Ein verkabeltes Publikum im Konzertsaal
Mischa Lorenz
Ein verkabeltes Publikum im Konzertsaal
Verkabelt im Konzert

Was macht Live-Musik mit uns und unserer Stimmung?

„Experimental Concert Research“ versucht herauszufinden, was Konzerte mit uns machen und welche Parameter uns am meisten bewegen.

Was fühlen Sie beim Konzertbesuch?

Für viele ist Live-Musik immer ein ganz besonderes Erlebnis, von dem man noch Tage später zehren kann. Aber was genau macht diese Art von Kulturerlebnis mit uns und was bewegt uns daran am meisten? Die Forschung „Experimental Concert Research“ versucht Antworten auf diese Fragen zu finden. Bereits seit vier Jahren arbeitet ein internationales Forschungsteam am Aufbau der Untersuchung und in diesem Jahr findet eine Konzertreihe statt, bei der das Publikum genauer unter die Lupe genommen wird. „Experimental Concert Research untersucht erstmalig und detailliert das Konzerterleben. Was macht es eigentlich aus alleine oder gemeinsam ein Konzert anzuhören? Warum ist es gegebenenfalls eine attraktive Kulturform oder für andere auch eine weniger attraktive Kulturform?“, erzählt Prof. Dr. Martin Tröndle, Leiter der Untersuchung im Gespräch mit Klassik Radio.

Mit Kabel am Finger im Konzert

Bei den Konzerten werden die Besucherinnen und Besucher verkabelt, um jede Reaktion und körperlicher Veränderung während des Konzerts festhalten zu können: „Es gibt zuerst eine umfangreiche Eingangsbefragung: […] Musikwissen, eigene Musikpräferenzen und dann gehen die Personen ins Konzert und werden verkabelt. Wir messen die Herzrate, die Hautleitfähigkeit und Atmung. Sie hören dann die Konzerte und nach dem Konzert bekommen die Probanden wieder einen Fragebogen.“ In diesem Fragebogen sollen die persönlichen Eindrücke festgehalten werden. Es werden die Erwartungen und Erfahrungen gegenübergestellt. Am Ende wird bei der ersten Untersuchung also nicht der einzelne Proband mit den anderen, sondern nur mit sich selbst verglichen. „Wir versuchen herauszufinden, wer hört was, wie und warum. Ist es die Interpretation, die den Unterschied macht oder das Arrangement, das Programm, die Atmosphäre des Saals, die Komposition oder ist es der Besucher, die Besucherin mit ihrem jeweiligen Hintergrund- und Vorwissen“, erklärt Tröndle.

Jedes Konzert ist ein eigenes Experiment, bei jedem Konzert werden Parameter verändert.
Prof. Dr. Martin Tröndle

Jedes Konzert ist anders

Bei der Konzertreihe ist jedes Konzert ein eigenes Experiment. Jedes Mal werden Parameter verändert und unterschiedliche Faktoren beobachtet: „Die kommende Konzertreihe kann von allen besucht werden und es gibt auch noch freie Plätze. Jedes Konzert wird anders, jedes Konzert wird spannend sein und wir hoffen danach zu wissen, welchen Einfluss hat [Live-Musik] auf welche Personengruppe.“

Prof. Dr. Martin Tröndle
Mischa Lorenz
Prof. Dr. Martin Tröndle

Bisherige Parameter

Bei den bisherigen Live-Auftritten wurde zum Beispiel der Einfluss der ausgewählten Künstlerinnen und Künstler untersucht: „Wir hatten zwei sehr erfolgreiche Abende, beide waren ausverkauft. Zum einen mit dem noch jungen Yubal Ensemble und zum anderen das Epitaph Ensemble […] da haben wir beispielsweise die Wirkung von einem jungen up coming Ensemble vs. einem international wahrgenommenen Ensemble untersucht.“

Noch ein langer Weg

Nach Beendigung der Untersuchungen geht es für die Forscherinnen und Forscher an die Auswertung der Daten: „Wir hoffen, in den nächsten zwei bis fünf Jahren all die Daten ausgewertet zu haben. Es ist eine große Datenmenge: Wir haben 1200 Besucher*innen […] und das alles dauert natürlich seine Zeit.“

Weiterhin finden in Berlin die unterschiedlichsten Klassik-Konzerte statt. Es sind noch immer Plätze frei und jeder kann mit seinen eigenen Emotionen Teil des spannenden Projekts werden.

(26.04.2022/ A. Kohler)