Für den Netflix-Erfolg "Bridgerton" verwandelt das Vitamin String Quartett Songs internationaler Stars in elegante Arrangements für Streichquartett – und treffen damit den Nerv von Klassikliebhabern wie Serienfans gleichermaßen. Im Interview sprechen sie über ihre Arbeit am Bridgerton-Soundtrack, über die Kunst der Reduktion und darüber, warum sich Musik von heute überraschend gut in eine Klangwelt des 19. Jahrhunderts einfügt.

Wenn in "Bridgerton" prunkvolle Bälle, höfische Intrigen und große Gefühle aufeinandertreffen, ist es oft die Musik, die die Szenen unvergesslich macht. Zum Start der neuen Staffel suchen viele Fans wieder nach dem besonderen Erfolgsgeheimnis des Netflix-Soundtracks: Popmusik als Streichquartett. Verantwortlich für zahlreiche dieser Arrangements ist das Vitamin String Quartet, ein US-Ensemble, das internationale Hits in klassische Fassungen verwandelt – und damit den unverwechselbaren Klang der Serie prägt.
Produzent und Arrangeur Jim McMillen arbeitet seit über 25 Jahren an der Schnittstelle zwischen Pop und Klassik. Für den "Bridgerton"-Soundtrack hat er Musik von Künstlerinnen und Künstlern wie Ariana Grande, Billie Eilish, SZA oder Maroon 5 in elegante Arrangements für zwei Violinen, Viola und Cello übertragen.
Im Interview mit Klassik Radio-Moderatorin Evita Helling spricht Jim McMillen darüber, wie die „Übersetzung“ vom Popsong zum klassischen Streichquartett funktioniert, welche Herausforderungen Jazz- und R&B-Harmonien mit sich bringen, wie sich seine Arbeit von Komponisten wie Ludwig van Beethoven unterscheidet – und warum Serien wie "Bridgerton" heute weltweit ein neues Publikum für klassische Musik begeistern.
Klassik Radio: Wie ist der Prozess der „Übersetzung“ von einem Popsong zu einem Stück fürs Streichquartett?
Jim McMillen: Zunächst bekomme ich einen Anruf – es gibt eine Idee für ein neues Album. Wir sind eine große kreative Gruppe, die am Vitamin String Quartet arbeitet, da passiert so etwas sehr oft.
Die Grundidee lautet immer: Das neue Album muss besser sein als das letzte. Eine neue Idee war zum Beispiel, die Musik von SZA zu bearbeiten. Darüber war ich zunächst überrascht – das ist alternativer R&B.
Ich war mit ihrer Musik nicht vertraut und musste sie mir erst einmal anhören. Ziel ist es immer, die Essenz einzufangen.
Neulich haben wir das beispielsweise mit „K-Pop Demon Hunters“ gemacht. Dort ist die Essenz vor allem Energie – und genau diesen energetischen Überschuss müssen wir von Anfang bis Ende einfangen. Bei SZA wiederum waren es ein starker Puls und viel Atmosphäre.
Wenn ich diese Essenz herausgearbeitet habe, geht es an die Notenblätter – meist gemeinsam mit meiner Frau, wir unterstützen uns gegenseitig. Das ist die eigentliche Arbeit: das Arrangieren.
Klassik Radio: Besonders Beethoven war berühmt für seine Streichquartette – wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von seiner?
Jim McMillen: Die Melodie steht im Zentrum, aber es gibt bei uns keinen „Helden“ im Quartett. Beethoven hat seine Werke so komponiert, dass sie von anderen gespielt werden konnten – es ging um musikalische Unterhaltung beim Spielen. Die Stücke mussten gut klingen und spielbar sein, mit klar verteilten Aufgaben, vor allem für die erste Violine, die in der Klassik und Romantik häufig die führende Rolle hatte.
Dieses Schema existiert bei uns nicht. Bei uns sind gewissermaßen alle die erste Violine. Jeder darf die Melodie spielen. Genau das macht es anspruchsvoll: Wenn etwa das Cello die Melodie übernimmt, müssen die anderen Instrumente die passende Atmosphäre gestalten. Das ist manchmal eine Herausforderung.
