Der "Chor der Strawanzer" soll obdachlosen, wohnungslosen und einsamen Menschen durch gemeinsames Musizieren Freude schenken. Sophia Rieth, Organisatorin des „Chor der Strawanzer“, erzählt vom Beginn des Chors und ihren Wünschen für den Chor.

„Man läuft hinein, sieht dann schon die ganzen bunten Räume der Münchner Stadtbibliothek, und da gibt es einen Raum, das Mitmach-Lab. (…) Man kommt rein in den Raum, man riecht Kaffeeduft, man sieht, dass auch weitere Getränke auf dem Tisch stehen, dass es da Kuchen gibt und dass schon Instrumente, eine Gitarre und verschiedene Percussion-Instrumente bereitliegen.“
So beschreibt Sophia Rieth, die Leiterin der Hidalgo Werkstatt und Organisatorin des „Chor der Strawanzer“, die einladende Atmosphäre im Mitmach-Lab.
Nachdem alle angekommen sind und sich ausgetauscht haben, stimmt Chorleiter Raphael Kestler ein paar Lieder mit seiner Gitarre an – am liebsten die Wünsche seiner Sänger.
Von „Über sieben Brücken musst du gehen“ von Peter Maffay, über „Blowing in the Wind“ von Bob Dylan bis hin zu türkischen Liedern, erstreckt sich das Repertoire des Chors. „Und neben den klassischen Liedern entsteht auch immer wieder eine Art Community-Musik (…), die aus dem Moment entsteht.“, erzählt Sophia Rieth.
Die Grundidee, Obdachlose in ein Kunstprojekt zu integrieren, entstand bereits vor zwei Jahren. Der damalige Festivalleiter Tom Wilmersdörffer dachte im Rahmen eines Festivals unter dem Arbeitstitel „Kunst und Kommerz“ an eine singende Demo durch München.
„Und dann schoss es ihm so durch den Kopf: ‚Das wäre ja toll, wenn da Obdachlose mit dabei wären.‘ Und ich bin erstmal (…) zurückgeschreckt, weil ich dachte: ‚Oh Gott, das ist so eine Instrumentalisierung, das könnte ganz schieflaufen.‘ Aber ich fand an sich seinen Gedanken, auch diese Personen mit reinzunehmen in ein Kunstprojekt, total toll.“.
Deswegen hat sich Sophia Rieth weiter mit dem Thema beschäftigt, sich über wohnungs- und obdachlose Menschen informiert und überlegt: „Wie können wir ein Projekt schaffen, was ihnen wirklich entspricht und worauf sie Lust haben?“
Im Zentrum steht dabei etwas mit den Menschen zu erreichen – und nicht etwas für die Menschen zu schaffen.
„Und da ist es für mich als Leiterin der Werkstatt total wichtig, (…) etwas zu machen, was Leute betrifft oder mit Leuten zu arbeiten, die nicht selbst klassischerweise in ein Konzert oder in Vermittlungsprogramme unterschiedlicher Art kommen. Und die auch nicht so einen klassischen Zugang zu Teilhabe in unserer Gesellschaft haben. Sodass es mir wichtig war, auch ein Angebot zu schaffen, in dem ich eine Zeit habe, die sich nicht mit den Sorgen des Alltags beschäftigt.“
Bevor der Chor starten konnte, stellte sich das Team bei Einrichtungen der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe vor. Es ging darum, Vertrauen aufzubauen. „Wohnungslose Menschen haben absolut jemanden, der sie schützt“, sagt Rieth. Diese Einrichtungen entscheiden mit, ob ein Zugang sinnvoll ist – „die Türsteher“, wie sie sie nennt.
Nach Gesprächen, Plakaten und Flyern ging das Team direkt zu den Menschen: etwa mit der „Aktion Brücke Obdachlosenhilfe“ bei Versorgungstouren in München. Dort wurde der Chor vorgestellt, gesungen, gespielt, zugehört. „Und so haben wir eigentlich schon das gemacht, was wir auch im Chor machen würden: gemeinsam gegessen und gemeinsam gesungen.“
Und auf dieser Werbetour hat sich schon ein erster Erfolg des Chors gezeigt. Ein Mann mit Clownsnase wurde neugierig, als er Chorleiter Raphael Kestler spielen gehört hat:
„Er hatte sich gerade sein Essen geholt, setzte sich zu ihm, und ich glaube, sie haben danach dann gemeinsam „My Way“ von Frank Sinatra gesungen, gespielt. Als das Lied aus war, sagte Raphael zu ihm: ‚Guten Appetit.‘ Und er antwortete: ‚Die Musik war jetzt meine Nahrung.‘ “
Nach der Werbetour folgte die erste Probe des „Chor der Strawanzer“ am 8. Mai. Und diese übertraf die Erwartungen. Ein Teilnehmer, den das Team bereits von der Werbetour kannte, brachte direkt eigene Instrumente mit und begann zu spielen. „Und so wurde die erste Session gar nicht so ein (…) ‚Jetzt schauen wir mal, wie es losgeht‘, (…) sondern es haben direkt alle dazu mitgesungen und es war gleich eine wunderbare Stimmung miteinander.“
Aktuell kommen zwischen drei und sieben Menschen. Wenig auf dem Papier, aber ein großer Erfolg für den Anfang. „Ehrlicherweise war das für unsere Arbeit, die wir im Vorhinein hatten, jetzt schon ein totales Kompliment, dass zur ersten Session überhaupt welche gekommen sind. Denn überhaupt das Vertrauen zu haben, zu jemandem, den man davor vielleicht mal kurz erlebt hat, (…) das fand ich schon eine totale Ehre.“
Bei dem „Chor der Strawanzer“ steht nicht musikalische Exzellenz im Vordergrund, sondern der Moment selbst, das „gemeinsam singen“.
„Weil ich finde, Singen, und zumal gemeinsam Singen, kann das Herz berühren. Und es mag jetzt kitschig klingen, aber kann dich auch erden in dem Moment (…) und etwas anderes, was auch alles dein Leben ausmacht, spielt jetzt für den Moment keine Rolle.“
Und im besten Fall stoßt die Musik darüber hinaus noch mehr an:
„Wenn ich dann vielleicht sogar später mehr Mut entwickle, vielleicht meine Stimme zu erheben oder kreativer in Problemlösungen zu werden, weil die Musik und dieses ‚gemeinsam sein‘, mir was gibt, was vielleicht mir einen Stups für was anderes im Leben gibt, dann ist es total toll für Weiteres. Aber wenn überhaupt das im Moment Zusammensein, zusammen Singen eine gute Zeit gibt, dann ist mein Wunsch schon total erfüllt.“, schwärmt die Organisatorin vom „Chor der Strawanzer“.
Aber, wenn es schon um Wünsche geht… Sophia Rieth hätte da noch einen: finanzielle Unterstützung – oder ein Kuchen hilft auch schon:
„Derzeit können wir das Projekt ein halbes Jahr lang machen. Das heißt, bis Ende Oktober. (…) Schaut auf unsere Website vom Hidalgo Festival den „Chor der Strawanzer“ an. Da findet ihr uns, da könnt ihr uns kontaktieren, da könnt ihr direkt Geld dalassen oder auch einfach sonst mit uns in Kontakt kommen.“
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