„Ich spiele nicht die Musik, sondern die Musik spielt mich“ – Rüdiger Meng komponiert in Echtzeit

MENG - The Art Of LiveComposition „Ich spiele nicht die Musik, sondern die Musik spielt mich“ – Rüdiger Meng komponiert in Echtzeit

Wenn er sich ans Klavier setzt, ist alles möglich. Rüdiger Meng komponiert live auf der Bühne – ohne Netz, ohne doppelten Boden. Damit hat er schon Musiklegenden wie Quincy Jones, Phil Collins oder Simply Red beeindruckt. Im Interview mit Klassik Radio-Redakteurin Farah Losch erzählt er, warum diese Form der Live-Komposition für ihn die höchste Disziplin ist – und ein klares Statement gegen KI und durchgeplante Shows.

Rüdiger MengFoto: MENG - The Art Of LiveComposition

Rüdiger Meng ist Live-Komponist. Er setzt sich an den Flügel und fängt an zu spielen – ohne Vorbereitung. Was dabei herauskommt ist eine Mischung aus Klassik, Smooth-Jazz und Pop. „Das ist die Offenbarung von Herz und Seele eines Musikers pur zu 100 %. Da kann man nichts mehr dran reparieren. Ich gehe auf die Bühne, stehe musikalisch nackt da und spiele mein Konzert.“ Und dadurch ist jedes seiner Konzerte einmalig – und unwiederholbar.  

Aber wie genau funktioniert das? Meng vergleicht seine Live-Komposition mit der von Filmen. Ihm erscheinen innere Bilder, die er dann in Echtzeit in Musik verwandelt: „Das ist alles offen, jede Sekunde ist offen, jede Sekunde ist neu. Genau in diesem Moment, wenn ich spiele, kommt dann auch das Nächstfolgende. Ich weiß aber nicht, wie es weitergeht. Weder den Anfang noch den Schluss. Ich habe keine Vorbereitung, ich habe keine Idee, wie es weitergeht. Es entsteht alles in diesem Moment.“  

Inspiration im Moment

Damit etwas entstehen kann, braucht Rüdiger Meng aber auch Inspiration. Die findet er in dem Gebäude und dem Raum, in dem er sich befindet, in Bildern und dem Flügel, den er spielt. 

Aber auch das Publikum spielt eine wichtige Rolle. Manchmal inspiriert ihn ein einzelner Zuschauer oder die Ausstrahlung des gesamten Publikums. „Somit wird das Publikum auch Teil der Komposition. Sie sind also nicht nur passive Zuhörer, sondern sie finden sich dann auf ihre Art und Weise auch in dem Stück wieder, das ich in dem Konzert spiele.“

Mehr als Improvisation

Einfach ans Klavier setzen und losspielen – das klingt ähnlich zur Improvisation. Für Rüdiger Meng gibt es aber einen wichtigen Unterschied. Bei der Improvisation „spielt man frei über Stücke, über Harmoniegerüste improvisiert man“. Bei der Live-Komposition komponiert Rüdiger Meng jedoch in Echtzeit komplett fertige Stücke mit Struktur.  

„Never heard this before.“ - Quincy Jones

Und davon hatte selbst Quincy Jones, Produzent von Michael Jackson und Frank Sinatra, noch nichts gehört. 

Rüdiger Meng war in Los Angeles, er hat im gleichen Studio aufgenommen wie Jones. In einer Pause hat sich Meng an ein Klavier im Studio gesetzt und live komponiert. „Und Quincy Jones kam auf mich zu und sagte: ‚Was machst du da? Das klingt irgendwie anders.‘ Da sage ich, ich mache Live-Kompositionen. Also ich spiele jetzt das, was aus mir rauskommt. Aber als Komposition, keine Improvisation. Und da hat er gesagt, das habe ich noch nie gehört. Und sowas, dass jemand so etwas macht, kennt er von keinem Musiker.“  

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„Die Königsdisziplin in meiner musikalischen Entwicklung“

Rüdiger Meng hat den berühmten Produzenten aber nicht nur getroffen, sondern auch mit ihm, sowie unter anderem Phil Collins und Simply Red zusammengearbeitet. Und trotzdem bezeichnet er „The Art OfLiveComposition“ als die Königsdisziplin in seiner musikalischen Entwicklung: „Ich habe unheimlich viel gelernt von den ganzen Menschen, die ich da in meiner Laufbahn kennengelernt habe. Aber alles das, was ich da jetzt gelernt habe, das habe ich alles vollkommen über Bord geworfen für diese Art von Konzerten.“ 

Denn bei seinen Live-Kompositionen will sich Meng nicht von Regeln – oder Gelerntem – einengen lassen. Das Einzige, das er aus seinem erlernten Wissen auf der Bühne wirklich braucht, ist die Technik, Klavier spielen zu können.   

Live und unberechenbar statt vorprogrammiert 

Ein großer Schritt weg von der Musik, wie wir sie kennen – und ein Risiko, das Rüdiger Meng bei seinen Konzerten bewusst eingeht. „Der Hintergrund, warum ich das so mache, ist, dass es kontrapunktisch zu dem ist, was in der Musikszene jetzt immer mehr passiert durch die ganze KI-Musik, durch die ganze KI auch, die auf den Bühnen stattfindet. Heutzutage sind ja die meisten Konzerte zumindest dermaßen durchgeplant, alles, ob das Lichteffekte sind, ob das die Musik, der Ablauf, die Tontechnik – alles ist praktisch schon vorprogrammiert.“  

Ohne Netz – aber ohne Angst 

Und genau davon trennt sich Meng bei seinen Konzerten. Doch ohne Vorbereitung auf die Bühne zu gehen – macht das nicht nervös?  „Überhaupt nicht, nein. Weil ich das Vertrauen in mich selbst habe, in meine Musik, weil ich es ja schon sehr, sehr oft gemacht habe und auch täglich zu Hause mache. Meine Musik kommt immer aus mir heraus. Ich habe da wie so eine unerschöpfliche Quelle und es gab noch keine einzige Sekunde, wenn ich live komponiert habe, wo ich das Gefühl gehabt hätte, oh, jetzt war es aber schwierig oder jetzt hat's gehangen oder da wäre die Gefahr gewesen, dass mir nichts einfällt. Bisher, bis zum heutigen Tage noch nicht. Ich hoffe nicht, dass das irgendwann kommt. Aber das macht es ja auch spannend.“ 

Farah Losch / 10.02.2026

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