Serien sind das neue Kino – und ihre Musik steht der großen Leinwand längst in nichts mehr nach. Auf Klassik Radio Plus – Serien Hits erleben Sie die schönsten Soundtracks aus Erfolgsproduktionen von Netflix & Co.: opulente Orchesterpartituren, bewegende Titelmelodien und moderne Klassiker, die im Kopf bleiben.
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Klassik Radio: Gibt es weitere Schwierigkeiten beim Arrangieren?
Jim McMillen: Einige Popsongs sind sehr repetitiv. Wenn man nur die Instrumentalversion hört, würde man sie kaum erkennen. Die Essenz und die Textur herauszuarbeiten, kann durchaus Zeit in Anspruch nehmen – aber umso schöner ist es, wenn es gelingt.
Besonders anspruchsvoll sind Jazz- oder R&B-Stücke. Dort bestimmt die Form die Funktion. Je weniger man sich gegen diese Notwendigkeit wehrt, desto überzeugender klingt es.
Im Fall von SZA bestehen viele Akkorde aus fünf Tönen, also klassischen Jazzakkorden. Die Melodie übernimmt ein Instrument, die Basslinie spielt das Cello. Dann bleiben zwei Instrumente für die übrigen drei Töne. Man muss also entscheiden, welche Töne wesentlich sind. Gleichzeitig gibt es ein starkes rhythmisches Element. Die Herausforderung besteht darin, die Jazzharmonik verständlich zu machen und zugleich den Groove des Originals zu bewahren. Das ist wahrscheinlich die größte Aufgabe.
Klassik Radio: Sie sind seit 26 Jahren Produzent und Arrangeur – welchen Wandel haben Sie in der Musikwelt beobachtet?
Jim McMillen: 1999 habe ich mit dem Team des Vitamin String Quartet an meinem ersten Album gearbeitet. Das war damals ein wenig wie im Wilden Westen. Wir wussten nicht genau, was wir tun – selbst der Name existierte noch nicht.
Zwischendurch haben wir auch Orchesterprojekte umgesetzt, sind dann aber bewusst zum Streichquartett zurückgekehrt. Dort haben wir unseren Stil gefunden. Es ist besonders schön zu erleben, dass wir heute Menschen für klassische Musik interessieren können, die sonst kaum Zugang dazu hätten.
Streichmusik ist in den letzten Jahren populärer geworden – in Werbung, Filmen und Serien wie Bridgerton. Natürlich fragen wir uns manchmal, ob wir vielleicht einen kleinen Anteil an dieser Entwicklung haben. Vielleicht haben wir diese Welle sogar mit angestoßen.

Klassik Radio: Klassische Elemente finden immer häufiger Eingang in die Popmusik. Liegt das auch an populären Interpretationen wie Ihren?
Jim McMillen: Ich denke, das ist eine ganz natürliche Entwicklung. Schon 1958 hat Leonard Bernstein vorhergesagt, dass Popmusik immer minimalistischer werden würde – dass nach und nach Elemente verschwinden, bis vielleicht nur noch eine Trommel und eine Melodie übrig bleiben. Und er hatte recht.
Interessanterweise entsteht daraus wieder ein Bedürfnis nach Erweiterung. Es kommen erneut komplexere, auch klassisch inspirierte Elemente hinzu – vielleicht nicht auf dem Niveau Bernsteins, aber doch spürbar.
Klassik Radio: Spiegelt sich das auch in den Songs wider, die Sie bearbeiten?
Jim McMillen: Auf jeden Fall. Musik wird komplexer, besonders im K-Pop-Bereich. Dort gibt es eine enorme Vielfalt, kaum noch feste Regeln. Das eröffnet uns neue Perspektiven auf das Streichquartett. Durch diese Entwicklung wachsen auch wir – und haben das Gefühl, mit jedem Album besser zu werden. Es bleibt spannend.
Klassik Radio: Viele junge Menschen finden durch Ihre Musik zur Klassik – war das Ihre Absicht?
Jim McMillen: Es war nie unsere ausdrückliche Absicht, sondern ein wunderbarer Nebeneffekt. In der Zeit der Plattenläden funktionierte das sehr gut: Man mochte eine Band, wollte mehr hören, aber es gab nichts Neues – also griff man zu einem Tribute-Album.
Heute läuft vieles anders, doch Film und Fernsehen schaffen neue Zugänge. Wir sind sehr dankbar, dass wir auf diesem Weg viele junge Menschen für klassische Musik begeistern dürfen.
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