC Philharmonic und dem Dirigenten Omer Meir Wellber.

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Dreigestirn aus Spielstätte, Programm & Künstler

Außerdem geht Jan Vogler als Intendant der Dresdner Musikfestspiele mit gutem Beispiel voran, was neue Präsentationsformen der Klassik betrifft. Dort gibt es viele ungewöhnliche Formate. Wichtig dabei ist seiner Meinung nach das Dreigestirn aus Spielstätte, Programm und Künstler. "Wir haben in Dresden das Glück bei den Festspielen das Glück, dass wir unglaublich viele wunderschöne Spielstätten haben, wie z.B. die Frauenkirche oder die Semperoper (...) Wichtig ist dann, dass man diese Spielstätten mit der Musik und den Künstlern zusammenführt, dass man dann eine Geschichte erzählt, die so schlüssig ist, dass der Konzertbesucher sagt: 'Ok, da muss ich hin, denn das Stück in diesem Saal, das muss ich unbedingt hören.'

Von jung bis alt

Und so ist z.B. das Format "Classical Beats" enstanden: in einer alten Backstein-Reithalle wird ein klassischens Konzert gegeben, anschließend legt ein DJ auf. Dabei hat Jan Vogler gemerkt, dass sich auch ältere Konzertbesucher gerne unter die jüngeren Leute gemischt haben.  Die hätten sich zwar fast entschuldigt und meinten, sie gehörten vielleicht nicht dorthin, wollten aber trotzdem dabei sein, berichtet Jan Vogler.

Jeder möchte mit jungen Menschen zusammen sein. Umgekehrt ist für die jungen Menschen auch die Kontinuität der menschlichen Geschichte wichtig und sie können sich von manchen älteren Leuten Geschichte erzählen lassen, die sie widerum nicht erlebt haben.

Stammpublikum halten & neues Publikum anziehen

Sozusagen ein Generationenaustausch durch die Musik. Deshalb sei es auch so wichtig, dass Stammpublikum nicht zu vernachlässigen: "Das finde ich immer ganz peinlich, wenn jemand sagt:'Unser Publikum wird immer älter'. Ja, was heißt das, bitteschön? Das ist schon fast diskriminierend.  Natürlich ist jedes Publikum willkommen im Saal, egal welchen Alters. Insofern kann man durchaus sanft und auch sensibel dem Stammpublikum neue Farben zeigen und gleichzeitig dadurch auch ein neues Publikum heranführen. Es kommt immer darauf an, dass man sich dabei Mühe gibt."

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