Die Wahre Geschichte der Woche: Marotten

Ausgewählt von Larissa BothorDie Wahre Geschichte der Woche: Marotten

Jede Woche wählt ein Mitglied aus der Redaktion eine persönliche Wahre Geschichte der Woche aus und verleiht ihr eine besondere Note.

Die Wahre Geschichte der Woche: Marotten Foto: Klassik Radio

Diese Woche kommentiert Larissa Bothor:

Fimmel, Eigenart, Spleen, Schrulle, Unsitte, Tick, Laune, seltsame Gewohnheit, wunderliche Neigung…es gibt viele Bezeichnungen für das Thema, um das es heute in unserer „Wahren Geschichte“ geht: die Marotte.

Ja, spinn ich denn…?!

Jeder hat eine, da bin ich mir sicher…irgendeine Angewohnheit, die entweder sinnvoll ist oder absolut sinnlos. Um ein paar Beispiele zu nennen…das Sortieren von Gummibärchen nach Farbe, bevor man sie isst. Und dann natürlich auch nur in einer ganz bestimmten Reihenfolge. Wieder andere müssen alles parallel anordnen, oder sortieren das Besteck im dafür vorgesehenen Korb in der Spülmaschine beim Einräumen. Wie gesagt, manche Angewohnheiten können auch durchaus sinnvoll sein.

Klassische Eigenart

Auch in der Klassik Welt finden sich Künstler mit solchen Angewohnheiten. Pianist Glenn Gould zum Beispiel konnte nur Klavier spielen, wenn er auf einem Stuhl saß, der halb so niedrig war, wie ein gewöhnlicher Klavierhocker und: wackeln musste er!

Kollege und Star-Pianist Joja Wendt hat uns verraten, dass eine seiner Angewohnheiten sei, schnell Dinge erledigen zu wollen und teilweise sehr ungeduldig ist. Und über Mozart müssen wir gar nicht erst reden, denn der war ja wirklich schräg für seine damalige Zeit. Wenn ihm langweilig war, hat er einfach angefangen zu miauen und von Möbel zu Möbel zu springen, wie eine Katze. Und falls Sie sich jetzt fragen, was meine Marotten sind; ich habe einige, aber die fallen mir gerade nicht ein….

Aber was bringen Marotten? Warum tun wir das überhaupt? Es geht wohl darum, ein bisschen Ordnung im Alltag zu schaffen und sich auf Abläufe verlassen zu können, wenn der Rest unberechenbar ist. Es ist fast wie ein liebgewonnenes Ritual.

Woher kommt eigentlich der Begriff

Marotte ist die französische Bezeichnung für eine, auf einem Stab angebrachte Puppe beim Puppenspiel. Aber auch das Zepter der Narren war ein Stecken mit Schellen und einem Narrenkopf darauf. Früher meinte man dann mit dem Ausspruch, dass jemand „eine Marotte hatte“; dass der oder diejenigen komischen Ideen oder Verhaltensweisen hatte, wie eben die Narren damals am Hofe.

Was ich aber erst durch unsere „Wahre Geschichte“ gelernt habe, dass früher teilweise wirklich geistig erkrankte Menschen an den Hof geholt wurden, und als dann durch die Kreuzzüge die höfische Kultur des Orients auch in den Westen kam, waren die „Spaßmacher“ gern gesehen.

Einzigartig

In jedem Fall denke ich, dass uns diese kleinen Eigenarten zu etwas Besonderem machen. Zum einen liefern sie aber auch Gesprächsstoff, können uns verbinden, wenn das Gegenüber demselben Tick verfallen ist, grenzen uns aber auch ab und machen uns zu dem Individuum, das wir sind.

Und zudem wusste ja schon Erasmus von Rotterdam: „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“

Viele Grüße

Larissa Bothor

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