Die Wahre Geschichte der Woche: Waldorfschulen

Ausgewählt von Daniel RegenerDie Wahre Geschichte der Woche: Waldorfschulen

Jede Woche wählt ein Mitglied aus der Redaktion eine persönliche Wahre Geschichte der Woche aus und verleiht ihr eine besondere Note.

Die Wahre Geschichte der Woche: WaldorfschulenFoto: Klassik Radio

Diese Woche kommentiert Daniel Regener:

Gerade in Zeiten der Angst und Verunsicherung, wo Pandemien, Klimakrisen und politische und kriegerische Konflikte nach Sicherheit und seelischer Integrität unserer Kinder verlangen, ist Waldorf so modern wie damals…

… als durch die Industrialisierung und den folgenden Ersten Weltkrieg ein gesamtgesellschaftliches Erdbeben in unsere Mitte einschlug. Erst wurden der Mensch und seine Arbeit durch die Maschinen infrage gestellt und dann wurde durch den Krieg offenbar, zu welchen Gräueltaten der Mensch überhaupt fähig ist. Die Chance solcher Katastrophen ist aber auch die nahe und zwingende Möglichkeit und Notwendigkeit zur Veränderung. Gesamtgesellschaftlich. Also auch im Bildungswesen, namentlich den Schulen, die im frühen 20. Jahrhundert zu verstaubten und sogar brutalen Orten verkommen waren.

Schulen als Ort des Grauens und der sozialen Ausgrenzung

Zwar bestand die allgemeine Schulpflicht (mit all ihrem Potential) nun schon einige Jahrzehnte, doch auch in den Klassen und Schulformen spiegelten sich stark die gesellschaftlichen Hierarchien und sozialen Unterschiede wider. Gymnasien waren den oberen Schichten vorbehalten, Elementarschulen den Arbeiter- und Bauernkindern. Der Unterricht wurde dabei nicht an den Kindern und ihrem Wesen und ihren Bedürfnissen ausgerichtet, sondern nach gesellschaftlichpolitischen oder religiösen Vorschriften und Strategien – und mit körperlicher Züchtigung umgesetzt. Man sprach sogar von „Zwangsschulen“ und „Seelenmorden“ an den Kindern. Neue Bildungskonzepte, sogenannte Reformpädagogik, suchten sich Bahn, dazu gehören z.B. die Montessori-Schulen und wohl am bekanntesten: die Waldorfschulen nach Konzepten von Rudolf Steiner.

Kinder spielen draußen
Foto: Photo by Artem Kniaz on Unsplash

Was macht „Waldorf“ besonders?

Für viele beschränkt sich Waldorf auf Klischees: Es gibt keine Zensuren, kein Sitzenbleiben und Namen werden getanzt. Das ist leider aber nur billige Etikettierung aus Unwissen. Warum gibt es denn keine Zensuren? Weil Kinder nicht nach einem Prinzip der Auslese oder Konkurrenz (aus)sortiert werden, sondern in einem Miteinander in ihrem eigenen Tempo zu eigenständigen Wesen wachsen sollen. Deshalb gibt es zwar keine Zensuren, sehr wohl aber Zeugnisse mit detaillierten Beschreibungen zum individuellen Leistungsfortschritt und den Begabungen. Dies ist viel mehr als irgendeine Zahl irgendeines Faches.

Raum für Fantasie

Es werden übrigens nicht nur Namen getanzt, sondern Bewegung generell ist wichtig und künstlerische Inhalte spielen eine große Rolle. Neben Sachkunde werden die schöpferischen und handwerklichen Fähigkeiten geweckt und gefördert. Auswendiglernen oder Wissen ausspucken kann letztendlich jeder Computer. Aber in unserem Kreativsein steckt das große Potential von uns Menschen. In unserer Fantasie. Neben regelmäßigen Fachstunden (wie in anderen Schulen auch), gibt es sogenannten Epochenunterricht, eine große Stärke. In diesem Epochenunterricht wird über mehrere Wochen ein bestimmtes Sachgebiet täglich konzentriert erschlossen, quasi eine Projektzeit. So taucht das Kind viel tiefer in eine Materie ein, z.B. eine historische Zeit, als durch einmal wöchentlichen Geschichtsunterricht.

Waldorf ist modern, mehr denn je

Natur und ihre Rhythmen bewusst und nachhaltig erleben, die Welt in allen Facetten entdecken und auch im Kontext eines größeren Ganzen, und das in einer Schule als Ort der Begegnung für eine ganzheitliche Entwicklung, ich finde, das ist moderner denn je. Ja, letztendlich ist Waldorfpädagogik v.a. eines: Die Erziehung zur Freiheit. Zur Freiheit im Denken. Damit aus Kindern starke, kritische, und feinfühlige erwachsene Menschen werden (können). Eigentlich Ziele, die jede Schule haben sollte. Gerade in unserer heutigen Zeit mehr denn je. 

Herzliche Grüße

Ihr Daniel Regener (der übrigens entgegen dem bestimmt entstandenen Anschein leider nicht auf einer Waldorfschule gewesen ist … )

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